© 2026 Lisa Widerek · Charme & Chaos
Ich kann an einem Ziel erstaunlich lange festhalten. Bei einer anderen Sache bin ich nach fünf Minuten raus. Was von außen wie ein Widerspruch aussieht, hat für mich viel damit zu tun, wem das Ziel gehört, was es inzwischen kostet und ob sich in der Realität überhaupt etwas bewegt.
Ein sehr ausdauerndes „Nö“
Ich kann unglaublich konsequent sein. Ich kann aber auch etwas anfangen, kurz darauf „Nö“ sagen und es liegen lassen. Auf den ersten Blick ist das ein ziemlich schlechtes Bewerbungsschreiben für Disziplin.
Manchmal kommt mein „Nö“ bei erstaunlich wenig Widerstand. Jemand erwartet, dass ich etwas auf eine bestimmte Weise mache, weil man das eben so macht. Ich verstehe die Aufgabe, könnte sie vermutlich sogar erledigen, und trotzdem meldet sich in meinem Kopf eine sehr unfreundliche Frage: Warum zur Hölle sollte ich? Bei einem Ziel, das ich selbst wirklich will, gehe ich dagegen durch Schwierigkeiten, bei denen mir andere längst geraten hätten, die Sache sein zu lassen.
Früher hätte ich diesen Unterschied vielleicht unter „mal stur, mal sprunghaft“ abgeheftet. Das erklärt allerdings wenig. Es klingt, als gäbe es in mir einen geheimen Schalter für Durchhalten, der ausgerechnet dann versagt, wenn der Kalender „vernünftig“ sagt.
Was ich beobachte, ist eher eine laufende Prüfung. Gehört mir dieses Ziel noch? Wie hoch ist der Preis heute? Gibt es einen Weg, den ich noch nicht versucht habe? Was bekomme ich dafür, falls es klappt? Und verändert sich tatsächlich etwas oder bewege ich nur die Argumente in meinem Kopf hin und her?
Ich halte nicht durch, weil ich einmal beschlossen habe, durchzuhalten. Ich entscheide immer wieder neu, ob ich den nächsten Teil des Preises zahlen will.
Das ist keine Behauptung, ich würde meine Entscheidungen jederzeit kühl und fehlerfrei ausrechnen. Wer mich kennt, darf an dieser Stelle gern kurz lachen. Aber das Bild vom einmal gefassten Entschluss, dem ich dann jahrelang blind folge, trifft mein Erleben nicht.
Wem gehört das Ziel eigentlich?
Mein Durchhaltevermögen hängt stark daran, ob hinter einer Sache ein eigenes „Ich will“ steht. Wenn mir etwas wichtig ist, finde ich oft noch einen nächsten Versuch. Ich lese nach, frage nach, zerlege das Problem, baue einen anderen Plan. Manchmal macht mich das unglaublich handlungsfähig. Manchmal wünsche ich mir, mein Gehirn würde wenigstens für eine Stunde Feierabend machen.
Bei einem fremden „Du solltest“ sieht es anders aus. Selbst ein machbarer Schritt kann sich unverhältnismäßig teuer anfühlen, wenn ich keinen eigenen Grund dafür finde. Es wäre verführerisch, daraus eine einfache Geschichte über mein ADHS, meinen Autismus oder mein PDA-Profil zu machen. So einfach möchte ich es mir nicht machen. Ich beschreibe zunächst, was ich bei mir bemerke, nicht die Ursache.
Die Selbstbestimmungstheorie unterscheidet zwischen Motivation, die als selbstbestimmt erlebt wird, und Handeln unter Druck. Sie beschreibt Autonomie, Kompetenz und Verbundenheit als wichtige psychologische Bedürfnisse. Selbstbestimmtere Motivation kann mit anhaltenderem Engagement zusammenhängen. Dabei ist „selbstbestimmt“ nicht dasselbe wie „macht immer Spaß“: Auch eine mühsame Aufgabe kann ich als meine eigene Entscheidung ansehen. [1]
Das passt als Denkrahmen zu meiner Beobachtung. Es beweist nicht, dass die Theorie meinen persönlichen Schalter gefunden hat. Ich kann eine Pflicht aus guten eigenen Gründen übernehmen. Und ich kann eine Sache, die ich ursprünglich wollte, irgendwann nur noch deshalb fortsetzen, weil ich glaube, eine konsequente Person müsste das tun.
Vielleicht ist deshalb schon die Frage „Bin ich motiviert?“ zu grob. Ich möchte genauer wissen: Wofür genau bin ich gerade motiviert? Für das Ziel selbst? Für die Vorstellung, wie ich am Ende dastehe? Dafür, jemanden nicht zu enttäuschen? Oder nur noch dafür, nicht zugeben zu müssen, dass sich die Lage verändert hat?
Der nächste Schritt kann sinnvoll aussehen
Ich kenne eine unangenehm deutliche Version dieses Musters aus einer früheren Gewichtsabnahme. Ich hatte bereits sehr viel Gewicht verloren. Irgendwann war ich sehr dünn und müde von dem ganzen Prozess. Trotzdem gab es immer wieder eine plausible Begründung für den nächsten Schritt: Vielleicht verändert sich dann noch etwas. Vielleicht wird ein Problem kleiner. Vielleicht ist das Ergebnis erst nach diesem Zwischenziel so, wie ich es mir vorgestellt habe.
Ich schreibe das nicht als Erfolgsgeschichte. Ich möchte weder Zahlen noch Methoden daraus machen und schon gar keine Anleitung. Mich interessiert die Denkbewegung: Der Gesamtweg konnte zu teuer werden, während der unmittelbar nächste Schritt in meinem Kopf noch vernünftig klang.
Dass ich einen weiteren Schritt begründen kann, beweist nicht, dass der ganze Weg weiterhin gut für mich ist.
Gerade weil ich Ziele in kleinere Probleme zerlegen kann, entdecke ich fast immer noch eine veränderbare Variable. Das ist oft meine Stärke. Aus „Es klappt nicht“ wird „Vielleicht lag es an diesem Teil; den teste ich anders“. Bei einem technischen Problem würde ich mich darüber freuen. Bei meinem eigenen Körper hätte ich vermutlich früher und grundsätzlicher fragen müssen, ob ich das ursprüngliche Ziel noch wollte und welchen Preis ich inzwischen dafür zahlte.
Ich weiß nicht, wie oft ich damals tatsächlich neu entschieden habe und wie oft ich nur eine schon laufende Entscheidung mit einer besseren Begründung versehen habe. Diese Unsicherheit gehört zur Geschichte. Im Rückblick klingt jeder kleine Schritt ordentlich begründet. Rückblick ist nur leider ein miserabler Zeuge, wenn es um die Motive von gestern geht.
Ein beschissener Weg ist noch kein Gegenbeweis
Es gibt auch die andere Seite. Wenn etwas weh tut, nervt oder sehr anstrengend ist, folgt daraus für mich nicht automatisch, dass das Ziel falsch ist. Ich kann gleichzeitig denken: „Das ist gerade maximal beschissen“ und „Ich will trotzdem dorthin.“
Eine schwierige Ausbildung, ein kreatives Projekt, ein Konflikt, den ich klären möchte: In vielen Dingen kommt ein Punkt, an dem sich der Weg überhaupt nicht mehr nach der hübschen Anfangsidee anfühlt. Würde ich jede unangenehme Phase als Zeichen zum Abbruch lesen, käme ich bei manchen wichtigen Zielen nie über den Anfang hinaus. Dass ich Belastung aushalten kann, verschafft mir Raum für Versuche, Korrekturen und Lernen.
Die Forschung zu persönlicher Zielverfolgung behandelt Durchhalten und Ablösen deshalb als Entscheidungen, die vom Ziel, den Hindernissen und den verfügbaren Alternativen abhängen. Sie liefert keinen allgemeinen Satz, ab welcher Menge Frust ein Mensch aufhören sollte. [2]
Bei mir kommt noch etwas dazu: Solange ich einen nächsten Zug sehe, fühlt sich die Lage selten abgeschlossen an. Ich kann etwas herausfinden. Ich kann einen Fehler korrigieren, einen anderen Weg versuchen, eine fehlende Information besorgen. Durch Analyse wird aus einem riesigen, unbeweglichen Problem manchmal wieder eine Frage, an der ich arbeiten kann.
Banduras Konzept der Selbstwirksamkeit beschreibt die Überzeugung, durch eigenes Handeln etwas bewirken zu können. [3] Ich kann darin einen Bezug zu meinem Erleben sehen. Ob genau dieses Konzept meine Beharrlichkeit erklärt, weiß ich nicht. Was ich weiß: Ich brauche oft nicht die Gewissheit, dass es klappt. Die Möglichkeit, überhaupt noch sinnvoll handeln zu können, verändert schon viel.
Das macht einen schlechten Weg nicht automatisch gut. Es erklärt nur, warum „Es ist schwer“ für mich als Antwort auf „Willst du weiter?“ meistens nicht ausreicht.
Meine Fähigkeit, noch einen Grund zu finden
Hier kippt die Geschichte. Ich bin ziemlich gut darin, ein Problem von mehreren Seiten anzusehen. Ich finde neue Erklärungen, neue Zwischenziele, neue Wege. Wenn die erste Hypothese nicht trägt, baue ich eine zweite. Wenn eine Tür zu ist, möchte ich wissen, ob die Wand daneben vielleicht aus Pappe besteht.
Das kann klug sein. Es kann aber auch meinen Abbruchpunkt verschieben. Denn zu fast jeder Lage lässt sich noch ein mögliches Zukunftsszenario entwerfen, in dem sich ein weiterer Versuch lohnt. Die Frage ist dann nicht bloß, ob dieses Szenario denkbar ist. Sie lautet, ob die Wirklichkeit irgendeinen belastbaren Hinweis darauf gibt, dass es eintritt.
Verbessert sich gerade die Realität – oder nur mein Modell davon, warum sie noch nicht besser geworden ist?
Das ist keine mathematisch saubere Prüfung. Besonders in Beziehungen oder bei langfristigen Zielen kommen Veränderungen nicht im Wochenrhythmus mit Messprotokoll. Trotzdem merke ich einen Unterschied. Verändert jemand sein Verhalten? Wird ein konkretes Problem kleiner? Tragen Beteiligte ihren Anteil? Bin ich dem Ziel näher? Oder habe ich inzwischen vor allem eine immer elegantere Erklärung dafür, warum all das noch nicht zu sehen ist?
In einer Beziehung kann Verständnis für das Gegenüber sehr wertvoll sein. Ich möchte es nicht abschaffen. Aber Verständnis übernimmt nicht die Verantwortung des anderen Menschen. Wenn ich jede ausbleibende Veränderung einordnen und entschuldigen kann, ist mein Erklärungsmodell möglicherweise hervorragend. Die Beziehung wird dadurch nicht automatisch gegenseitiger.
An dieser Stelle bin ich selbst nicht gern mein eigener Prüfungsausschuss. Ich mag komplexe Erklärungen. Ich kann eine gute Hypothese fast körperlich befriedigend finden. Nur ist die Schönheit einer Erklärung leider kein Beleg für ihre Richtigkeit.
„Ich kann noch“ ist eine schlechte Messlatte
Nach belastenden Situationen werde ich oft wieder handlungsfähig. Ich kann erstaunlich viel tragen. Deshalb kann die Frage „Kann ich das noch aushalten?“ bei mir sehr lange mit Ja beantwortet werden.
Das sagt wenig darüber, ob ich es auch weiter tragen sollte. Ein Rucksack wird nicht leichter, weil meine Schultern stark sind.
Ich versuche, an dieser Stelle genauer hinzusehen. Ist der Preis seit der letzten Entscheidung gestiegen? Gibt es neue Informationen oder nur neue Erklärungen? Hat sich die Aussicht auf das Ziel verändert? Habe ich noch echte Handlungsmöglichkeiten? Würde ich diesen Weg mit dem, was ich heute weiß, noch einmal wählen? Und wenn ich von „wir“ spreche: Wer arbeitet gerade tatsächlich mit?
Die Forschung zu unerreichbaren Zielen zeigt, dass die Fähigkeit, sich von ihnen zu lösen und sich anderen Zielen zuzuwenden, mit Wohlbefinden und Lebensqualität zusammenhängen kann. In einer Metaanalyse waren die Zusammenhänge unterschiedlich stark und abhängig davon, was genau gemessen wurde. Daraus folgt weder „Aufgeben macht gesund“ noch eine Diagnose für irgendeine meiner Entscheidungen. [4]
Für mich steckt darin eine Erlaubnis, die ich theoretisch längst kenne: Eine früher sinnvolle Entscheidung muss nicht unter allen späteren Bedingungen sinnvoll bleiben. Ich muss nicht erst völlig zusammenbrechen, um die Rechnung erneut anzusehen.
Belastbarkeit ist eine Fähigkeit. Sie ist keine Verpflichtung, sie ständig bis zum Anschlag auszunutzen.
Der Vertrag hat kein automatisches Abo
Vielleicht hilft mir das Bild eines Vertrags mit mir selbst. Ich habe irgendwann einem Ziel und einem bestimmten Preis zugestimmt. Seitdem sind neue Informationen dazugekommen. Der Preis kann höher geworden sein. Vielleicht gibt es einen anderen Weg. Vielleicht ist das Ziel noch immer genau meines. Vielleicht hat es sich verändert.
Ein früheres Ja ist keine Unterschrift unter jede zukünftige Rechnung.
Dabei will ich mir nichts vormachen. In der ökonomischen Beschreibung sind bereits investierte Zeit, Mühe oder Geld vergangene Kosten. Für eine Entscheidung ab jetzt sollte zählen, was künftig zu erwarten ist. Der sogenannte Sunk-Cost-Effekt bezeichnet die Tendenz, allein wegen früherer Investitionen weiterzumachen. [5]
Subjektiv sage ich nicht: „Ich habe schon so viel investiert, also muss ich bleiben.“ Ich frage eher: „Ist das, was noch kommen könnte, den Preis ab heute wert?“ Das ist eine andere Frage. Sie macht mich aber nicht immun gegen den Denkfehler. Vergangene Investitionen können meine Hoffnung, meine Identität und meinen Blick auf den möglichen Gewinn längst mitgeformt haben. Mein heutiges Ja entsteht schließlich nicht im luftleeren Raum.
In der Forschung zur escalation of commitment wurde untersucht, warum Menschen nach negativen Rückmeldungen einem bereits gewählten Weg weitere Ressourcen geben. [6] Eine Laboraufgabe über Investitionen ist nicht mein Leben und erst recht keine fertige Erklärung für eine Beziehung. Sie erinnert mich nur daran, dass „Ich entscheide gerade neu“ etwas ist, das ich prüfen sollte, nicht etwas, das ich über mich behaupten und damit abhaken kann.
Ich kann morgen wieder Ja sagen. Ich möchte bloß wissen, welchem Ziel, welchem nächsten Schritt und welchem Preis dieses Ja tatsächlich gilt.
Nicht jede Beharrlichkeit ist dieselbe
Von außen kann langes Bleiben immer gleich aussehen. Innen macht es für mich einen großen Unterschied, ob ich dieselbe Situation nur weiter ertrage oder ob ich mit neuen Informationen eine veränderte Strategie ausprobiere.
Auch diese Unterscheidung kann ich missbrauchen. Einen neuen Plan zu haben, fühlt sich nach Bewegung an. Aber ein Plan ist erst eine Handlungsmöglichkeit; er ist noch keine Veränderung der Umstände. Ich sollte nicht jedes Mal, wenn mir eine bessere Theorie einfällt, den Zähler für „Wir machen Fortschritte“ auf null zurücksetzen.
Bei Beziehungen wird das besonders heikel. Es ist nicht falsch, einem Menschen Zeit zu geben oder ein Risiko bewusst einzugehen. Es ist auch nicht automatisch Selbstaufgabe, wenn mir eine Verbindung sehr wichtig ist. Nur kann mein nächster Zug keine Gegenseitigkeit herstellen, die der andere Mensch nicht mitträgt. Ich kann fragen, klären, Grenzen setzen und mein eigenes Verhalten ändern. Den Anteil des anderen kann ich nicht stellvertretend erledigen.
Die Frage „Warum gehst du nicht einfach?“ hilft mir dabei wenig. Sie überspringt, was mir an dem Ziel wichtig ist, und tut so, als wäre das Ergebnis schon eindeutig. Präziser wäre: Welche neuen Daten sprechen heute dafür, noch einmal in diesen Weg zu investieren? Was genau müsste sich ändern, damit ich von einer tatsächlichen Verbesserung sprechen kann? Und was würde mir zeigen, dass ich nur noch auf die Möglichkeit einer Verbesserung reagiere?
Ich habe darauf nicht für jede Lage sofort eine Antwort. Aber die Fragen zwingen mich, von meiner Fähigkeit zum Aushalten wieder auf die beobachtbare Situation zu schauen.
Neurodivergenz erklärt hier nicht alles
Ich bin autistisch, habe ADHS und bin hochbegabt. Das beeinflusst mein Leben. Trotzdem kann ich aus einer persönlichen Beobachtung keine allgemeine Regel über neurodivergente Menschen machen.
Für ADHS gibt es Forschung zu Belohnungsverarbeitung und Entscheidungen; die Ergebnisse hängen von Aufgabe, Alter und Messung ab. Eine Metaanalyse zu Erwachsenen zeigt gerade, dass einfache Behauptungen über „die“ Motivation bei ADHS zu kurz greifen. [7] Zu besonderen Interessen bei autistischen Erwachsenen gibt es Befunde, dass intrinsisches Interesse und Vertiefung wichtige Motive sein können. [8] Beides ist interessant, aber keine Studie hat nachgemessen, warum ich bei einem bestimmten Ziel noch einen Versuch mache.
Es wäre auch bequem, mein „Nö“ bei Erwartungen anderer sofort mit PDA oder psychologischer Reaktanz zu erklären. Die Begriffe könnten Fragen eröffnen; sie liefern hier keinen Beweis. Vielleicht lehne ich eine konkrete Forderung ab, weil sie sich fremd anfühlt. Vielleicht ist sie schlicht schlecht begründet. Vielleicht bin ich erschöpft. Vielleicht sind es mehrere Dinge gleichzeitig.
Das Gleiche gilt für mein langes Festhalten: Es kann sich in einer Situation als Anpassungsfähigkeit zeigen, in einer anderen als Fixierung, in einer dritten als eine bewusste Entscheidung für einen Menschen oder ein Projekt. Die Etiketten ersetzen nicht den Blick auf Kosten, Handlungsmöglichkeiten und tatsächliche Veränderungen.
Ich mag Fachbegriffe. Ich mag auch ein Modell, das alles erklärt. Gerade deshalb möchte ich hier vorsichtig sein. Eine elegante Erklärung über mein Gehirn ist wieder nur eine Erklärung. Die Wirklichkeit muss trotzdem mitreden dürfen.
Heute noch einmal hinschauen
Wenn ich künftig vor einem dieser langen Wege stehe, will ich nicht bloß nach meiner verbleibenden Kraft fragen. „Kann ich noch?“ ist bei mir oft eine erstaunlich langweilige Frage. Meistens kann ich noch irgendetwas.
Mich interessiert mehr: Will ich noch dorthin, wohin dieser Weg führt? Ist es weiterhin mein Ziel? Welcher Preis liegt tatsächlich vor mir und nicht bloß hinter mir? Was hat sich seit meinem letzten Ja verändert? Was kann ich selbst bewirken und was liegt außerhalb meiner Hand?
Manchmal wird die Antwort lauten, dass mir das Ziel den Preis weiterhin wert ist. Dann darf der Weg schwierig sein, ohne dass ich meine Entscheidung dafür rechtfertigen muss wie eine Angeklagte. Manchmal wird mir beim Hinschauen auffallen, dass ich vor allem noch gut darin bin, Gründe für den nächsten Kilometer zu finden. Auch das möchte ich sehen dürfen, bevor ich loslaufe.
Ich brauche keine allgemeine Regel, ab wann ein Mensch aufgeben sollte. Ich brauche eine ehrliche Beziehung zwischen meinem Wunsch und den Daten, die heute auf dem Tisch liegen. Und vielleicht eine kleine Pause, bevor mein Gehirn wieder ein brillantes Zusatzmodell präsentiert.
Früher hätte ich meine Ausdauer womöglich daran gemessen, wie viel ich tragen kann. Inzwischen interessiert mich eine andere Frage: Warum trage ich es?
Ein zurückgelegter Kilometer verpflichtet mich nicht zum nächsten. Wenn ich weitergehe, möchte ich wissen, wofür. Und wenn ich das Ziel noch will, darf ich den nächsten Schritt mit offenen Augen machen – selbst wenn der Weg gerade beschissen ist.
Kennst du diesen Moment, in dem du noch einen Weg finden könntest, aber erst prüfen musst, ob du ihn überhaupt noch gehen willst?
Schreib mir wenn du magst. Ich lese Alles.
Herzlich, FliWi
Quellen und Einordnung
Die autobiografischen Szenen und mein Entscheidungsmodell sind persönliche Beobachtungen. Die Forschung beschreibt allgemeine Zusammenhänge und Denkfehler; sie erklärt keine einzelne Entscheidung in meinem Leben.
- Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2000). Self-determination theory and the facilitation of intrinsic motivation, social development, and well-being. American Psychologist, 55(1), 68–78. https://doi.org/10.1037/0003-066X.55.1.68
- Brandstätter, V., & Bernecker, K. (2022). Persistence and disengagement in personal goal pursuit. Annual Review of Psychology, 73, 271–299. https://doi.org/10.1146/annurev-psych-020821-110710
- Bandura, A. (1977). Self-efficacy: Toward a unifying theory of behavioral change. Psychological Review, 84(2), 191–215. https://doi.org/10.1037/0033-295X.84.2.191
- Barlow, M. A., Wrosch, C., & McGrath, J. J. (2020). Goal adjustment capacities and quality of life: A meta-analytic review. Journal of Personality, 88(2), 307–323. https://doi.org/10.1111/jopy.12492
- Arkes, H. R., & Blumer, C. (1985). The psychology of sunk cost. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 35(1), 124–140. https://doi.org/10.1016/0749-5978(85)90049-4
- Staw, B. M. (1976). Knee-deep in the big muddy: A study of escalating commitment to a chosen course of action. Organizational Behavior and Human Performance, 16(1), 27–44. https://doi.org/10.1016/0030-5073(76)90005-2
- Mowinckel, A. M., Pedersen, M. L., Eilertsen, E., & Biele, G. (2015). A meta-analysis of decision-making and attention in adults with ADHD. Journal of Attention Disorders, 19(5), 355–367. https://doi.org/10.1177/1087054714558872
- Grove, R., Roth, I., & Hoekstra, R. A. (2016). The motivation for special interests in individuals with autism and controls: Development and validation of the Special Interest Motivation Scale. Autism Research, 9(6), 677–688. https://doi.org/10.1002/aur.1560
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