Ich will ja. Ich muss nur erst dazwischen durch.

Veröffentlicht am 14. Oktober 2026 um 18:00

Warum Übergänge bei Neurodivergenz manchmal anstrengender sind als das, was danach kommt

© 2026 Lisa Widerek · Charme & Chaos

Stell dir vor: Ich sitze im Auto. Der Motor ist aus. Ich bin angekommen. Ich möchte hinein. Niemand hält mich fest.

Und trotzdem sitze ich da.

Nicht, weil mein Auto so unfassbar gemütlich wäre. Ich muss gleich die Tasche nehmen, aussteigen, die Tür schließen, zum Haus gehen, aufschließen, ankommen. Alles Dinge, die ich kann. Nur zwischen im Auto sein und zu Hause sein liegen erstaunlich viele kleine Schritte, für die mein Kopf gerade keinen Startknopf findet.

Von außen ist das ein Mensch auf einem Parkplatz. Von innen ist es ein Betriebssystem, das meldet: „Bitte schließen Sie zunächst alle laufenden Anwendungen.“ Welche Anwendungen? Keine Ahnung. Aber offenbar sind es 47.

Über Übergänge habe ich hier schon einmal geschrieben: über Montage, Kinder, Abschiede und die Kanten im Alltag. Diesmal interessiert mich eine Verwechslung, die dabei leicht passiert. Wir schließen vom schwierigen Wechsel auf ein unerwünschtes Ziel. Und manchmal liegen wir damit gründlich daneben.


Zwei gute Zustände und ein mieses Dazwischen

Über Veränderung wird oft gesprochen, als müsse man nur wissen, ob man sie will. Willst du zu der Verabredung? Magst du deinen neuen Job? Freust du dich, wieder nach Hause zu kommen?

Das sind vernünftige Fragen. Sie erfassen aber nur den Zustand davor und den Zustand danach. Ich kann gern zu einer Freundin fahren und mich dort wohlfühlen. Trotzdem kann das Losfahren schwer sein. Ich kann mich auf mein Zuhause freuen und nach der Rückfahrt noch eine Viertelstunde vor der Tür sitzen. Beides passt zusammen.

Schwierigkeiten beim Wechsel sagen nicht automatisch etwas darüber aus, wie ich den Zielzustand finde.

Zwischen A und B passiert Arbeit, die man kaum sieht. Eine Tätigkeit muss beendet werden, obwohl sie innerlich noch läuft. Aufmerksamkeit wird gelöst und woanders befestigt. Ich brauche die richtige Reihenfolge. Neue Geräusche, Lichtverhältnisse, Menschen und Erwartungen kommen dazu. Vielleicht muss ich sogar eine andere Version von mir selbst aktivieren: die Person, die allein vor sich hin denkt, soll plötzlich Small Talk können. Die Person im Wochenendmodus soll Termine verwalten.

Auf dem Papier steht A → B. In meinem Kopf steht eher:

A schließen → Restprozesse finden → Sachen zusammensuchen → Kontext wechseln → B laden → hoffen, dass nichts abstürzt.

Das ist eine Metapher, keine neurologische Messung. Aber sie zeigt, warum ein gewünschtes Danach einen schwierigen Weg haben kann.


Wenn der Körper längst könnte und der Anfang trotzdem fehlt

Manche Übergänge scheitern schon am ersten Schritt. Ich weiß, was zu tun ist. Ich will es vielleicht sogar tun. Die Handlung beginnt trotzdem nicht. Andere fangen gut an und kommen schlecht wieder heraus: Sie bleiben bei einer Aufgabe, einem Gedanken oder einem Spiel hängen, obwohl sie aufhören möchten.

Autistische Erwachsene haben dieses Erleben in einer qualitativen Studie als autistische Inertia beschrieben: Schwierigkeiten, Tätigkeiten zu beginnen, zu beenden oder zu wechseln, die nicht einfach unter bewusster Kontrolle standen. Die 32 Befragten berichteten Unterschiedliches. Manchen half ein konkreter erster Schritt, anderen ein passender Impuls von außen; Stress konnte das Ganze verstärken. Eine solche Studie erklärt nicht jeden wartenden Menschen im Auto. Sie nimmt aber ernst, dass Absicht und Ausführung auseinanderfallen können. [1]

Daneben gibt es Forschung zu kognitiver Flexibilität: Wie leicht kann ich eine Regel, einen Aufmerksamkeitsfokus oder eine Handlungsweise wechseln, wenn sich die Situation ändert? Eine Metaanalyse fand im Durchschnitt Unterschiede zwischen autistischen und nichtautistischen Gruppen, aber auch erhebliche Unterschiede innerhalb der Gruppen. Daraus folgt gerade kein Satz wie „Autistische Menschen können sich nicht umstellen“. Es bedeutet: Bei manchen kostet ein Wechsel mehr, und die Kosten hängen von Person und Situation ab. [2]

Der Übergang kann außerdem an ganz anderen Stellen haken. Am Geräusch im neuen Raum. An der Frage, was mich dort erwartet. An einer Aufgabe mit acht unklaren Zwischenschritten. An Müdigkeit. An Angst. Oder daran, dass ich zwar meinen Plan wechseln könnte, aber nach einem anstrengenden Tag keine Kapazität mehr übrig habe.

Darum misstraue ich der schnellen Erklärung „Du magst halt keine Veränderung“. Sie tut so, als sei ein einziges Merkmal für jede Situation zuständig.


Duschen: ein erstaunlich aufwendiges Update

Nehmen wir Duschen. Eine Person sagt: „Ich sollte duschen.“ Jemand anders hört: „Dann geh doch kurz duschen.“

Für manche ist das tatsächlich eine kleine, angenehme Handlung. Für andere besteht sie aus einer ganzen Reihe von Zustandswechseln. Ich bin angezogen und trocken. Ich muss meine laufende Tätigkeit unterbrechen, ins Bad gehen, mich ausziehen, die Temperatur verändern, nass werden. Sobald ich mich unter dem Wasser eingerichtet habe, soll ich es wieder verlassen: Wasser aus, Kälte, Handtuch, Haare, Kleidung, nächster Plan.

Vielleicht mag ich sogar das warme Wasser. Und trotzdem ist vor dem Duschen eine Schwelle und nach dem Duschen noch eine. Der Satz „Aber hinterher fühlst du dich doch besser“ beschreibt den Zielzustand. Er hilft nur begrenzt beim Überqueren der Schwelle.

Die passende Frage wäre eher: Wo genau bleibt der Wechsel hängen? Beim Aufstehen? Beim Ausziehen? Bei der ersten Berührung mit Wasser? Beim Gedanken an die nassen Haare danach? Je nachdem braucht die Person etwas anderes: einen klaren ersten Schritt, Zeit, eine angenehmere sensorische Umgebung oder schlicht weniger Druck.

Nicht jede Schwierigkeit beim Duschen ist Inertia. Nicht jede ist sensorisch. Ein gutes Modell muss genauer fragen dürfen, statt sofort einen Namen auf alles zu kleben.


Dienstag beweist nicht, dass Montag leicht war

Mein persönlicher Favorit unter den unsichtbaren Übergängen ist der Wechsel von Sonntag auf Montag. Von außen sieht man eine Uhr, die weiterläuft. Innen ändert sich mitunter ein ganzes Regelwerk.

Am Wochenende konnte ich vielleicht in meinem Tempo denken. Am Montag brauche ich eine Abfolge aus Aufstehen, Zeit beachten, Sachen finden, losgehen, auf Nachrichten reagieren, mit Menschen sprechen und Leistung abrufen. Nicht jede einzelne Anforderung ist riesig. Zusammen verlangen sie eine andere Art, den Tag zu steuern.

Montag kann schwer sein, obwohl die Arbeit grundsätzlich passt. Dienstag läuft dann besser, weil das neue Muster bereits wieder in Bewegung ist. Darauf folgt gern ein aufmunternd gemeintes: „Na siehst du, war doch gar nicht so schlimm.“

Doch. Dienstag beweist nicht, dass Montag leicht war. Dienstag zeigt, dass ich nach dem Wechsel in einem Zustand funktionieren kann, in den ich nur mit Mühe hineingekommen bin.

Das gilt auch für den Rückweg. Ein schöner Urlaub kann eine anstrengende Abreise und eine anstrengende Heimkehr haben. Wer wieder zu Hause ist, muss nicht automatisch sofort zu Hause angekommen sein.


Herne, Castrop-Rauxel und die seltsame Geschichte mit „Zuhause“

Bei großen Übergängen sieht man das Muster deutlicher. Früher konnte ich mir kaum vorstellen, Herne zu verlassen. Nach meinem Umzug nach Castrop-Rauxel war ich natürlich dort. Meine Sachen waren dort, meine Adresse auch. Das innere Gefühl von Zuhause zog deutlich langsamer um. Nach meinem Erleben brauchte es ungefähr sieben Jahre, bis Castrop-Rauxel sich wirklich so anfühlte.

Das ist meine Erfahrung, keine allgemeine Zeitangabe für Umzüge und erst recht keine wissenschaftliche Regel. Mich beschäftigt daran etwas anderes: Ein Ort wird nicht automatisch in dem Moment vertraut, in dem ich den Schlüssel für seine Haustür bekomme.

Heute hat sich mein inneres Koordinatensystem verschoben. Herne ist ein Teil meiner Geschichte, aber nicht mehr einfach mein Zuhause. Würde ich dorthin zurückziehen, wäre das keine magische Rückkehr in Zustand A. Es wäre ein neuer Übergang.

Was einmal vertraut war, bleibt nicht zwangsläufig der leichteste Weg zurück.

Das klingt selbstverständlich, solange es um einen Umzug geht. Bei Menschen erwarten wir trotzdem oft das Gegenteil. „Du kennst den Ort doch.“ „Du hast das früher schon gemacht.“ „Du kommst doch endlich wieder nach Hause.“ Als müsse ein alter Kontext nur geöffnet werden, um sofort wieder genauso zu funktionieren wie damals.

Aber auch wir haben uns inzwischen verändert. Alte Routinen sind nicht irgendwo auf einer Festplatte eingefroren und warten unberührt auf unseren Doppelklick.


Wenn jemand das neue Leben vorstellbarer macht

Bei der Frage, ob ich an einem anderen Ort leben könnte, steht nicht nur der Ort vor mir. Ich stelle mir auch vor, mit wem ich dort wäre und wie sich unser Alltag anfühlen könnte. Derselbe Umzug kann in einem Lebensentwurf völlig abwegig wirken und in einem anderen plötzlich zumindest vorstellbar werden.

Das kenne ich auch von kleineren Wechseln. Eine unbekannte Veranstaltung bleibt für mich eine hohe Hürde, bis ich weiß, dass ein vertrauter Mensch mitkommt. Ein neuer Arbeitsplatz wirkt weniger fremd, wenn ich dort jemanden habe, mit dem ich die ersten Tage sortieren kann. Und ein anderes Zuhause wird greifbarer, wenn darin nicht nur Möbel stehen, sondern ein gemeinsames Leben Platz hat.

Solche Menschen erledigen den Übergang nicht für uns. Die Kartons müssen trotzdem gepackt werden. Geräusche, Wege und Gewohnheiten bleiben neu. Selbst ein sehr gewünschtes Zuhause kann sich anfangs fremd anfühlen. Aber manchmal wächst durch die Verbindung die Lust, den ersten Schritt überhaupt zu versuchen.

Für mich sind das zwei Fragen: Wie schwer wird der Wechsel? Wie sehr möchte ich das mögliche Danach erkunden? Die Antwort auf die zweite kann die erste nicht ausradieren. Sie kann mir aber einen Grund geben, mich auf den Weg zu machen.

Und wenn ich mir einen bestimmten Ortswechsel trotz aller Nähe nicht vorstellen kann, verdient auch das Beachtung. Vielleicht passt der Ort nicht, vielleicht der gemeinsame Plan nicht, vielleicht ist gerade etwas anderes wichtiger. Nicht jeder Widerstand wartet nur auf den richtigen Anreiz.


Warum die Rückkehr genauso viel Arbeit machen kann

Stell dir jemanden vor, der für einige Monate beruflich an einem anderen Ort lebt. Der Anfang ist schwer. Eine fremde Umgebung, neue Menschen, andere Abläufe, vielleicht sogar das unangenehme Gefühl, bisherige Kompetenz vorerst nicht richtig einsetzen zu können.

Irgendwann wird es berechenbarer. Die Wege sind bekannt. Es gibt eine Tasse, die immer an derselben Stelle steht. Man weiß, wen man wann fragen kann. Das neue Leben ist nicht unbedingt das bevorzugte Leben, aber es hat eine Form bekommen.

Dann steht die Rückreise bevor. Andere freuen sich: „Endlich wieder daheim!“ Die Person freut sich möglicherweise auch. Und trotzdem zieht sich innerlich alles zusammen. Sie muss das gerade erst eingerichtete System wieder abbauen und in einen Alltag zurück, der während ihrer Abwesenheit ebenfalls nicht stehen geblieben ist.

Von außen wirkt das widersprüchlich: Erst war das Weggehen schwer, jetzt ist auch das Heimkommen schwer. Von innen können beide Male dieselben unsichtbaren Arbeiten anfallen.

Eine schwere Rückkehr ist kein Beweis dafür, dass jemand am anderen Ort bleiben wollte. Ebenso wenig beweist ein schwerer Start, dass der neue Weg falsch ist. Vielleicht ist er falsch; diese Möglichkeit gehört zur ehrlichen Prüfung dazu. Nur lässt sich das nicht allein aus der Schwierigkeit des Übergangs ablesen.


Wenn „neu“ gleichzeitig reizvoll und zu viel ist

Bei mir können zwei Impulse zur selben Zeit auftreten: Ein Teil meines Kopfes will etwas Neues, einen anderen Blick, einen frischen Plan. Ein anderer möchte erst wissen, welche vertrauten Abläufe dafür weichen müssen.

Als Karikatur könnte das so klingen:

ADHS-Anteil: „Neu! Spannend! Los!“

Autistischer Anteil: „Welche Variablen ändern sich? Und wo ist die vollständige Dokumentation?“

Autonomie-Empfinden: „Ich wollte das vorhin noch. Warum klingt es jetzt wie eine Anweisung?“

Exekutivsystem: „Ihre Anfrage wird bearbeitet. Voraussichtliche Wartezeit: unbekannt.“

Ich: sitze weiterhin im Auto.

Das ist Humor über ein subjektives Erleben, keine Aufteilung eines Gehirns in diagnostisch sauber getrennte Abteilungen. ADHS kann sich in Aufmerksamkeitssteuerung, Aktivierung und Aufgabenwechsel auswirken; die Forschung findet keine einheitliche Geschichte, die auf jede Person passt. Autistische Inertia und Schwierigkeiten mit Unsicherheit oder Sinnesreizen können dazukommen. Mehrere Belastungen können sich überlagern, ohne dass man hinterher eine einzige Ursache sicher bestimmen könnte. [1–3]

Beim Begriff PDA bin ich besonders vorsichtig. Manche Menschen beschreiben damit, dass eine wahrgenommene Forderung ihr Gefühl von Selbstbestimmung massiv unter Druck setzt – sogar dann, wenn sie die Sache zuvor selbst wollten. Diese Beschreibung kann hilfreich sein. Der wissenschaftliche Status des Konzepts und die Abgrenzung zu Angst, Autismus und anderen Belastungen sind aber umstritten; die vorhandenen Studien erlauben keine saubere allgemeine Erklärung für jeden solchen Moment. [4]

Deshalb würde ich nicht sagen: „Der Übergang ist schwer, also ist es PDA.“ Ich würde fragen, ob sich in genau diesem Moment ein Ich möchte in ein Ich muss verwandelt hat. Wenn ja, kann mehr Wahlmöglichkeit helfen. Wenn nein, ist vielleicht etwas anderes die eigentliche Hürde.


Eine neue Rolle braucht mehr als einen neuen Stundenplan

Manche Wechsel verändern nicht nur den Ort oder die nächste Aufgabe. Sie verändern, wer ich in dieser Situation bin.

Ich konnte in meinem alten Bereich viel. Im neuen Kurs kenne ich die Fachsprache noch nicht. Ich wusste zu Hause, wo ich mich zurückziehen kann; hier weiß ich nicht einmal, ob die Mittagspause wirklich eine Pause ist. Früher war ich die Person, die andere fragt: „Soll ich es dir erklären?“ Jetzt muss ich selbst Fragen stellen, bei denen ich mich unbeholfen fühle.

Das kann weh tun, obwohl ich mich freiwillig für den nächsten Schritt entschieden habe. Der alte Teil meines Selbstbildes ist bereits unsicher geworden; der neue ist noch nicht tragfähig. Wer mich nur am Ziel misst, übersieht diese Zwischenzeit.

Natürlich kann eine neue Ausbildung oder Arbeit tatsächlich nicht passen. Übergangsschwierigkeiten sind keine Aufforderung, alle Warnsignale wegzuerklären. Ich würde genauer hinschauen: Was wird leichter, sobald Routinen entstehen? Was bleibt auch dann belastend? Der Unterschied liefert mehr Information als ein Urteil mitten in der ersten Woche.


Und in Beziehungen?

Auch Nähe hat Übergänge. Von allein sein zu gemeinsam Zeit verbringen. Von einer lockeren Verbindung zu verbindlichen Absprachen. Von einem vertrauten Beziehungsmuster zu einer Form, die mehr Eigenständigkeit oder eine andere Art von Nähe erlaubt.

Eine Person kann sich auf einen Menschen freuen und vor dem Treffen trotzdem einen schwierigen Wechsel erleben. Sie kann Rückzug brauchen, ohne den anderen ablehnen zu wollen. Sie kann sich eine neue Form von Beziehung vorstellen und vor dem Dazwischen erschrecken, in dem alte Gewissheiten nicht mehr tragen und neue noch nicht eingeübt sind.

Überforderung ist Information über Belastung. Sie ist für sich allein noch kein Urteil über Liebe.

Umgekehrt ist das Modell keine Zusicherung, dass hinter jeder Überforderung doch ein verstecktes Ja wartet. Manchmal ist die Beziehung tatsächlich nicht gut, ein Wunsch nicht gegenseitig oder eine Grenze erreicht. Das darf genauso wahr sein.

Nützlich wird die Unterscheidung erst, wenn beide Fragen nebeneinander stehen dürfen: Möchte ich den möglichen Zustand B überhaupt? Und, falls ja: Was macht den Weg dorthin gerade so schwer? Wer beides zu einer einzigen Ja-nein-Frage zusammendrückt, verliert wichtige Informationen.


Die Brücke untersuchen, bevor man das Ziel bewertet

Wenn ich irgendwo festhänge, möchte ich künftig genauer fragen, an welchem Punkt. Nicht: „Was stimmt denn schon wieder nicht mit mir?“ Sondern:

Muss ich zuerst etwas beenden? Vielleicht hilft es, einen Gedanken zu notieren, bevor ich ihn loslasse, oder eine Aufgabe an einer klaren Stelle zu unterbrechen.

Fehlt mir ein erster Schritt? „Ins Bad gehen“ kann leichter sein als „jetzt die komplette Duschroutine erledigen“. Der kleine Schritt ist keine heimliche Verpflichtung für alle folgenden.

Weiß ich, was mich nach dem Wechsel erwartet? Manchmal nimmt ein genauer Ablaufplan mehr Druck heraus als die Zusicherung „Wird schon gut“.

Was macht das Danach für mich vorstellbar? Ein vertrauter Mensch, ein eigener Rückzugsort oder ein konkretes Bild vom Alltag kann die Bereitschaft erhöhen, den Wechsel zu beginnen. Das ersetzt weder meine Entscheidung noch die Arbeit des Übergangs.

Wechselt auch meine Umgebung? Licht, Geräusche, Kleidung, Temperatur, Menschen und Sprache kosten mitunter mehr als die eigentliche Aufgabe.

Ist aus einem Wunsch eine Forderung geworden? Dann kann es helfen, die Entscheidung wieder sichtbar zu machen: Was ist wirklich notwendig, was verhandelbar, was kann ich anders gestalten?

Oder sagt mir mein Widerstand tatsächlich etwas über B? Auch diese Frage gehört dazu. Ich darf eine Situation ablehnen. Ich muss nicht jede innere Bremse mit Technik überlisten.

Ich finde diese Fragen hilfreicher als einen universellen Trick. Sie trennen die Kosten der Brücke von der Bewertung des Ziels. Manchmal ist die Brücke zu steil. Manchmal führt sie tatsächlich an den falschen Ort. Und manchmal braucht es vor allem eine andere Art, sie zu bauen.


Das Danach darf gut sein, obwohl der Weg schwer war

Ich möchte nicht mehr aus jedem zähen Anfang eine Lebensentscheidung herauslesen. Wenn ich montags stocke, ist das kein Beweis gegen die ganze Woche. Wenn ich im Auto sitzen bleibe, ist das kein Votum gegen mein Zuhause. Wenn ich nach einem Umzug lange brauche, um mich heimisch zu fühlen, war der Umzug nicht automatisch falsch.

Genauso möchte ich mir erlauben, bei einem Wechsel genau hinzusehen, statt jedes Warngefühl als bloße Übergangsschwierigkeit abzutun.

Vielleicht liegt die klügere Frage zwischen diesen beiden Reflexen: Wie fühlt sich B an, wenn ich dort angekommen bin – und welche Arbeit verlangt mir der Weg dorthin ab?

Das ist keine Garantie, dass jedes Danach gut wird. Aber es verhindert, dass ich schon auf der Brücke entscheide, das andere Ufer könne mir unmöglich gefallen.

Herzlich,

FliWi

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Quellen zur Einordnung

[1] Buckle et al. (2021), „No Way Out Except From External Intervention: First-Hand Accounts of Autistic Inertia“, Frontiers in Psychology. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2021.631596

[2] Lage, Smith & Lawson (2024), „A meta-analysis of cognitive flexibility in autism spectrum disorder“, Neuroscience & Biobehavioral Reviews. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38104788/

[3] Luna-Rodriguez et al. (2018), „Selective impairment of attentional set shifting in adults with ADHD“, Behavioral and Brain Functions. https://doi.org/10.1186/s12993-018-0150-y

[4] Kildahl et al. (2021), „Pathological demand avoidance in children and adolescents: A systematic review“, Autism. https://doi.org/10.1177/13623613211034382

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