© 2025 Lisa Widerek · Charme & Chaos · Zwischen Diagnosen, Missverständnissen und der Suche nach Klarheit: Warum ADHS-Medikation nicht Autismus erzeugt – sondern ihn sichtbar macht.
Wenn das Chaos leiser wird – und das Eigentliche sichtbar
Ich erinnere mich an den Moment, als ich zum ersten Mal wirklich verstanden habe, warum so viele neurodivergente Kinder – vor allem die mit ADHS und Autismus zugleich – sich unter Medikamenten plötzlich „autistischer“ verhalten.
Es war kein Rückschritt.
Es war ein Blick unter die Decke.
Ich habe das selbst erlebt.
Mein eigener Autismus wurde erst wirklich sichtbar, nachdem ich gut medikamentös eingestellt war.
Davor war ich – wie viele andere – ein permanenter Wirbel aus Gedanken, Reizen und Reaktionen.
Mein Kopf war zu laut, mein Nervensystem zu schnell.
Und in dieser Geschwindigkeit war kein Platz für feine Wahrnehmung.
Erst als die Medikamente Ruhe in mein System brachten, konnte ich erkennen, was darunter lag:
meine Strukturen, meine Reizempfindlichkeit, mein Bedürfnis nach Klarheit.
Es war, als würde das, was mich ausmacht, endlich Raum bekommen.
Und genau das erlebe ich bei meinen Kindern wieder.
Vor der richtigen Einstellung konnte man ihren Autismus nur erahnen – wenn man sehr genau hinsah.
Für die meisten wirkte es einfach wie Unruhe, Konzentrationsprobleme oder Trotz.
Doch als die Medikation wirkte, wurde das Bild plötzlich klarer: Routinen, Detailfokus, eine andere Art, die Welt zu fühlen.
Dinge, die nie neu waren, sondern einfach unter dem Sturm des ADHS verborgen lagen.
Manchmal wirkt es nach außen, als würde die Medikation etwas verändern,
dabei zeigt sie nur, was vorher im Hintergrund arbeiten musste.
Wenn das Nervensystem nicht mehr auf tausend Kanäle gleichzeitig sendet,
wird sichtbar, was tatsächlich konstant war:
die ruhigen, geordneten, manchmal starren Muster –
aber auch die echte Persönlichkeit, die bisher zwischen Überreizung und Kompensation gefangen war.
Ich erinnere mich an diesen Moment der ersten Ruhe –
das, was andere vielleicht als Nebenwirkung bezeichnet hätten.
Für mich war es das erste Mal, dass ich mich selbst wirklich hören konnte.
Nicht das Chaos, nicht den Kampf gegen Reize,
sondern die Stimme darunter.
Leiser, aber klarer.
ADHS ist laut. Schnell. Impulsiv.
Es übertönt alles, was darunter liegt.
Wenn diese Lautstärke durch Medikamente leiser wird,
kommen andere Ebenen zum Vorschein – Routinen, Reizempfindlichkeiten, soziale Unsicherheiten, monotone Interessen.
Dinge, die schon immer da waren.
Sie waren nur verdeckt vom permanenten inneren Sturm.
Das gilt für Erwachsene genauso wie für Kinder.
Medikation legt frei, was Masking verdeckt hat.
Sie macht nicht „autistisch“, sie macht sichtbar.
Und das ist kein Nebenprodukt, sondern eine Erkenntnis –
über das, was bleibt, wenn das Chaos im Kopf endlich leiser wird.
ADHS und Autismus – zwei Systeme, ein Nervennetz
Wenn man ADHS und Autismus voneinander trennt, klingt es oft so, als wären es völlig verschiedene Welten.
Aber in Wahrheit teilen sie sich viele der gleichen Straßen im Gehirn – sie fahren nur in entgegengesetzte Richtungen.
Neurowissenschaftlich betrachtet treffen sich beide im selben Zentrum:
Aufmerksamkeit, Impulskontrolle, Reizverarbeitung, Emotionsregulation.
Beide Systeme sind neurobiologisch „anders verdrahtet“, aber die Unterschiede liegen nicht im Ob, sondern im Wie.
Bei ADHS ist das Nervensystem wie eine Stadt ohne Ampeln – alles fließt gleichzeitig, jedes Licht ist grün.
Zu viele Reize, zu wenig Filter.
Jedes Geräusch, jeder Gedanke, jede Emotion will gleichzeitig passieren.
Der Kopf wird zu einem offenen Marktplatz, auf dem alles schreit, nichts sortiert ist.
Bei Autismus dagegen funktioniert das Gegenteil:
Es ist die Stadt mit zu vielen Ampeln.
Zu viele Regeln, zu viele feste Routen, zu wenig Umleitungen.
Alles läuft geordnet, aber sobald etwas Unerwartetes auftaucht, staut sich der Verkehr.
Das System schützt sich durch Struktur – manchmal so sehr, dass Flexibilität fast unmöglich wird.
Und genau hier treffen sich beide.
Beide Systeme sind sensibel.
Beide versuchen, Ordnung zu schaffen – nur auf völlig unterschiedliche Weise.
Das eine über Bewegung, das andere über Kontrolle.
Das eine durch Reizsuche, das andere durch Reizvermeidung.
Und beides ist letztlich ein Versuch, Balance herzustellen in einem Gehirn, das anders mit Reizen umgeht als die meisten.
Wenn man Medikamente gibt – etwa Methylphenidat, Atomoxetin oder Guanfacin – passiert kein Wunder, sondern eine Neuordnung.
Das Reizchaos wird leiser.
Das Gehirn bekommt endlich Zeit, Reize zu sortieren, statt ihnen ständig hinterherzurennen.
Und plötzlich zeigt sich das, was vorher unter der Oberfläche gearbeitet hat:
die autistischen Anteile – Struktur, Ordnung, Klarheit, Detailfokus.
Sie waren nie weg.
Sie waren nur übertönt vom inneren Lärm des ADHS.
Das bedeutet nicht, dass Medikamente Autismus erzeugen.
Sie verändern nicht die Persönlichkeit, sie verändern den Zugang.
Wenn der Lärm abnimmt, wird sichtbar, was schon immer da war – die leiseren Frequenzen des autistischen Erlebens, die bisher im Stromrauschen untergingen.
Ich stelle mir das manchmal vor wie ein Mischpult:
ADHS dreht die Lautstärke des Chaos auf, Autismus regelt die Kontrolle hoch.
Wenn die Medikation wirkt, wird der Klang klarer.
Die Übersteuerung weicht einem sauberen Signal.
Und was wir hören, ist nicht etwas Neues –
es ist das eigentliche Lied, das darunter schon die ganze Zeit gespielt hat.
ADHS und Autismus sind keine Gegensätze.
Sie sind zwei Varianten desselben Prinzips:
ein Nervensystem, das intensiver wahrnimmt, schneller reagiert und tiefer verarbeitet.
Wenn Medikamente helfen, dieses System zu balancieren,
dann machen sie nichts „kaputt“ – sie geben ihm Raum, sich zu zeigen.
Und manchmal bedeutet das eben, dass man den Autismus endlich erkennt –
nicht, weil er entstanden ist,
sondern weil er endlich gehört werden darf.
Wenn Masking aufhört – Unmasking als Nebenwirkung
Viele autistische Menschen – besonders jene mit ADHS – verbringen ihr Leben in einem unsichtbaren Dauerzustand: Masking.
Ein Mechanismus, der über Jahre gelernt wird, oft schon in der Kindheit – um dazuzugehören, nicht aufzufallen, zu funktionieren.
Wir beobachten, imitieren, reagieren.
Wir studieren Mimik, Gestik, soziale Regeln wie Fremdsprachen.
Wir lernen, wann man lacht, wann man redet, wann man besser schweigt.
Und irgendwann wissen wir gar nicht mehr, wer wir eigentlich ohne diese Maske wären.
Medikation verändert das.
Wenn der innere Lärm des ADHS leiser wird, bleibt plötzlich Raum, in dem keine sofortige Kompensation nötig ist.
Das Masking verliert seine Energiequelle – und was bleibt, ist oft erst einmal Leere.
Keine Überanpassung, keine ständige Hyperaktivität, kein Aktionismus, der ablenkt.
Viele nennen es „Rückzug“, „Verschlossenheit“ oder „Nebenwirkung“.
Ich nenne es: das erste echte Unmasking.
Denn was nach außen wie ein Rückschritt wirkt, ist in Wahrheit ein Schritt zur Wahrheit.
Unmasking ist keine Schwäche, es ist Erschöpfung, die endlich sichtbar werden darf.
Man erkennt erst, wie viel Kraft das ewige Maskentragen kostet, wenn man sie plötzlich nicht mehr aufbringen muss.
Der Körper, das Nervensystem, die Psyche – alles fällt kurz in sich zusammen, wie nach einer langen Reise ohne Pause.
Bei Kindern zeigt sich das manchmal ganz still:
Sie sitzen plötzlich ruhig am Tisch, sortieren Dinge, starren ins Leere oder wiederholen Bewegungen.
Lehrer oder Außenstehende fragen dann: „Ist das normal? Ist das vom Medikament?“
Aber was sie sehen, ist kein neues Verhalten.
Es ist das, was schon immer da war – nur endlich nicht mehr verdeckt.
Das ist kein Verlust von Lebendigkeit. Das ist die Rückkehr zur Echtheit.
Ich erinnere mich gut, wie ich selbst plötzlich stiller wurde, nachdem die Medikamente griffen.
Früher war Stille für mich bedrohlich.
Heute weiß ich: Sie ist mein Reset-Knopf.
Mein Nervensystem darf atmen, ohne ständig auf Reize zu reagieren.
Und genau diese Stille ist es, die viele mit „Autismus“ verwechseln – weil sie nicht wissen, wie sich Ruhe in einem vorher überdrehten System anfühlt.
Unmasking verändert Beziehungen.
Menschen, die dich kannten, wie du maskiert warst, verstehen die neue Version nicht sofort.
Sie sehen, dass du weniger lachst, weniger sprichst, mehr nachdenkst – und halten das für Traurigkeit oder Rückzug.
Dabei ist es schlicht Echtheit.
Eine Form von Authentizität, die nicht laut sein muss, um echt zu sein.
Eltern erleben dasselbe bei ihren Kindern:
Vorher war da Chaos, Witz, Bewegung – jetzt sind da Rituale, leise Routinen, klare Grenzen.
Und wer das nicht versteht, denkt schnell: „Das Medikament hat das Kind verändert.“
Aber in Wahrheit hat es nur die Fassade befreit.
Ich glaube, das ist einer der sensibelsten Momente im Heilungsprozess:
Wenn man plötzlich sieht, wer man wirklich ist – und sich selbst kaum wiedererkennt.
Unmasking ist kein plötzlicher Mut, sondern eine schleichende Wahrheit.
Sie braucht Sicherheit, Geduld und Akzeptanz – von innen und von außen.
Denn wer jahrelang gelernt hat, sich anzupassen, muss erst lernen, dass authentisch sein keine Gefahr bedeutet.
Und genau da liegt der Schlüssel:
Medikation ist nicht das Ende der Persönlichkeit – sie ist die Einladung, sie endlich kennenzulernen.
Sie öffnet Türen zu Anteilen, die lange unsichtbar waren.
Aber wer durch diese Tür tritt, braucht Verständnis, nicht Kontrolle.
Weil Unmasking kein Defekt ist.
Es ist das sichtbar gewordene Ich – roh, echt, verletzlich, aber endlich wahr.
Wenn man die Dosis senkt – wird das ADHS wieder laut
Wenn die Medikation reduziert wird, passiert etwas, das viele Außenstehende falsch deuten:
Das ADHS wird lauter – und der Autismus leiser.
Aber das ist keine Besserung. Es ist ein Überdecken.
Ein Zurückrutschen in den Sturm, der alles übertönt, was zuvor sichtbar geworden war.
Medikamente sind kein Maulkorb und kein Verstärker.
Sie sind ein Regler, der Ordnung in die Wahrnehmung bringt – ein Filter, der es erlaubt, Reize zu verarbeiten, statt von ihnen überrollt zu werden.
Wenn dieser Filter schwächer eingestellt wird, kehrt das Chaos zurück.
Und mit ihm die Sprunghaftigkeit, die Unruhe, der innere Druck.
Für viele wirkt das nach „mehr Energie“.
In Wahrheit ist es schlicht: Überforderung in Bewegung.
Ich sehe das in Familien, in Schulen, in Therapien.
Sobald die Dosis sinkt, scheinen die Kinder „lebendiger“ – aber sie sind es nur, weil ihr Nervensystem wieder kämpft.
Der Körper rennt, um Schritt zu halten mit der Welt, die wieder zu laut, zu hell, zu viel geworden ist.
Und während alle sich über die neue Aktivität freuen, übersehen sie, dass das Kind innerlich brennt.
Es ist wie ein Radio, das plötzlich wieder auf volle Lautstärke gestellt wird.
Man hört wieder alles – aber nichts davon klar.
Die Gedanken überschlagen sich, der Blick wird flatterig, die Emotionen drängen nach vorn.
Und die Struktur, die das Medikament zuvor ermöglicht hat, zerfällt in Einzelteile.
Man sieht wieder das Symptom, nicht den Menschen darunter.
Für autistische Kinder ist das besonders fatal.
Wenn sie ohne Medikation wieder in den Reizstrudel geraten, verlieren sie den Zugang zu dem, was ihnen Sicherheit gibt: Routinen, Sprache, Selbststeuerung.
Das ADHS dominiert – und die Welt wirkt plötzlich unberechenbar.
Von außen sieht es aus, als sei der Autismus „verschwunden“.
In Wahrheit wird er nur vom Chaos übertönt.
Ich erinnere mich an eigene Phasen, in denen ich die Dosis zu schnell verändert habe – aus Ungeduld oder aus Angst vor Nebenwirkungen.
Innerhalb weniger Tage fühlte sich mein Kopf wieder an wie ein Raum mit hundert offenen Fenstern.
Ich redete zu schnell, sprang in Themen, verlor die Fäden, die ich mühsam geknüpft hatte.
Und plötzlich schien ich „weniger autistisch“.
Aber ich war einfach nur wieder zu laut, um mich selbst zu hören.
Das ist der Trugschluss:
Wenn der Autismus stiller wirkt, heißt das nicht, dass er verschwindet –
sondern dass er keinen Platz bekommt.
Die Medikation ermöglicht keine „Heilung“, sondern Sichtbarkeit.
Sie schafft die Bedingungen, unter denen man sich selbst erkennen kann.
Darum ist jede Dosierung ein Balanceakt.
Zu wenig – und das System rauscht wieder.
Zu viel – und man verliert die natürliche Dynamik.
Zwischen diesen Polen liegt der schmale Pfad, auf dem Klarheit möglich wird.
Eltern, Ärzt:innen, Pädagog:innen müssen verstehen:
Das Ziel ist nicht, Symptome zu löschen, sondern das echte Kind zu sehen.
Nicht das laute, überreizte, kämpfende –
sondern das, das atmen kann.
Denn nur, wenn das ADHS ruhig genug ist, kann der Autismus sprechen.
Was Forschung wirklich zeigt
Wenn es um ADHS-Medikation bei gleichzeitigem Autismus geht, stoßen selbst Fachleute schnell an Grenzen.
Zu komplex, zu individuell, zu unterschiedlich in der Wirkung – heißt es dann oft.
Doch tatsächlich gibt es inzwischen eine ganze Reihe fundierter Studien, die zeigen, was viele Eltern längst beobachten: Medikamente können helfen – aber sie wirken bei neurodivergenten Kindern anders.
Die sogenannten RUPP-Studien (Research Units on Pediatric Psychopharmacology) – ein internationales Forschungsnetzwerk, das seit Anfang der 2000er Jahre Kinder mit Autismus und ADHS begleitet – belegen, dass Methylphenidat (z. B. Ritalin, Medikinet, Concerta) bei etwa der Hälfte dieser Kinder deutlich positive Effekte zeigt: bessere Konzentration, geringere Impulsivität, weniger Reizüberflutung.
Allerdings reagieren viele autistische Kinder empfindlicher auf Dosierungen. Schon kleine Veränderungen können große Unterschiede machen – in beide Richtungen.
Andere Wirkstoffe wie Atomoxetin (Strattera) oder Guanfacin (Intuniv) greifen auf unterschiedlichen Wegen in die Reizverarbeitung ein. Sie gelten als sanfter, weil sie keine klassischen Stimulanzien sind. Atomoxetin erhöht die Noradrenalin-Aktivität im präfrontalen Kortex, was die emotionale Kontrolle stärkt. Guanfacin dagegen wirkt über die sogenannten α2A-Rezeptoren, die die neuronale Reizweiterleitung dämpfen – gewissermaßen ein natürliches Bremspedal im Gehirn.
Doch der entscheidende Punkt ist:
Autistische Gehirne reagieren nicht langsamer oder schwächer – sondern oft intensiver.
Das, was bei neurotypischen Kindern als sanfte Fokussierung wirkt, kann bei autistischen zu innerer Unruhe, Reizbarkeit oder sozialem Rückzug führen.
Nicht, weil das Medikament „falsch“ ist, sondern weil das Nervensystem selbst feiner getaktet ist.
Die Dosierung muss deshalb präziser, geduldiger, behutsamer angepasst werden.
Es geht also nicht darum, ob Medikamente „gut oder schlecht“ sind –
sondern, wie genau man hinhört.
Wie individuell man die Reaktionen beobachtet.
Und wie viel Raum man dem Kind gibt, sich unter dieser neuen Ruhe überhaupt erst zu sortieren.
Viele Eltern erschrecken, wenn Kinder unter Medikation stiller werden, weniger Blickkontakt suchen oder sich mehr zurückziehen.
Aber oft ist das kein Symptom einer Verschlechterung –
sondern der Beweis, dass das Kind zum ersten Mal nicht überfordert ist.
Der Körper signalisiert: Ich muss gerade nicht kämpfen.
Das bedeutet:
Medikamente sind kein Allheilmittel, aber ein Werkzeug.
Sie öffnen Türen – und es braucht Zeit, um zu lernen, was dahinter liegt.
Absetzen, weil etwas „anders aussieht“, wäre wie das Licht auszumachen, nur weil man plötzlich Staubkörner sieht.
Darum lautet die eigentliche Erkenntnis:
Man muss individuell einstellen, nicht absetzen.
Jedes Kind hat sein eigenes Gleichgewicht, seinen eigenen Ton.
Und manchmal zeigt erst die Stille, wer es wirklich ist.
Wie ich das in meiner Familie sehe
Es ist frustrierend, wenn jemand die Dosis reduziert und dadurch das ADHS so laut stellt, dass autistische Merkmale im Alltag plötzlich „unsichtbar“ werden.
Ob aus Sorge, aus Bequemlichkeit oder schlicht, weil man das System nicht versteht – die Wirkung ist dieselbe: eine falsche Einschätzung durch Außenstehende.
Es entsteht der Eindruck, das Kind sei stabiler, angepasster, „weniger auffällig“.
Aber in Wahrheit ist es nur wieder lauter im Kopf.
Und das hat nichts mit Entwicklung zu tun, sondern mit Überforderung.
Ich habe diesen Effekt in unserer Familie erlebt – mehr als einmal.
Ein kleiner Eingriff in die Medikation, und schon verschiebt sich das ganze Bild.
Lehrer, Ärztinnen, sogar Fachkräfte sehen dann ein anderes Kind – ein Kind, das vermeintlich „funktioniert“, weil seine Reizüberflutung den Autismus übertönt.
Für mich ist das eine Form von Manipulation, auch wenn sie nicht immer bewusst geschieht.
Ein Manipulations-Effekt, der am Ende niemandem hilft, vor allem nicht den Kindern.
Denn Diagnosen basieren auf Beobachtung – und wer die Umstände verändert, verändert die Beobachtung.
Ich halte das für kurzsichtig.
Weil es nicht darum geht, was nach außen „normaler“ aussieht, sondern darum, was innen wirklich stabil ist.
Autismus verschwindet nicht, nur weil das ADHS wieder lauter schreit.
Und ich werde nicht dabei zusehen, wie man meine Kinder wieder in den Sturm schickt, nur damit die Oberfläche ruhiger wirkt.
Ich bin kein Arzt, aber ich bin die Mutter.
Ich sehe, wie meine Kinder fühlen, denken, atmen.
Ich sehe, wann sie frei sind – und wann sie kämpfen.
Und ich weiß, dass leise Kinder nicht automatisch glückliche Kinder sind.
Ich akzeptiere keine Maßnahmen, die nur dazu dienen, ein gewünschtes Bild zu erzeugen.
Weder für Statistiken, noch für Akten, noch für das Ego eines Menschen, der lieber „recht haben“ will, als zu verstehen.
Ich bin müde, immer wieder erklären zu müssen, dass Lautstärke kein Beweis für Leben ist.
Für mich zählt nicht, was besser aussieht.
Für mich zählt, was meinem Kind guttut.
Und wer das nicht versteht, dem fehlt nicht Information – dem fehlt Empathie.
Woran Fachleute denken sollten
Diagnosen dürfen nie vom Medikationseffekt abhängig gemacht werden.
Ein Kind ist nicht mehr oder weniger autistisch, nur weil es Medikamente nimmt oder nicht.
Ein fairer Vergleich braucht beide Zustände – mit und ohne Medikation – und vor allem eine Lebenszeitperspektive.
Denn Autismus ist keine Phase und kein Symptom, das sich ausblenden lässt, wenn das ADHS wieder laut genug ist, um alles zu übertönen.
Autismus ist eine neurobiologische Grundstruktur – kein Zustand, der verschwindet, wenn man nicht hinsieht.
Und genau das passiert leider oft.
Fachkräfte beobachten ein Kind an einem Tag, sehen Unruhe, Impulsivität, Ablenkbarkeit – und sagen: „Das sieht eher nach ADHS aus.“
Am nächsten Tag, unter stabiler Medikation, sehen sie Struktur, Rückzug, Echtheit – und fragen: „Ist das jetzt Autismus?“
Dabei handelt es sich nicht um zwei wechselnde Persönlichkeiten, sondern um zwei Ebenen desselben Nervensystems.
Diagnostik darf keine Momentaufnahme sein.
Sie muss ein Langzeitfilm sein – mit all seinen Zwischentönen.
Wie reagiert das Kind unter Stress, unter Reizüberflutung, unter Entlastung?
Wie wirkt es in seiner vertrauten Umgebung, nicht nur in Testsituationen?
Wie lange dauert es, bis ein Verhalten zur Strategie wird – und was passiert, wenn man die Strategie wegnimmt?
All das gehört zur Wahrheit dazu.
Medikation kann ein Fenster öffnen, aber sie darf nicht das gesamte Bild ersetzen.
Ein gutes Team aus Ärzt:innen, Therapeut:innen und Eltern erkennt, dass Stille kein Defizit und Aktivität kein Beweis für Gesundheit ist.
Die Frage ist nicht: Wie laut ist das Kind heute?
Sondern: Wie sehr kann es heute es selbst sein?
Ich wünsche mir von Fachpersonen weniger Fokus auf den äußeren Eindruck – und mehr Verständnis für die feinen Unterschiede zwischen Reizregulation und Verhalten.
Zu oft werden Symptome interpretiert, ohne das System dahinter zu begreifen.
Ein Kind, das unter Medikation leiser wirkt, ist nicht „abgedämpft“.
Es ist vielleicht zum ersten Mal überhaupt in der Lage, Pausen zu erleben.
Und ein Kind, das ohne Medikation wieder aufdreht, ist nicht „authentischer“.
Es kämpft nur wieder lauter mit denselben Reizen.
Gute Diagnostik erkennt Muster, keine Tagesformen.
Sie vergleicht nicht den Montag mit dem Dienstag, sondern das Jetzt mit dem Gestern und dem Morgen.
Und sie versteht, dass Entwicklung bei neurodivergenten Kindern nicht linear ist.
Es gibt Rückschritte, Sprünge, Phasen des Stillstands – und sie alle gehören zum Prozess.
Ich wünsche mir mehr Fachlichkeit, die zuhört, statt zu bewerten.
Mehr Bereitschaft, Eltern ernst zu nehmen, die ihre Kinder kennen.
Und weniger vorschnelle Urteile auf Basis eines einzigen Arzttermins.
Denn wer nur die Lautstärke des ADHS bewertet,
übersieht die leiseren Frequenzen des Autistischen.
Und genau dort – in diesen leisen, aber ehrlichen Frequenzen – spielt die eigentliche Musik.
Fazit – Medikamente machen nicht autistisch, sie machen sichtbar
Ich höre oft Sätze wie: „Seit er Medikamente nimmt, wirkt er so anders.“
Oder: „Früher war sie fröhlicher, jetzt ist sie so still.“
Und jedes Mal möchte ich sagen: Nein – sie ist nicht anders. Sie ist jetzt einfach da.
ADHS-Medikation verändert nicht den Charakter.
Sie verändert die Wahrnehmung – und damit den Zugang zu dem, was schon immer da war.
Wenn der Sturm im Kopf leiser wird, tauchen die Konturen auf, die vorher vom Lärm verschluckt wurden: Routinen, Detailfokus, sensorische Empfindlichkeiten, eine andere Art, zu denken und zu fühlen.
Das ist kein neues Kind, kein neues Ich.
Es ist die echte Version, die endlich genug Ruhe hat, um sichtbar zu werden.
Medikamente machen nicht autistisch. Sie machen authentisch.
Sie nehmen nicht die Emotion, sie nehmen die Übersteuerung.
Sie dämpfen nicht, sie differenzieren.
Und wer das verstehen will, muss lernen, zwischen Ruhe und Leere zu unterscheiden.
Denn was für Außenstehende nach Rückzug aussieht, ist für viele neurodivergente Menschen der erste Moment innerer Ordnung.
Ich habe gelernt, dass Stille nicht das Gegenteil von Lebendigkeit ist.
Sie ist ihr Fundament.
Und ich habe verstanden, dass ein leises Kind kein verlorenes Kind ist.
Manchmal ist es einfach ein Kind, das zum ersten Mal durchatmet.
Wenn man lange in einem System lebt, das einen ständig zwingt, sich zu regulieren, anzupassen, zu funktionieren – dann fühlt sich Ruhe anfangs fremd an.
Fast beängstigend.
Aber genau in dieser Ruhe beginnt Heilung.
Denn sie erlaubt, dass man die Welt nicht nur überlebt, sondern sie wahrnimmt.
Medikation ist kein Wundermittel.
Sie ist ein Werkzeug.
Sie zeigt, wo das System zu viel kompensiert hat – und wo es lernen darf, in Balance zu kommen.
Sie ersetzt keine Therapie, kein Verständnis, kein Miteinander.
Aber sie kann der Moment sein, in dem man zum ersten Mal das eigene Kind wirklich sieht – nicht durch das Prisma des Stresses, sondern durch das Licht der Klarheit.
Ich weiß, dass viele Angst vor Medikamenten haben.
Angst davor, dass sie Kinder „verändern“.
Aber die Wahrheit ist:
Was wir verändern, ist nicht das Kind – sondern die Lautstärke, mit der die Welt auf es einprasselt.
Und wenn man genau hinhört, hört man darunter kein Schweigen.
Man hört ein Flüstern.
Ein zartes, echtes, ehrliches Ich.
Vielleicht ist das, was wir für „mehr Autismus“ halten, in Wahrheit einfach mehr Authentizität.
Und vielleicht besteht unsere Aufgabe nicht darin, das zu korrigieren –
sondern endlich hinzusehen, zuzuhören, zu verstehen.
Ich habe aufgehört, Angst vor der Stille zu haben.
Weil ich weiß, was sie bedeutet.
Sie bedeutet: Mein Kind ist noch da. Ich bin noch da. Und wir sind endlich echt.
Zum Schluss – und von Herzen
Ich weiß, dass dieser Weg kein einfacher ist.
Zwischen Laut und Leise, zwischen Chaos und Klarheit liegt so viel Unsicherheit – und manchmal auch Einsamkeit.
Aber jedes kleine Stück Verstehen ist ein Stück Frieden.
Für mich.
Für meine Kinder.
Für unser ganz eigenes, nicht immer geradliniges, aber echtes Leben.
Ich schreibe das nicht, weil ich alles weiß – sondern weil ich alles sehe.
Weil ich sehe, was Medikamente sichtbar machen,
und was verloren geht, wenn man diese Sicht wieder zudreht.
Seit der Dosissenkung hat sich bei uns vieles verändert.
Früher saßen meine Kinder stundenlang am Tisch, haben gebastelt, gemalt, gebaut, erfunden – verloren in ihrer eigenen Welt, aber glücklich darin.
Heute kann ich diese Phasen kaum noch beobachten.
Kreativität wurde ersetzt durch Reizsuche.
Medien sind jetzt oft das Einzige, was sie kurzfristig beruhigt – nicht, weil sie „faul“ geworden sind,
sondern weil ihr Nervensystem wieder auf Daueralarm läuft.
Sie brauchen Ablenkung, um Stille auszuhalten.
Und das bricht mir manchmal das Herz.
Ich weiß, dass viele Eltern solche Veränderungen sehen und nicht einordnen können.
Darum schreibe ich das: nicht als Anklage, sondern als Erinnerung.
Wenn ein Kind aufhört zu spielen, zu träumen, zu erschaffen – dann ist nicht das Kind das Problem, sondern die Umgebung, die zu laut geworden ist.
Ich wünsche mir, dass mehr Menschen begreifen, dass Ruhe kein Zeichen von Schwäche ist –
sondern von Sicherheit.
Und dass man Kindern keine Lebendigkeit zurückgibt, indem man sie wieder in den Sturm schickt.
Wenn du dich in diesen Zeilen wiederfindest,
wenn du selbst zwischen Zweifel und Zuversicht balancierst –
bleib hier.
Lies weiter.
Sprich darüber.
Denn Veränderung beginnt genau da, wo wir anfangen, ehrlich hinzusehen.
Herzlich,
FliWi
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