© 2025 Lisa Widerek · Charme & Chaos · K.O.-Tropfen, Trauma und Neurodivergenz: Wie Autismus und ADHS die Verarbeitung von Gewalt beeinflussen – und warum Betroffene oft doppelt kämpfen müssen, um gehört zu werden. Ein persönlicher Erfahrungsbericht über Vertrauen, Aufarbeitung und Selbstwirksamkeit.
Warum ich so lange bei Instagram still war
Ich weiß, es war ruhig um mich – ungewohnt ruhig. Wochenlang hatte ich keine Worte für das, was passiert war. Nicht, weil ich nichts sagen wollte, sondern weil ich erst wieder lernen musste, meiner eigenen Wahrnehmung zu trauen. Dieses Schweigen war kein Zufall. Es war Schutz. Und gleichzeitig das lauteste Signal, das mein System senden konnte: Ich bin überfordert, verletzt, misstrauisch – auch mir selbst gegenüber.
Ich bin Autistin. Ich habe ADHS. Und ich trage die Spuren einer komplexen Traumafolgestörung in mir – einer Geschichte, die mein Nervensystem lehrte, auf Gefahr nicht mit Schreien zu reagieren, sondern mit Stille. Es ist ein Mechanismus, den viele von uns kennen: Wenn Hilfe früher nie kam oder missverstanden wurde, verlernt man irgendwann, sie überhaupt zu rufen. Man erstarrt, anstatt zu fliehen. Man lächelt, obwohl man innerlich zittert.
Nach dem, was passiert ist, wollte ich sprechen – wirklich. Aber jedes Mal, wenn ich den Mund öffnete, fühlte es sich an, als müsste ich mich rechtfertigen, dass ich überhaupt existiere. Worte kamen, aber sie klangen fremd. Ich fürchtete, wieder nicht geglaubt zu werden. Wieder pathologisiert zu werden – als „überempfindlich“, „verwirrt“, „dramatisch“. Also schwieg ich.
Dieses Schweigen war kein Rückzug aus der Welt. Es war mein Versuch, sie zu überleben – bis ich sicher war, dass ich mich darin wiederfinden kann.
Ein Abend, der kippte
Ich erinnere mich an Lachen. An Maracuja im Glas. An einen vertrauten Abend, der sich leicht anfühlte – bis plötzlich alles anders war.
Es war kein Filmriss. Es war schlimmer.
Als hätte jemand die Reihenfolge meiner Erinnerungen vertauscht.
Bilder, Geräusche, Hände – alles in falscher Ordnung. Ich war da, aber irgendwie auch nicht. Mein Körper bewegte sich, doch mein Wille schien ausgeschaltet. Ich fühlte mich benommen, wie betäubt, aber nicht bewusstlos. Ich fand heraus, dass es GBL gewesen sein könnte – eine Variante von K.O.-Tropfen.
Ich hatte getrunken, ja – aber wenig. Laborwert: 0,09 Promille. Trotzdem fühlte ich mich, als hätte jemand den Stecker gezogen. In der Notaufnahme sah ich den Arzt an und hoffte, er würde verstehen. Doch stattdessen hörte ich nach über 3 Stunden den Satz: „Wir testen nicht auf GBL, das ist zu aufwendig.“
Zu aufwendig.
Für mich klang das, als wäre meine Ohnmacht ein Verwaltungsproblem.
Und doch war da etwas, das ich erst später begriff: Mein Körper kannte dieses Gefühl. Diese plötzliche Fremdsteuerung, dieses Dissoziieren, dieses Wegdriften aus mir selbst. Es war kein neues Erleben – es war eine Wiederholung. Nur diesmal ausgelöst durch Chemie, nicht durch Angst. Für viele neurodivergente Menschen ist der Körper kein verlässlicher Kompass, sondern ein unruhiges Messinstrument. Zwischen Reiz und Reaktion verschwimmen Grenzen. Und bei traumatisierten Menschen sendet das Nervensystem längst Alarm, bevor der Kopf versteht, was passiert.
Vielleicht war das der grausamste Moment: zu spüren, dass etwas nicht stimmt – aber nicht in der Lage zu sein, es zu stoppen. Dieses Gefühl von Handlungsunfähigkeit kenne ich aus anderen Zusammenhängen. Es ist das Echo alter Hilflosigkeit, das im falschen Moment zurückkehrt. Ich habe gelernt, Gefahr zu spüren, aber nicht immer zu verstehen.
In dieser Nacht war ich nicht „leichtsinnig“. Ich war einfach ein Mensch mit einem Nervensystem, das zu viel kennt – und zu oft gelernt hat, still zu bleiben, wenn es sich schützen will.
Zweifel – das zweite Gift
Ich ging nach Hause mit einem Körper, der sich fremd anfühlte, und einem Kopf voller Fragen, die niemand hören wollte.
In der Vernehmung fragte der Polizist später, ob mein Autismus manchmal dazu führe, dass ich „benommen wirke“.
Ich wusste nicht, was schlimmer war – die Nacht selbst oder das Gefühl, plötzlich das Problem zu sein.
Dieser Moment, in dem ein Mensch, der dich schützen sollte anfängt, deine Glaubwürdigkeit zu sezieren – und du spürst, dass du gerade nicht als Opfer gesehen wirst, sondern als Variable im Protokoll.
Er sprach von 0,9 Promille, nicht 0,09.
Ein kleiner Fehler, ein Komma zu weit, und plötzlich kippt die Geschichte.
Aus „betäubt“ wird „betrunken“.
Aus „Hilflosigkeit“ wird „Mitschuld“.
Aus einer Tat wird ein Missverständnis.
Für die Außenwelt war es ein Zahlendreher.
Für mich war es die Entwertung eines ganzen Erlebens.
Es machte mich sprachlos, aber nicht stumm: Ich erklärte, dass mein Laborbericht etwas anderes sagt. Ich zeigte, was ich zeigen konnte. Aber der Moment war vorbei. Der Zweifel hatte sich längst ausgebreitet – nicht in seinem Kopf, sondern in meinem.
Traumatisierte Menschen kennen diesen Mechanismus: Wenn dir lange genug gesagt wird, dass du übertreibst, beginnt dein eigenes System, dich zu korrigieren.
Vielleicht war es ja doch nicht so schlimm.
Vielleicht habe ich mich getäuscht.
Vielleicht wirke ich wirklich oft verwirrt.
Doch das war nicht Verwirrung – es war Masking.
Neurodivergente Menschen lernen früh, Emotionen zu filtern, um nicht zu überfordern. Wir sprechen ruhig, wenn wir zittern. Wir klingen gefasst, wenn wir brechen. Wir erklären Dinge, die wir nie erklären sollten, weil wir wissen, dass unser Schmerz sonst als Irritation wahrgenommen wird.
Und genau das macht uns so verletzlich.
Als der Psychiater im Krankenhaus das Zimmer und mit dem Satz begann: „Ach, Sie waren ja schon mal in der Tagesklinik hier“, fühlte ich mich kein Stück sicherer. Kein Arzt, keine Untersuchung, kein Versuch, das Geschehen wirklich zu verstehen. Nur Kategorien. Nur Papier. Nur Wiederholung.
Ich begriff da erst, was sekundäre Traumatisierung bedeutet – oder genauer: Opferdrehtraumatisierung. Wenn du Hilfe suchst und stattdessen als Ursache deines Leids behandelt wirst. Wenn du mit aller Kraft versuchst, dich zu erklären, und genau das als Beweis deiner Instabilität gedeutet wird.
Zweifel ist das zweite Gift.
Er zerstört nicht den Körper, sondern die Erinnerung.
Er macht aus Klarheit ein Rauschen, aus Vertrauen eine Hypothese.
Und wenn du autistisch bist, wenn du ohnehin ständig versuchst, Ordnung in die Welt zu bringen, dann ist dieses Rauschen das Schlimmste. Es nimmt dir die Struktur. Es nimmt dir den Halt.
Ich wollte einfach nur, dass jemand sagt: „Ich glaube Ihnen.“
Kein Urteil. Kein Bericht. Nur diesen einen Satz.
Zwischen Ohnmacht und Erkenntnis
Ich habe lange gezweifelt. An mir. An meinen Erinnerungen. An der Möglichkeit, dass etwas passiert sein könnte, das niemand belegen kann. Aber mein Körper wusste, was mein Kopf nicht glauben wollte.
Diese Benommenheit, das Wegdriften, die Unfähigkeit zu widersprechen – das war nicht normal.
Und irgendwann musste ich mir das selbst zugestehen.
Es gibt ein Schweigen, das nicht aus Scham entsteht, sondern aus Orientierungslosigkeit.
Wenn die Welt um dich herum sagt, du seist „wirr“, „überfordert“ oder „zu sensibel“, dann beginnt irgendwann ein innerer Prozess: Du trennst dich von deinem eigenen Erleben, um weiter funktionieren zu können.
Ich habe das jahrelang perfektioniert. Ich habe mich selbst in die dritte Person verwandelt – beobachtend, erklärend, distanziert.
Aber in dieser Nacht brach das System.
Zum ersten Mal konnte ich nicht mehr so tun, als wäre alles erklärbar.
In den Tagen danach begann ich zu verstehen, dass Heilung nicht bedeutet, sofort Beweise zu haben.
Heilung beginnt dort, wo man sich erlaubt, dem eigenen Körper wieder zu glauben.
Er hatte reagiert, lange bevor ich begriff, warum.
Er hatte gezittert, während ich noch argumentierte.
Er hatte Alarm geschlagen, während mein Verstand versuchte, höflich zu bleiben.
Ich habe gelernt: Mein Körper war nicht mein Feind.
Er war der einzige, der mich nie angelogen hat.
Und jedes Mal, wenn die Zweifel wiederkamen, stellte ich mir die gleiche Frage:
Was, wenn die Wahrheit längst in mir war – und ich nur verlernt hatte, ihr zuzuhören?
Was ich gelernt habe
K.O.-Tropfen sind schwer nachweisbar. Sie verschwinden schnell im Körper, und oft bleibt nur das Gefühl zurück, dass etwas nicht stimmt.
Aber das Gefühl allein verdient Gehör.
Ich verstehe jede Frau, die nichts sagt.
Die den Gedanken nicht erträgt, dass sie sich erklären müsste, dass man sie fragt, was sie getrunken, getragen, gesagt hat.
Ich verstehe jede, die glaubt, dass man ihr sowieso nicht helfen kann.
Weil ich selbst gespürt habe, wie einsam dieser Moment ist, in dem du zwischen Scham und Ohnmacht stehst.
Und trotzdem weiß ich: Schweigen schützt nicht.
Es hält nur die Tür offen – für den Zweifel, für die Angst, für den Täter.
Manchmal bedeutet eine Anzeige nicht, dass man Gerechtigkeit bekommt.
Aber sie bedeutet, dass man sich selbst wieder ernst nimmt.
Grenzen zu setzen ist kein Angriff. Es ist Selbstschutz.
Ich weiß, dass es Menschen gibt, die Schlimmeres erlebt haben.
Frauen, die nie wieder dieselbe werden konnten, weil ihnen etwas genommen wurde, das man nicht zurückbekommt.
Ich kann mir nicht anmaßen, ihren Schmerz zu begreifen. Aber ich spüre eine tiefe Ehrfurcht davor.
Und ich bin dankbar – nicht für das, was passiert ist, sondern dafür, dass ich es überstanden habe, dass ich mich traue, hinzusehen, statt zu fliehen.
Kurz nach der Tat stand der Mann, der das getan hatte, noch vor meiner Tür.
Er rief sogar meinen Freund an – als wäre nichts gewesen.
Diese Begegnung war fast schlimmer als die Nacht selbst.
Nicht, weil er mir Angst machte, sondern weil sie mir zeigte, wie leicht manche Menschen mit ihrer Schuld leben können – und wie schwer es ist, mit dem eigenen Schweigen zu leben.
Ich habe gelernt, dass es Mut braucht, sich zu schützen.
Dass Klarheit manchmal wichtiger ist als Beweise.
Und dass ich stolz darauf bin, ich zu sein – mit all meiner Zerrissenheit, meiner Wut, meiner Logik und meinem Gefühl.
Ich habe diese Geschichte an die Seite gelegt, nicht um sie zu vergessen, sondern um sie nicht länger tragen zu müssen.
Denn ich weiß: Selbst ein kurzer Blick in so eine Erfahrung verändert alles.
Er zeigt dir, was du überlebt hast – und dass du nie wieder leiser sein wirst, nur damit andere sich wohler fühlen.
Wenn du jemals in so eine Situation kommst:
- Sichere, was du kannst – Gläser, Kleidung, alles, was greifbar ist.
- Bestehe auf einer Untersuchung, selbst wenn man dich abwimmeln will.
- Vertraue deiner Erinnerung – auch wenn sie bruchstückhaft ist.
- Hol dir Unterstützung, nicht erst später, sondern sofort.
- Erlaube dir zu trauern, auch ohne Beweis.
Was ich mir wünsche
Ich wünsche mir, dass Kliniken K.O.-Tropfen nicht als Sonderfall behandeln.
Dass niemand, der betäubt, verwirrt oder benommen wirkt, zuerst nach seiner Diagnose gefragt wird, bevor man ihm glaubt.
Ich wünsche mir, dass man versteht, wie viel Mut es kostet, überhaupt dort zu erscheinen – verwirrt, verängstigt, verletzt – und zu sagen: „Ich glaube, mir wurde etwas angetan.“
Ich wünsche mir, dass Polizist:innen nicht fragen, ob man „deutlich Nein gesagt“ hat, sondern ob man Hilfe braucht.
Dass Ärzt:innen nicht nach Aktenlage handeln, sondern nach Menschlichkeit.
Dass Betroffene nicht in einem Nebensatz abgefertigt werden, weil etwas „zu aufwendig“ ist.
Ich wünsche mir, dass Institutionen begreifen, dass jede Berührung, jedes Wort, jeder Blick Teil der Nachsorge ist.
Dass Empathie kein Luxus sein darf – sie ist Erste Hilfe für die Seele.
Und ich wünsche mir, dass neurodivergente Menschen – Autist:innen, ADHSler:innen, Menschen mit Traumaerfahrung – endlich als das gesehen werden, was sie sind: nicht „schwierig“, sondern sensibel für Ungerechtigkeit.
Unsere Reaktionen sind keine Übertreibung. Sie sind das Echo eines Nervensystems, das zu oft missverstanden wurde.
Ich wünsche mir, dass wir lernen, Hinsehen nicht mit Urteil zu verwechseln.
Dass wir Betroffenen Raum geben, ohne sie in Erklärungsnot zu bringen.
Und dass jeder, der Verantwortung trägt – sei es in einer Klinik, bei der Polizei oder im Freundeskreis – versteht, dass Glauben manchmal wichtiger ist als Wissen.
Denn ein einziger Satz kann über Wochen entscheiden:
„Ich glaube dir.“
Warum ich das teile
Weil ich endlich wieder schreiben kann.
Weil Schweigen mich mehr vergiftet hat als alles andere.
Und weil ich nicht die Einzige bin, die irgendwann aufgewacht ist und sich gefragt hat, warum sie sich an alles erinnert – nur nicht an sich selbst.
Ich teile das nicht, um Mitleid zu bekommen.
Ich teile es, weil ich weiß, wie viele Menschen genau jetzt zwischen Klarheit und Zweifel hängen.
Wie viele sich selbst infrage stellen, weil andere ihre Wahrheit nicht ausgehalten haben.
Wie viele nachts wach liegen und das Gefühl haben, dass ihre Geschichte zu leise ist, um gehört zu werden.
Ich schreibe, weil ich glaube, dass jedes Wort, das wir uns zurückholen, ein Stück Macht ist, das wir uns wieder aneignen.
Ich schreibe, weil Heilung nicht bedeutet, dass alles gut ist – sondern dass man sich nicht mehr für das Schwere schämt.
Ich schreibe, weil ich gelernt habe, dass Wahrheit keine Beweise braucht, sondern Mut.
Und ich schreibe, weil ich weiß, dass es Menschen gibt, die das hier lesen und zum ersten Mal spüren:
Ich bin nicht allein.
Wenn dieser Text nur einer Person hilft, sich selbst wieder zu glauben, dann hat er seinen Zweck erfüllt.
Denn das ist die wahre Bedeutung von Aufarbeitung – nicht Vergeltung, sondern Bewusstsein.
Nicht Vergessen, sondern Vertrauen.
Nicht Rache, sondern Rückkehr.
Ich weiß jetzt: Heilung beginnt dort, wo man sich selbst glaubt.
Und manchmal bedeutet das, einfach aufzuschreiben, was man lange nicht sagen konnte –
damit die eigene Geschichte endlich wieder einem selbst gehört.
Herzlich,
FliWi
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