© 2025 Lisa Widerek · Über Reizregulation, Selbstverständnis und die feine Linie zwischen Erkenntnis und Erschöpfung
Ich wollte nur kurz mein Handy checken.
Nur ein Blick auf TikTok, vielleicht zwei Reels – etwas, das mich müde in den Schlaf begleiten sollte. Stattdessen war ich zwei Stunden später hellwach. Mein Herz schlug ruhig und schnell zugleich. Nicht, weil ich wach bleiben wollte, sondern weil ich mich – zum ersten Mal – erkannt hatte.
Zwischen Wäschekörben, Benachrichtigungen und der leisen Müdigkeit eines langen Tages tauchte ich in eine Welt aus kurzen Clips über Reizüberflutung, Masking, Dopamin, ADHS, Autismus. Menschen erzählten Dinge, die ich nie laut sagen konnte. Sie beschrieben genau das, was ich seit Jahren fühlte – ohne zu wissen, dass es einen Namen hat. Ich scrollte weiter, atemlos, fasziniert, hungrig nach mehr. Jeder Swipe war wie ein kleiner Schlag Licht in einen Raum, von dem ich nicht wusste, dass er in mir existiert.
Ich weiß noch, wie ich dachte: Das ist keine Zeitverschwendung. Das ist Selbstforschung.
Ich wollte mich verstehen – nicht ablenken. Das Scrollen war keine Flucht, sondern eine Suche. Zwischen Chaos, Müdigkeit und der ständigen Reizflut wurde das Handy zu einer Art Spiegel. Ein Ort, an dem andere dachten wie ich, reagierten wie ich, fühlten wie ich – und es war, als würde jemand mein inneres Rauschen übersetzen.
Aber mit jeder Erkenntnis kam auch Überforderung.
So viele Stimmen, so viele Diagnosen, so viele neue Begriffe, die mir gleichzeitig halfen und mich überfluteten.
Ich war müde, aber mein Kopf war hellwach.
Und irgendwo zwischen Like und Save, zwischen „Das bin ich“ und „Das bin ich zu sehr“ begann ich zu begreifen:
Ich war nicht verloren im Scrollen – ich war auf Spurensuche.
Doomscrolling als Rettungsanker
Es begann nicht mit einer Diagnose, sondern mit einem Algorithmus. Ein Video, das zufällig passte. Dann noch eins. Und plötzlich war da ein ganzer Strom von Menschen, die dachten wie ich. TikTok, Instagram, Reddit – Orte, die eigentlich Ablenkung versprechen, wurden zu digitalen Selbsthilfegruppen. Zu Räumen, in denen sich neurodivergente Menschen zum ersten Mal verstanden fühlten.
Jemand spricht über Rejection Sensitivity? Ich atme auf. Eine Frau erzählt, dass sie nach jedem Termin zwei Tage Erholung braucht? Ich nicke, Tränen in den Augen. Ein Fremder erklärt, dass PDA nicht Trotz bedeutet, sondern Angst vor Kontrollverlust? Ich speichere das Video und halte kurz inne.
Was früher ein Spaziergang zum Denken war, wurde jetzt ein Scrollen zum Überleben. Denn wer sich jahrzehntelang fremd gefühlt hat, erlebt beim Doomscrolling oft den ersten Hauch von Zugehörigkeit. Dieses Gefühl, dass du nicht kaputt bist – sondern einfach verdrahtet wie viele andere da draußen.
Der Algorithmus, sonst oft als manipulativer Mechanismus kritisiert, wurde für mich zum unerwarteten Therapeuten. Er zeigte mir Puzzleteile, die ich nie zusammensetzen konnte. Jedes neue Video war wie ein Mini-Dialog mit meinem inneren Kind: „Schau, du bist nicht seltsam. Du bist verständlich.“
Aber es war mehr als das. Es war Rettung. Wenn das Nervensystem überlastet war, half das Scrollen, die Kontrolle zurückzugewinnen. Die vertrauten Gesichter, Stimmen, Worte – sie gaben Struktur in einer chaotischen Welt. Der Bildschirm wurde zum sicheren Raum, zum Container für Gedanken, die sonst keinen Platz fanden.
Doomscrolling ist am Anfang kein Laster, sondern eine Lebenslinie. Es stillt ein fundamentales Bedürfnis nach Resonanz. Nach Wiedererkennung. Nach einem „Ich auch“. Und in dieser Phase ist es nicht gefährlich – es ist heilsam. Denn bevor man sich loslassen kann, muss man sich erstmal finden.
Doomscrolling als Selbstregulation (und Selbstsabotage)
Ich erinnere mich noch an den Moment, als alles begann – paradox und fast ironisch. Ich suchte nach Antworten für mein Kind, nicht für mich. Mein kleiner Sohn war so eindeutig anders, und doch passte er in keine Schublade. „Nicht autistisch genug“, hieß es damals, obwohl ich jeden Tag spürte, dass da mehr war. Mehr Reizoffenheit. Mehr Wut auf Anforderungen. Mehr Rückzug, wenn Kontrolle fehlte. Und als ich nachts, zwischen Zweifel und Müdigkeit, zum ersten Mal auf einen Beitrag über PDA-Autismus stieß, hatte ich das Gefühl, jemand hätte eine Taschenlampe in mein Inneres gehalten.
Da war plötzlich dieses Wort. Dieses Konzept. Diese Erklärung.
Ich las, dass Kinder mit PDA auf Druck reagieren, als sei er Gefahr. Dass sie sich verweigern, nicht weil sie stur sind, sondern weil ihr Nervensystem Flucht ruft. Und in diesem Moment sah ich nicht nur meinen Sohn – ich sah mich. Als Kind, als Erwachsene, als Mutter, die jahrelang versucht hatte, zu funktionieren, statt zu verstehen.
Ab da war das Scrollen kein bloßes Scrollen mehr. Es war Forschung. Eine Mischung aus Selbstdiagnose, Reizbewältigung und Identitätssuche. Ich wühlte mich durch Videos über ADHS, Autismus, Trauma, Reizregulation. Ich verstand, warum mein Gehirn nachts wach blieb, warum mein Körper tagsüber rebellierte. Ich spürte mich endlich – im Chaos, aber verbunden.
Doch mit der Erkenntnis kam auch der Strudel.
Was als Suche begann, wurde zur Selbstberuhigung. Wenn mein Nervensystem zu laut war, scrollte ich, um es zu dämpfen. Wenn es zu still war, scrollte ich, um es zu wecken. Input wurde Regulation. TikTok war mein Labor, Instagram mein Tagebuch, Reddit mein Therapieersatz. Jede Information war ein Pflaster, jedes neue Label ein Versuch, Ordnung zu schaffen.
Aber irgendwann – und das ist die Wahrheit, die weh tut – wurde das Wissen selbst zur Überflutung. Mein Gehirn sog alles auf, bis nichts mehr hängen blieb. Ich war nicht mehr ruhig, ich war betäubt.
Doomscrolling ist kein Versagen. Es ist ein Versuch, ein überreiztes System zu halten. Aber irgendwann kippt das Halten ins Halten-Müssen – und genau dort beginnt die Selbstsabotage.
Der Kipppunkt
Irgendwann kam der Moment, an dem ich merkte, dass ich nicht mehr suchte – ich flüchtete. Das Handy vibrierte, und mein Körper reagierte schneller als mein Verstand. Ich wollte nur verstehen, doch plötzlich verstand ich alles – und nichts mehr.
Was als Erkenntnis begann, wurde zur Reizüberflutung. Mein Gehirn war voller Tabs, mein Herz voller Druck. Ich scrollte nicht mehr, um mich zu finden, sondern um mich nicht zu verlieren.
Jede neue Information war wie ein Tropfen auf ein überfülltes Glas. Ich sog sie auf, ohne sie verarbeiten zu können. Das Handy wurde von Trostspender zum Stressfaktor. Ich lag nachts wach, erschöpft von Input, überreizt von Empathie. Ich kannte plötzlich die Symptome von Hunderten anderer Menschen – aber kaum noch meine eigenen.
Doomscrolling kann sich anfühlen wie Verbindung – ist aber oft Ersatzkontakt. Wir konsumieren Nähe, statt sie zu erleben. Liken ersetzt Zuhören. Kommentare ersetzen Gespräche. Wir fühlen uns verbunden, aber unser Nervensystem bleibt allein.
Psychologisch nennt man das parasoziale Resonanz: Wir nehmen Anteil, fühlen mit, spiegeln Emotionen anderer – doch der Körper bleibt passiv. Unsere Spiegelneuronen feuern, während unsere Muskeln stillhalten. Das Gehirn denkt, es erlebt – doch in Wahrheit konsumiert es nur.
Ich erinnere mich an eine Nacht, in der ich dachte: Ich suchte Wissen – und fand nur noch mehr Tabs.
Ich war müde, gereizt, überfordert. Mein Körper wollte schlafen, mein Kopf wollte scrollen. Ein typisches Anzeichen, dass Selbstregulation zur Selbsterschöpfung geworden ist.
Der Kipppunkt ist still. Er kommt nicht mit einem Knall, sondern mit einem leisen „Nur noch eins“. Noch ein Video, noch ein Thread, noch eine Erklärung. Bis der Bildschirm das letzte Licht im Raum ist – und du dich fragst, ob du dich selbst irgendwo im Feed verloren hast.
Was hilft wirklich
Ich wünschte, es gäbe eine einfache Antwort – eine App gegen das Scrollen, eine Routine gegen den Sog. Aber die Wahrheit ist: Es geht nicht ums Aufhören. Es geht ums Verstehen. Denn Doomscrolling ist kein Feind, sondern ein Symptom. Ein Zeichen dafür, dass dein Nervensystem Halt sucht – auf dem schnellsten Weg, den es kennt.
1. Psychoedukation statt Overload
Was mir am meisten geholfen hat, war Wissen. Nicht das Wissen aus 200 TikToks, sondern das bewusste, verdichtete Verstehen: Warum tue ich das?
Ich lernte, dass mein Gehirn bei Reizen anders arbeitet. Dass Dopamin bei ADHS wie ein unstetes Feuer lodert, während mein autistischer Anteil gleichzeitig nach Struktur schreit.
Diese Mischung erklärt, warum Scrollen so verlockend ist: ständige Neuheit trifft kontrollierte Wiederholung.
Heute lese ich gezielter. Ich speichere Videos, schaue sie später – wenn mein System aufnahmefähig ist. Das ist kein Verzicht, das ist Selbstschutz.
2. Intentional Scrolling
Ich scrolle jetzt mit Absicht. Nicht mehr, wenn ich leer bin, sondern wenn ich lernen will.
Ich öffne meine Apps bewusst, mit einem Timer. 30 Minuten Input, dann Stopp. Kein Algorithmus darf entscheiden, wann ich genug habe.
Wenn ich etwas wirklich spannend finde, schreibe ich mir eine Notiz, statt weiterzuwischen. Was hat das in mir ausgelöst? Warum hat es mich berührt?
So wird aus Konsum Reflexion – und mein Nervensystem bleibt bei mir, statt sich zu verlieren.
3. Reizbalance statt Reizentzug
Ich habe gelernt, dass ich Reize brauche – aber nicht alle gleichzeitig.
Also habe ich kleine Rituale eingeführt: Kopfhörer beim Spazieren, Duftöl beim Arbeiten, eine Playlist für Fokuszeiten.
Das gibt meinem Gehirn Struktur und Dopamin, ohne dass ich mich verliere.
Ich habe Apps gelöscht, aber nicht aus Verachtung – sondern aus Fürsorge.
Ich will nicht weniger fühlen, sondern bewusster.
4. Scham entmachten
Ich habe mich lange für meine Bildschirmzeit geschämt.
Doch heute sehe ich: Scham hilft nicht, sie lähmt.
Wenn ich merke, dass ich wieder endlos scrolle, sage ich mir: „Mein Nervensystem sucht Halt. Ich darf das wahrnehmen, ohne mich zu verurteilen.“
Ich atme, lege das Handy weg, gehe kurz ans Fenster. Und manchmal öffne ich es später wieder – nicht, weil ich rückfällig bin, sondern weil Regulation zyklisch ist.
Selbstmitgefühl ist der Schlüssel. Kein Algorithmus kann das ersetzen.
5. Bewusstes Offline-Sein
Ich habe mir Räume geschaffen, die nicht digital sind.
Das Schlafzimmer ist handyfrei. Beim Essen bleibt der Bildschirm aus.
Und wenn ich abends doch mal scrolle, dann tue ich es mit Musik im Hintergrund – damit mein Gehirn weiß: Ich bin hier, nicht im Feed.
Denn am Ende geht es nicht darum, das Scrollen zu verbieten – sondern das Leben wieder spürbar zu machen.
Doomscrolling verliert seine Macht, wenn wir ihm Sinn geben.
Nicht, indem wir es verteufeln, sondern indem wir verstehen, was es in uns stillen will.
Fazit: Zwischen Suche und Selbstfindung
Ich habe mich durch TikToks erkannt – aber erst offline verstanden. Was als endloses Scrollen begann, war in Wahrheit der erste Schritt zu mir selbst. Zwischen Diagnosen, Begriffen und geteilten Erfahrungen lag plötzlich ein Spiegel – einer, der mich nicht verurteilte, sondern erklärte.
Doomscrolling war nicht mein Untergang, sondern mein Anfang. Es hat mir Worte gegeben, wo vorher Schweigen war. Es hat mir gezeigt, dass ich nicht „zu viel“ bin, sondern einfach anders verdrahtet. Aber ich musste lernen, dass Erkenntnis allein keine Ruhe schenkt. Denn jedes „Das bin ich“ braucht auch ein „Und jetzt?“. Wissen ist wichtig – aber Heilung geschieht im Raum dazwischen: zwischen Input und Stille, zwischen Scrollen und Spüren.
Ich lege das Handy nicht weg, um die Welt zu meiden, sondern um sie wieder zu fühlen. Ich darf neugierig sein, ohne mich zu verlieren. Ich darf lernen, ohne zu überladen. Und ich darf suchen – ohne mich selbst aus den Augen zu verlieren.
Ich bin kein Algorithmus-Produkt. Ich bin Mensch. Mit Fehlern, mit Fragen, mit einem Gehirn, das zu viel denkt und einem Herzen, das zu tief fühlt. Und vielleicht ist genau das okay.
Wenn ich heute scrolle, dann nicht, um mich zu vergessen, sondern um mich zu erinnern: Ich war nie allein. Ich war nur offline.
👉 Kennst du dieses Gefühl, dich in Reels zu verlieren und dich gleichzeitig endlich verstanden zu fühlen?
Erzähl mir in den Kommentaren, was du über dich gelernt hast – und wie du heute die Balance zwischen Input und Ruhe findest.
Herzlich,
FliWi
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