© 2025 Lisa Widerek · Über Schuld, Verantwortung und die Widersprüche von Autonomie
Der Anspruch: Niemanden verletzen
Ich habe mir lange eingeredet: Ich werde niemals absichtlich jemanden verletzen. Dieser Satz war mein Kompass, mein größter Anspruch – und irgendwann mein größtes Versagen.
Denn wenn ich heute ehrlich hinschaue, sehe ich: Ich habe verletzt. Nicht, weil ich grausam sein wollte. Sondern weil mein Leben mich manchmal in Situationen gestellt hat, in denen jede Entscheidung jemanden verletzte – egal, wie ich mich drehte.
Ich erinnere mich an die Zeit, in der ich das erste Mal jemand anderem nah war, obwohl ich eigentlich in meiner Ehe steckte, mich noch nicht vollständig befreit hatte. Ich habe mich mit diesem Mann geborgen gefühlt, lebendig und gesehen – und gleichzeitig meine Familie geliebt. Am Ende habe ich beide verletzt: ihn, weil ich nicht die Konsequenz hatte, mich ganz zu lösen, und meinen Mann, weil ich nicht bereit war, den Kontakt zu beenden. Ich stand zwischen zwei Welten, wollte keinem weh tun – und habe genau das getan.
Später wiederholte sich dieses Muster. Mit einem Menschen, den ich sehr geschätzt habe und der mir viel bedeutet hat. Doch ich wollte frei sein, wollte meiner Sehnsucht folgen – und entschied mich für jemand anderen. In dem Moment tat ich, was ich glaubte, für mein Leben brauchte. Und doch weiß ich: ich habe ihn verletzt, auch wenn es nie meine Absicht war.
Solche Momente sind für mich schwer auszuhalten, weil sie an mein Selbstbild rühren. Ich habe mich immer als empathisch gesehen, als jemand, der lieber selbst leidet, als andere leiden zu lassen. Und doch habe ich erlebt, dass genau mein Weg in die Autonomie, mein Bedürfnis nach Echtheit, andere aus ihren Erwartungen reißen musste. Für sie fühlte es sich an wie Verrat – für mich war es Überleben.
Heute weiß ich: Es gibt eine Kluft zwischen Anspruch und Realität.
Mein Anspruch war, niemandem weh zu tun. Meine Realität war, dass ich nicht verhindern konnte, dass Menschen sich verletzt fühlten, wenn ich aufhörte, ihre Erwartungen zu erfüllen.
Das System dahinter: PDA, Trauma, Autonomiebedürfnis
Wenn ich heute auf diese Verletzungen zurückblicke, sehe ich klarer, dass sie nicht aus Gleichgültigkeit entstanden sind, sondern aus einem inneren System, das stärker war als jeder gute Vorsatz.
Ich lebe mit Autismus, ADHS und einem sogenannten PDA-Profil (Pathological Demand Avoidance). Das bedeutet: Erwartungen, Forderungen, manchmal sogar Zuwendung – all das kann sich für mein Nervensystem wie Druck anfühlen. Und Druck löst bei mir Alarm aus.
Es ist schwer zu erklären, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Ein einfaches „Du musst doch nur …“ reicht, und in mir geht innerlich die Sirene an. Nicht, weil ich nicht will. Sondern weil mein Körper den Unterschied zwischen einer Bitte und einer Bedrohung oft nicht macht. Es ist, als würde mein System „Flucht!“ rufen, noch bevor mein Kopf nachdenken kann.
Trauma verstärkt diesen Mechanismus. Wer früh gelernt hat, dass Erwartungen nie erfüllbar sind oder dass Zuwendung immer mit Bedingungen kam, dessen Nervensystem speichert: Erwartung = Gefahr. Ich habe mich dann angepasst, Maske aufgesetzt, funktioniert. Aber irgendwann kam der Punkt, an dem mein Körper die Anpassung nicht mehr halten konnte. Dann gab es nur noch zwei Möglichkeiten: zusammenbrechen oder wegrennen.
Und genau da entstehen Verletzungen. Ich renne nicht, weil mir Menschen egal sind. Ich renne, weil mein Nervensystem in Panik gerät, wenn Nähe zu eng wird oder Verantwortung mich zu erdrücken droht. PDA ist dabei kein Vorwand, sondern ein realer Teil meines Profils. Fachleute wie Elizabeth Newson, die den Begriff geprägt hat, beschreiben dieses Muster als extreme Angstreaktion auf wahrgenommene Erwartungen. Für Außenstehende wirkt es launisch oder egoistisch – für mich ist es Überleben.
Das bedeutet nicht, dass ich mich aus jeder Verantwortung stehle. Es bedeutet, dass mein Autonomiebedürfnis manchmal so groß wird, dass ich die andere Person zurückstoße, selbst wenn ich sie liebe. Dass ich eine Grenze ziehe, die für andere unverständlich ist. Und dass das, was nach Kälte aussieht, in Wahrheit blanke Überforderung ist.
Wenn ich also Menschen verletzt habe, dann nicht, weil mir ihre Gefühle egal waren. Sondern weil mein System mich gezwungen hat, mich zuerst zu retten. Und weil ich lange nicht wusste, wie ich das erklären soll.
Die Betroffenen
Ich habe Menschen verletzt. Nicht aus Bosheit – sondern, weil mein inneres System mich manchmal zu Entscheidungen gedrängt hat, die ich später nicht mehr rückgängig machen konnte.
Da war zum Beispiel jemand, der mir sehr viel bedeutet hat. Ein Mensch, der gut zu mir war, geduldig, liebevoll. Ich wusste, dass ich mit meinen Schwankungen und meinem ständigen Bedürfnis nach Freiheit sein Herz auf die Probe stellte. Und doch habe ich ihn verletzt – indem ich die Beziehung beendet habe, um Raum für etwas anderes zu schaffen. Ich wollte glücklich sein, authentisch leben. Aber dafür habe ich jemandem wehgetan, der es nicht verdient hatte. Und das tut mir bis heute leid.
Dann war da die Ehe, die längst Risse hatte. Ich habe versucht, sie mit Therapie und Kompromissen zu retten, während ich gleichzeitig etwas suchte, das mich lebendig fühlen ließ. In dieser Zerrissenheit habe ich beide Seiten verletzt: den einen, weil ich nicht loslassen konnte, und den anderen, weil ich nicht konsequent genug war, den endgültigen Schlussstrich zu ziehen. Ich wollte beides – Sicherheit und Freiheit – und am Ende habe ich beide enttäuscht.
Und es gibt noch andere Situationen. Rückzüge, die plötzlich wirkten. Nachrichten, die unbeantwortet blieben. Menschen, die dachten, ich sei kalt oder gleichgültig – während ich in Wahrheit im Shutdown war, unfähig, weiterzumachen, unfähig, Nähe auszuhalten. Für sie war es Unverständnis. Für mich war es ein Überlebensreflex.
Ich weiß, dass mein Verhalten Spuren hinterlassen hat. Und ich weiß, dass manche dieser Menschen mich nie verstehen werden. Vielleicht auch nicht verstehen wollen. Aber was ich sicher weiß: Ich habe niemals mit Absicht zerstört. Ich habe immer nur versucht, zu überleben – und dabei ist manchmal das Herz eines anderen mit zerbrochen.
Manchmal hatten Menschen es auch nicht anders verdient, trotzdem tut es mir um jeden von Ihnen Leid.
Die Wahrheit: Ich bin kein Monster
Lange habe ich mich gefragt, ob ich vielleicht doch ein schlechter Mensch bin. Denn wie kann man von sich behaupten, empathisch zu sein – und gleichzeitig Menschen verletzen? Wie kann man sagen, man liebt, und doch Entscheidungen treffen, die wehtun?
Heute weiß ich: Ich bin kein Monster. Ich bin ein Mensch mit inneren Notwendigkeiten. Meine Verletzungen sind nicht aus Gleichgültigkeit entstanden, sondern aus einem Nervensystem, das immer wieder auf Alarm gestellt ist. PDA, Autismus, ADHS, Trauma – all das führt dazu, dass Bindung für mich manchmal Bedrohung bedeutet. Dass Erwartungen Druck erzeugen. Dass mein Körper sagt: Rette dich, auch wenn mein Herz eigentlich bleiben will.
Das macht die Folgen nicht weniger real. Wer verletzt ist, spürt Schmerz – egal, ob die Ursache Absicht war oder nicht. Hier liegt der Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung. Schuld würde heißen: Ich wollte bewusst zerstören. Verantwortung bedeutet: Ich sehe, dass mein Handeln Spuren hinterlässt – und ich stehe dafür ein, auch wenn ich es nicht verhindern konnte.
Das ist kein Freibrief. Es ist kein „So bin ich eben“. Es ist der Versuch, ehrlich hinzuschauen, statt mich selbst zum Monster zu erklären oder meine Muster zu verleugnen. Ja, meine Sehnsucht nach Freiheit kann andere erschüttern. Ja, mein Shutdown kann für andere wie ein Schlag ins Gesicht wirken. Aber das bedeutet nicht, dass ich lieblos oder kalt bin. Es bedeutet, dass mein Überleben manchmal stärker war als mein Wunsch, niemandem wehzutun.
Vielleicht ist das der härteste Teil, den ich akzeptieren musste: Authentizität hat Kollateralschäden. Wenn ich nicht mehr nur funktioniere, sondern beginne, echt zu leben, dann werden Erwartungen zerbrechen. Und Erwartungen haben immer Gesichter.
Ich bin kein Monster. Ich bin jemand, der gelernt hat, dass Aufrichtigkeit manchmal weh tut. Aber ich bin auch jemand, der diesen Schmerz sieht – bei mir und bei anderen. Und genau darin liegt meine Menschlichkeit.
Ein Blick auf das Gute
Bei all der Schwere möchte ich nicht vergessen, dass auch etwas Gutes in all dem steckt. Denn so sehr es mich schmerzt, Menschen verletzt zu haben – so sehr hat mich genau das gezwungen, hinzusehen, zu lernen und zu wachsen.
Ich habe verstanden: Verletzungen sind manchmal unvermeidbar. Nicht, weil wir rücksichtslos sind, sondern weil wir Menschen sind. Weil wir Grenzen haben, die nicht immer mit den Erwartungen anderer vereinbar sind. Weil Freiheit manchmal bedeutet, aus vertrauten Mustern auszubrechen – und dabei auch Menschen zurückzulassen, die uns lieb waren.
Das klingt hart. Und es ist hart. Aber es ist auch wahr: Es gibt kein Leben, in dem niemand jemals verletzt wird. Wer lebt, wer liebt, wer sich bewegt, der wird Spuren hinterlassen. Manche heilen schnell, andere bleiben länger sichtbar. Entscheidend ist, ob wir bereit sind, hinzusehen, uns zu entschuldigen, Verantwortung zu übernehmen – und es beim nächsten Mal bewusster zu machen.
Von Manchen habe ich gelernt, wie wertvoll echte Loyalität ist. Von meiner Ehe habe ich gelernt, wie wichtig Selbstschutz ist. Von Freundschaften, die zerbrochen sind, habe ich gelernt, dass Ehrlichkeit manchmal weh tut, aber Schweigen noch viel mehr zerstört. Jeder dieser Momente war schmerzhaft – und doch haben sie mich näher zu mir selbst gebracht.
Ich glaube, dass das Gute darin liegt, dass ich heute bewusster handle. Ich sehe schneller, wenn ich ins Muster rutsche. Ich merke eher, wenn mein „Nein“ eigentlich ein „Ich kann nicht mehr“ bedeutet. Ich versuche, nicht perfekt zu sein, sondern echt – und damit wenigstens weniger unbewusst zu verletzen.
Und vielleicht liegt das größte Gute darin, dass ich über all das schreibe. Dass ich meine Muster nicht nur für mich erkenne, sondern sie teile. Denn wenn nur eine Person darin sich selbst wiederfindet und denkt: „Okay, ich bin nicht allein. Ich bin nicht falsch.“ – dann hat all der Schmerz, all die Schuld, all die Scham einen Sinn.
Fazit: Ich verletze nicht aus Gleichgültigkeit
Wenn ich zurückblicke, sehe ich viele Spuren, die ich hinterlassen habe. Manche davon tun mir weh, weil ich weiß, dass ich Menschen berührt habe, die es nicht verdient haben. Andere Spuren sehe ich heute klarer: Sie gehörten zu Menschen, die nie wirklich an meiner Seite standen, sondern mich kleinhalten oder in ihren Erwartungen fesseln wollten.
Der Unterschied ist wichtig. Ich erkenne mittlerweile meine eigenen Muster – und damit auch die Mechanismen anderer viel früher. Statt mich endlos zu geißeln, weil jemand sich von meinem Weg verletzt fühlt, frage ich heute: Wurde diese Person wirklich verletzt – oder wurde nur ihre Kontrolle gestört?
Das macht mich nicht kalt. Es macht mich klar. Ich weiß, dass echte Nähe verletzbar macht, dass Fehler passieren, dass es immer Momente geben wird, in denen ich nicht genüge. Aber ich weiß auch, dass es nicht meine Aufgabe ist, mich für immer kleinzumachen, nur damit andere sich groß fühlen können.
Ich verletze nicht aus Bosheit. Ich verletze, weil ich mich retten musste. Und ja, ich bedaure den Schmerz, den das manchmal bei Menschen ausgelöst hat, die mir wichtig waren. Aber ich lasse nicht mehr zu, dass mein Bedauern mich lähmt oder zurück in alte Abhängigkeiten zieht.
Heute bedeutet Verantwortung für mich nicht, jede Erwartung zu erfüllen – sondern ehrlich zu mir zu sein. Authentizität tut manchmal weh, für mich und für andere. Aber sie ist der einzige Weg, der wirklich meine Wahrheit trägt.
Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis: Die Leichen auf meinem Weg sind keine Beweise meiner Bosheit, sondern meiner Menschlichkeit. Sie erinnern mich daran, dass Freiheit ihren Preis hat – und dass dieser Preis nie so hoch ist, wie den eigenen Weg nicht zu gehen.
„Kennst du das Gefühl, dass du andere verletzt hast, obwohl du eigentlich nur überleben wolltest? Oder hast du selbst erlebt, wie schwer es ist, zwischen Selbstschutz und Schuldgefühlen zu unterscheiden? Teile deine Gedanken in den Kommentaren oder leite den Beitrag an jemanden weiter, der das gerade hören sollte.“
Herzlich,
FliWi
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