Ich wollte nur stark sein – aber es war Überleben

Veröffentlicht am 1. Oktober 2025 um 18:00

© 2025 Lisa Widerek · Was Überanpassung, Scham und stille Traumafolgen mit mir gemacht haben.

Das leise Trauma

 

Ich erinnere mich an unzählige Szenen, die alle gleich unspektakulär wirken – und doch so viel erzählen. Eine davon: Ich trage fünf schwere Tüten, balanciere die Tür mit dem Fuß auf, atme stoßweise und mein Rücken schreit nach Hilfe. Doch ich sage nichts. Kein „Kannst du mir kurz helfen?“ kommt über meine Lippen. Nicht, weil ich stur bin. Sondern weil ich gelernt habe, dass Hilfe ein Preis ist, den ich mir nicht leisten kann.

Dieses Schweigen ist kein Zufall. Es ist tief eingegraben. Ich habe früh gelernt: Stärke bedeutet, alleine klarzukommen. Schwäche ist gefährlich, Schwäche ist beschämend. Also halte ich lieber still, bis mir die Arme schmerzen, als das Risiko einzugehen, jemandem zur Last zu fallen. Für Außenstehende mag es wie Unabhängigkeit aussehen, fast bewundernswert. Doch in Wahrheit ist es nichts anderes als ein Überlebensmuster.

Traumaforschung beschreibt genau dieses Phänomen: Wenn Kinder wiederholt erleben, dass ihre Bedürfnisse nicht sicher beantwortet werden, entwickeln sie Anpassungsstrategien. Manche kämpfen, manche fliehen, manche erstarren – und manche passen sich übermäßig an. Diese Überanpassung wird oft übersehen, weil sie so „funktional“ wirkt. Während Wutausbrüche oder Rückzug auffallen, bleibt das stille Aushalten unbemerkt. Fachleute wie Judith Herman („Trauma and Recovery“) sprechen davon, dass gerade dieses „funktionierende Kind“ am meisten übersehen wird – weil es nach außen so stark wirkt.

Das leise Trauma zeigt sich nicht in lauten Szenen, nicht in spektakulären Zusammenbrüchen. Es sitzt in den winzigen Alltagsmomenten, in denen ich mich nicht traue zu sagen: „Ich brauche dich.“ Es steckt im Zögern, im Überspielen, im schnellen „Schon gut, ich schaff das“. Und genau das ist das Tückische: Niemand sieht, wie schwer es ist. Niemand bemerkt, wie viel Kraft es kostet, immer so zu tun, als sei alles in Ordnung.

Psychologisch spricht man hier von „Fawn Response“ – eine vierte Traumareaktion neben Kampf, Flucht und Erstarrung. Sie beschreibt das automatische Bedürfnis, Konflikte zu vermeiden, Erwartungen zu erfüllen und niemandem zur Last zu fallen. Für mich bedeutet das: Ich helfe lieber zu viel, erkläre mich endlos, entschuldige mich für Dinge, die gar nicht meine Schuld sind – als den Gedanken zu ertragen, dass ich jemanden verärgern oder enttäuschen könnte.

Für lange Zeit habe ich das mit Stärke verwechselt. Ich dachte, stark sein heißt, niemals schwach zu wirken. Ich habe geglaubt, dass „pflegeleicht sein“ eine Tugend ist, und habe mich unendlich angestrengt, diesem Bild zu entsprechen. Doch in Wahrheit war es kein Zeichen von Stärke. Es war Überleben.

Und vielleicht ist das das Leiseste und zugleich Schwerste an dieser Form von Trauma: Es schreit nicht. Es flüstert. Es macht sich nicht bemerkbar durch Aufruhr, sondern durch das Fehlen von Bedürfnisäußerungen. Für andere bin ich die, die „alles im Griff“ hat. Für mich selbst bin ich die, die nie gelernt hat zu sagen: „Ich brauche dich.“

Doch heute erkenne ich genau darin meine Stärke: dass ich diese Muster nicht länger unbemerkt abspule, sondern sie benennen kann. Dass ich sie verstehe und Wege finde, sie zu verändern. Das leise Trauma hat Spuren hinterlassen – aber es definiert nicht mein Ende. Es zeigt vielmehr, wie weit ich trotz allem gekommen bin.


Was Überleben bedeutet

 

Überleben klingt nach etwas Großem – nach Katastrophen, nach Ausnahmezustand. Aber in meinem Alltag hat es sich leiser gezeigt. In ständigen Entschuldigungen, die fast schon automatisch kamen: „Tut mir leid, dass ich störe …“ – auch wenn ich gar nichts störte. In dem Reflex, immer mehr zu leisten, damit ja niemand denken konnte, ich sei faul. In dem Druck, selbst beim Entspannen Schuldgefühle zu haben, weil ich dachte: „Dafür musst du dir erst das Recht verdienen.“

Traumaforschung beschreibt dieses Muster als chronische Überanpassung. Wer früh gelernt hat, dass Anerkennung an Bedingungen geknüpft ist, verinnerlicht unbewusst: Nur wenn ich leiste, gefalle, funktioniere, bin ich sicher. Psycholog:innen nennen das auch „People-Pleasing“ – ein Schutz, keine Charakterschwäche. Studien zu komplexer Traumatisierung (z. B. Herman, Trauma and Recovery, 1992) zeigen, dass gerade dieses unauffällige „Funktionieren“ eine hochgradig übersehene Überlebensstrategie ist.

Früher wirkte ich dadurch organisiert, stark, zuverlässig. Aber vieles davon war Maskerade. Ich habe mich jahrelang durch sogenanntes Masking getragen: das bewusste oder unbewusste Verbergen neurodivergenter Merkmale, um „normal“ zu erscheinen. Besonders Autist:innen und Menschen mit ADHS greifen auf Masking zurück, weil sie gelernt haben, dass ihre Echtheit soziale Risiken birgt. Eine groß angelegte Studie von Hull et al. (2017) zeigte, dass fast alle befragten Autist:innen Masking-Strategien nutzen, um dazuzugehören – auch wenn es sie innerlich erschöpft.

Masking bedeutet: ständig Körpersprache nachahmen, Blickkontakt bewusst steuern, Sprache anpassen, Gefühle verstecken. Es bedeutet, einen Großteil der Energie in das „Als-ob“ zu investieren, statt in das, was man eigentlich braucht. Lai et al. (2017) sprechen von einer „unsichtbaren Last“, die langfristig zu Identitätsverlust, Burnout, Depression und erhöhter Suizidalität führen kann. Genau diese Folgen habe ich am eigenen Körper gespürt – nur dass ich sie früher nicht als solche erkannt habe. Ich dachte: „Das ist eben mein Charakter.“

Seit meiner Diagnose ist vieles anders. Es fühlt sich fast so an, als hätte jemand den Schalter für meine alte Masking-Fähigkeit heruntergedreht. Ich kann die Fassade nicht mehr in derselben Perfektion aufrechterhalten – und genau das macht sichtbar, wie viel Kraft es mich früher gekostet hat. Es ist, als hätte mein Nervensystem entschieden: *„Jetzt, wo die Wahrheit einen Namen hat, gibt es kein Zurück in die Tarnung.“ *Gerade deshalb arbeite ich heute bewusster mit Strategien, die mir helfen, meine Energie sinnvoll einzusetzen – statt sie in Fassade zu verschwenden.

Die Folge: Ich wirke vielleicht weniger „perfekt“ als früher – dafür echter. Und zugleich spüre ich heute erst das Ausmaß der alten Anstrengung. Überleben bedeutete für mich nicht, zusammenzubrechen. Es bedeutete, so lange zu funktionieren, bis ich selbst kaum noch wusste, wo meine Grenze war. Genau darin liegt die Paradoxie: Was andere als Stärke wahrnahmen, war in Wahrheit ein still laufender Ausnahmezustand.


Autismus, ADHS und Trauma – eine explosive Mischung?

 

Wenn man Autismus, ADHS und Trauma zusammennimmt, entsteht eine Art innere Dauerspannung, die kaum jemand sieht. Jedes dieser drei Felder bringt eigene Herausforderungen mit sich – zusammen potenzieren sie sich oft. Für mich fühlt es sich manchmal an, als hätte ich ein Nervensystem ohne Puffer. Alles trifft direkter, härter, ungefilterter.

Autismus bringt eine starke Reizoffenheit mit sich: Geräusche, Gerüche, Gefühle anderer Menschen. Alles kommt ungefiltert an. ADHS wiederum sorgt dafür, dass meine Aufmerksamkeit wie ein Ping-Pong-Ball durch den Raum springt – hyperfokussiert auf das Falsche oder gleichzeitig auf alles. Und Trauma legt eine Schicht Alarm darüber: die ständige Bereitschaft, dass gleich etwas passiert, dass etwas kippt, dass ich reagieren muss.

Masking wurde für mich lange zur Antwort darauf. Als autistisches Kind mit ADHS habe ich früh gespürt: So wie ich bin, ist es nicht „richtig“. Also habe ich gelernt, mich anzupassen – schneller als andere, perfekter, unauffälliger. Fachlich spricht man hier von einer Vulnerabilitätsverstärkung: Neurodivergente Kinder sind nicht „schwieriger“, sondern verletzlicher, weil sie mehr wahrnehmen und weniger Schutz durch gesellschaftliche Toleranz bekommen. Studien wie die von Crompton et al. (2020) zeigen, dass besonders autistische Mädchen und Frauen durch Masking ein höheres Risiko für Depressionen und Suizidalität entwickeln.

Trauma wirkt in diesem Kontext wie ein Verstärker. Es bestätigt innerlich: „So wie du bist, bist du nicht sicher.“ Der Körper lernt, auf jede Abweichung mit Alarm zu reagieren. Forschung zu komplexer Traumatisierung (z. B. van der Kolk, 2014) beschreibt, dass genau dieses dauerhafte Hyperarousal – der ständige Alarmzustand – irgendwann zum „neuen Normal“ wird. Für mich heißt das: Selbst in scheinbar ruhigen Momenten bleibt mein System angespannt, weil es jederzeit mit einem Bruch rechnet.

ADHS spielt dabei eine paradoxe Rolle. Einerseits hilft es, flexibel und kreativ zu reagieren, Muster zu erkennen und Lösungen zu finden. Andererseits macht es Übergänge, Struktur und Selbstregulation extrem schwer. In Kombination mit Trauma entsteht so ein Kreislauf: Überforderung → Alarm → noch weniger Selbstregulation → Schuldgefühle → noch mehr Masking.

Das Ergebnis? Von außen wirkte ich lange wie jemand, der alles im Griff hat: organisiert, leistungsfähig, anpassungsfähig. Innen fühlte ich mich wie eine tickende Zeitbombe. Und genau hier liegt die „explosive Mischung“: Sie ist nicht laut oder offensichtlich. Sie verbrennt still. Sie frisst Energie, Selbstwert und Vertrauen – bis kaum noch etwas übrig bleibt, außer der Fassade. Heute habe ich gelernt, diese Spannung nicht als Endstation zu sehen, sondern als Signal, bewusst zu regulieren – mit Pausen, klaren Strukturen und fachlicher Begleitung.

 


Warum ich meine Eltern nicht anklage – und trotzdem darüber schreibe

 

Wenn ich heute über meine Vergangenheit schreibe, dann nicht, um Anklage zu erheben. Meine Eltern waren selbst Kinder ihrer Zeit, überfordert, ohne Sprache für Neurodivergenz, ohne Werkzeuge für Trauma. Sie haben nicht absichtlich Schaden angerichtet – sie wussten es schlicht nicht besser. Und doch: Die Folgen sind geblieben.

Traumaforschung betont immer wieder, dass es nicht allein die „großen Ereignisse“ sind, die Spuren hinterlassen, sondern das wiederholte Erleben von Nicht-Gesehenwerden. Felitti et al. (1998) beschrieben in ihrer ACE-Studie (Adverse Childhood Experiences), dass selbst scheinbar „kleine“ Formen von Missachtung oder emotionaler Vernachlässigung langfristig genauso wirksam sein können wie offene Gewalt. Für mich bedeutete das: Es war nicht ein einzelner Moment, der mein Nervensystem geprägt hat. Es war die ständige Botschaft: „So wie du bist, bist du zu viel oder nicht genug.“

Ich schreibe darüber, weil diese Erfahrungen Teil meiner Geschichte sind. Weil es einen Unterschied macht, ob man schweigt und innerlich erstarrt – oder ob man Worte findet und sichtbar macht, was im Verborgenen weiterwirkt. Ich schreibe auch deshalb, weil ich anderen zeigen will: Du darfst über deine Spuren sprechen, ohne Schuld zu verteilen.

Das bedeutet nicht, dass meine Eltern „die Bösen“ waren. Es bedeutet, dass meine Entwicklung unter Bedingungen stattfand, die für ein sensibles, neurodivergentes Kind schwierig waren. Ich habe früh gelernt, mich zu verbiegen, mich anzupassen, Masken aufzusetzen. Nicht aus Trotz, sondern aus Notwendigkeit.

Heute trage ich die Verantwortung, damit anders umzugehen. Ich kann nicht ändern, was war. Aber ich kann aufschreiben, was ist – und damit den Kreislauf durchbrechen, dass Schweigen wieder Schweigen gebiert. Schreiben wird so zu einem Akt der Fürsorge: für mich, für meine Kinder, und vielleicht auch für Menschen, die sich in meinen Worten wiederfinden.

 


Was das mit mir macht (und gemacht hat)

 

Die Spuren sind subtil – und gleichzeitig allgegenwärtig. Ich habe gelernt zu funktionieren, selbst wenn mein Inneres brennt. Ich habe gelernt, meine Bedürfnisse zu übergehen, weil sie immer als „zu viel“ galten. Und ich habe gelernt, Zweifel nicht als Warnsignal, sondern als ständigen Begleiter zu akzeptieren.

Das zeigt sich bis heute. Ich überdenke jede Entscheidung mehrfach, als müsste ich mich ständig rechtfertigen. Ich entschuldige mich für Dinge, die niemanden stören. Entspannung fühlt sich für mich nicht nach Ruhe an, sondern nach Schuld. Selbst wenn ich still sitze, arbeitet mein Kopf: „Hast du genug getan? Hättest du anders reagieren müssen? Bist du jemandem etwas schuldig?“

Auch mein Körper trägt diese Last. Schlaflosigkeit, das Kieferpressen in der Nacht, die Schultern, die sich kaum entspannen lassen. Stressmediziner wie Bessel van der Kolk („The Body Keeps the Score“) haben beschrieben, wie Trauma sich in den Körper einschreibt. Bei mir ist es dieses ständige Grundrauschen, das mich nie ganz zur Ruhe kommen lässt.

Früher hielt ich das für Persönlichkeit. Ich dachte: „Ich bin eben so – gewissenhaft, verantwortungsvoll, fleißig.“ Heute erkenne ich: Vieles davon war Überlebensmodus. Ein System, das ständig auf der Hut war, immer bereit, Erwartungen zu erfüllen, Konflikte zu vermeiden, niemandem zur Last zu fallen.

Das vielleicht Härteste daran ist, dass dieser Modus nach außen oft bewundert wird. Menschen sagten: „Du bist so stark, so organisiert.“ Aber innen fühlte es sich nie nach Stärke an. Es fühlte sich nach einem Zwang an, immer zu leisten, immer mehr zu geben, als ich eigentlich hatte.

Und genau das macht die stillen Traumafolgen so tückisch: Sie tarnen sich als Tugend. Doch hinter der Fassade von Stärke, Anpassung und Durchhaltevermögen steckt oft nichts anderes als Angst. Angst, nicht geliebt zu werden. Angst, abgelehnt zu werden. Angst, dass man so, wie man ist, nicht reicht.

Ich sehe es im Alltag überall:

  • Bei der Arbeit – ich bereite mich doppelt so gründlich vor wie andere, nicht weil es nötig wäre, sondern weil ich die Vorstellung nicht ertrage, unvorbereitet dazustehen.

  • In Beziehungen – ich erkläre und übererkläre, rechtfertige mich, selbst wenn niemand etwas von mir verlangt hat.

  • Als Mutter – ich funktioniere, auch wenn ich am Limit bin. Ich kümmere mich, lächle, organisiere – und merke erst spät, dass ich selbst dabei fast verschwinde.

Diese Muster sind wie alte Programme, die im Hintergrund laufen. Sie haben mich früher geschützt – aber heute kosten sie mich Kraft. Und genau das ist das Paradoxe: Was einmal Überleben war, fühlt sich irgendwann wie Gefängnis an.

 


Was ich mir wünsche

 

Ich wünsche mir kein Mitleid. Das war nie mein Ziel. Mitleid macht klein, Mitleid stellt auf Abstand. Was ich mir wünsche, ist Verständnis. Ein echtes Sehen. Ein Erkennen, dass hinter meinem Funktionieren nicht immer Stärke steckt, sondern manchmal blankes Überleben.

Ich wünsche mir Menschen, die nicht fragen: „Warum hast du nichts gesagt?“, sondern die verstehen, wie schwer es sein kann, überhaupt um Hilfe zu bitten. Menschen, die merken, dass ein „Schon gut“ nicht immer wirklich gut bedeutet, sondern oft nur eine Schutzmauer ist.

Manchmal reicht schon eine kleine Geste: Jemand, der von sich aus eine Tasche übernimmt, ohne dass ich fragen muss. Jemand, der nicht auf meine Fassade hereinfällt, sondern hinsieht, wenn meine Schultern zu schwer wirken. Das ist für mich kein Akt der Schwäche, sondern ein Geschenk.

Mein größter Wunsch ist, dass dieser Text vielleicht jemanden erreicht, der sich darin wiederfindet. Jemand, der denkt: „Das bin doch ich. Das mache ich auch – und ich habe mich nie getraut, es so zu nennen.“ Oder dass Eltern, Partner:innen, Freund:innen begreifen: Hinter stiller Anpassung steckt oft Not.

Ich schreibe auch für Fachpersonen. Für die, die täglich mit Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen arbeiten, die funktionieren, brav wirken, alles richtig machen – und gerade deshalb übersehen werden. Denn genau diese stillen Kämpfe verdienen Aufmerksamkeit.

Am Ende wünsche ich mir, dass wir lernen, die stillen Traumafolgen ernst zu nehmen. Dass wir begreifen: Nicht jede Stärke ist frei gewählt. Manchmal ist sie nur die schönste Maske, die ein Mensch sich antrainiert hat.

Und ich wünsche mir für mich selbst, dass ich es lerne, diese Maske öfter ablegen zu dürfen. Dass ich mich traue zu sagen: „Ich brauche dich.“ Nicht aus Schwäche – sondern aus Mut.


Fazit: Ich bin nicht kaputt

 

Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich nicht nur die Lasten, sondern auch das, was daraus entstanden ist. Ich sehe, wie ich gelernt habe, still zu tragen, zu funktionieren, Masken aufzusetzen – und wie all das Spuren hinterlassen hat. Aber ich sehe auch, dass ich nicht gebrochen bin.

Ich bin nicht kaputt. Ich war nur sehr lange sehr allein.

Allein in meinen Gedanken, allein mit meinen Strategien, allein mit dem Gefühl, dass meine Art zu sein nicht willkommen ist. Dieses Alleinsein hat mich geprägt – aber es hat mich nicht zerstört. Es hat mich gezwungen, stark zu wirken, auch wenn ich es nicht war. Und irgendwann habe ich begriffen: Diese Stärke war nicht echt. Es war Überleben. Heute weiß ich, dass ich Werkzeuge habe – Worte, Wissen, Strategien – und dass ich nicht am Ende stehe, sondern mitten in einem Prozess der Stabilität und Selbstbestimmung.

Ich darf jetzt unterscheiden. Ich darf sehen, dass meine Fassade nicht mein Wesen ist. Dass meine Anpassung nicht meine Identität ist. Und dass es nicht meine Schuld war, wenn ich nicht um Hilfe bitten konnte. Es war mein Nervensystem, mein Schutzmechanismus, mein Überleben.

Die eigentliche Stärke liegt darin, das jetzt zu benennen. Worte zu finden. Mich nicht mehr hinter Funktionieren zu verstecken, sondern sichtbar zu machen, was lange unsichtbar war. Ich plane heute Pufferzeiten, nutze sensorische Hilfen und spreche Bedürfnisse früher aus – kleine Dinge, große Wirkung.

Und vielleicht ist das das größte Geschenk: zu merken, dass ich nicht allein bleiben muss. Dass es Menschen gibt, die diese Worte lesen und sich wiederfinden. Oder die durch diese Worte lernen, andere anders zu sehen.

Am Ende ist das mein Weg: nicht perfekt, nicht glatt, nicht frei von Brüchen. Aber echt. Und das reicht.

Herzlich,
FliWi


 

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Quellen & weiterführende Literatur

  1. Herman, J. L. (1992/2015). Trauma and Recovery. Basic Books.
    → Klassiker zur Traumaforschung, beschreibt u. a. die Überanpassung als „funktionierendes Kind“, das oft übersehen wird.

  2. Walker, P. (2013). Complex PTSD: From Surviving to Thriving.
    → Prägt den Begriff „Fawn Response“ und erklärt, wie Menschen lernen, Bedürfnisse zu unterdrücken, um sicher zu bleiben.

  3. Hull, L. et al. (2017). “Putting on My Best Normal”: Social Camouflaging in Adults with Autism Spectrum Conditions. Journal of Autism and Developmental Disorders, 47(8), 2519–2534.
    → Erste größere Studie über Masking bei Autist:innen, zeigt die Belastung und Folgen für Selbstwert und psychische Gesundheit.

  4. American Psychiatric Association (2013). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (5th ed.).
    → Offizieller Rahmen für Traumafolgen, Angstreaktionen und die Bedeutung von Anpassungsstrategien.

 

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