Ich schreibe wie ich kann - bis ich schreiben kann, wie ich will

Veröffentlicht am 28. September 2025 um 10:00

© 2025 Lisa Widerek · Schreiben zwischen Selbstschutz und Sichtbarkeit.

Der Moment des inneren Zögerns

 

Manchmal sitze ich vor meinem Blog, die Worte sind da, das Herz klopft – und dann kommt dieser Gedanke: „Was, wenn das jemand liest, der Macht über mich hat?“

Es ist ein leiser Moment, fast unsichtbar für andere. Aber für mich verändert er alles. Ein Text, der in meinem Kopf noch frei und fließend war, wird plötzlich schwer. Jeder Satz wiegt doppelt, jede Formulierung klingt nach Risiko. Auf einmal schreibe ich nicht nur für Leser:innen, die verstehen wollen, sondern auch für Menschen, die urteilen könnten. Menschen vom Jugendamt. Menschen, die Berichte verfassen, Entscheidungen treffen, die darüber bestimmen, wie viel Raum mir als Mutter zugestanden wird. Menschen, die meine Worte nicht als Erzählung lesen, sondern als Beweismaterial.

Dann sitzt da dieses unsichtbare Publikum mit am Tisch. Ich sehe sie nicht, aber ich spüre sie. Und das macht aus einem einfachen Satz ein mögliches Missverständnis, aus einem ehrlichen Einblick ein potenzielles Problem. Das ist der Moment des inneren Zögerns.

Eigentlich schreibe ich, um ehrlich zu sein. Um sichtbar zu machen, was sonst im Verborgenen bleibt: wie sich Neurodivergenz anfühlt, wie sich Familie unter Druck gestaltet, wie sich Liebe und Alltag reiben und doch tragen. Aber sobald der Gedanke da ist – „Was, wenn…“ – verändert sich meine Haltung. Ich tippe vorsichtiger, lösche mehr, schreibe mit einem Filter, den ich nie haben wollte.

Es ist wie eine unsichtbare Schere im Kopf. Sie schneidet nicht nur Wörter, sondern auch Gefühle. Was für andere einfach Authentizität ist, wird für mich ein Abwägen zwischen Risiko und Wahrheit. Manchmal streiche ich ganze Absätze, nicht weil sie falsch wären, sondern weil sie falsch gelesen werden könnten.

Das Absurde daran ist: Ich weiß, dass mein Blog vielen hilft. Ich bekomme Nachrichten von Eltern, die sich verstanden fühlen. Von Fachpersonen, die sagen: „Endlich beschreibt jemand, wie es sich wirklich anfühlt.“ Und trotzdem sitzt da diese Angst, dass dieselben Worte, die für einen Menschen Trost sind, für einen anderen Anlass sein könnten, mich in Frage zu stellen.

Manchmal sitze ich dann minutenlang so da: Der Cursor blinkt. Mein Finger schwebt über dem „Veröffentlichen“-Button. Ich atme tief ein, halte die Luft an. Klicke ich? Oder lösche ich? Es sind Sekunden – aber sie fühlen sich an wie eine Ewigkeit, in der sich entscheidet, ob meine Stimme frei klingt oder verstummt.

Dieses Zögern ist kein literarisches Stilmittel, es ist mein Alltag. Es ist das Herzklopfen, bevor ich auf „Veröffentlichen“ klicke. Es ist das tiefe Durchatmen, das mich manchmal zehn Minuten an einer unscheinbaren Formulierung festhalten lässt. Und es ist der Gedanke, der mich begleitet: Wie viel Wahrheit darf ich mir gerade leisten?

Frei schreiben fühlt sich an wie atmen. Gefiltert schreiben fühlt sich an wie durch eine Maske sprechen. Man hört mich, aber nicht mehr mit meiner vollen Stimme. Und manchmal frage ich mich: Wenn ich so weitermache – verliere ich dann meine Authentizität? Oder ist es genau das, was Überleben in einem System bedeutet, das jede Schwäche gegen dich verwenden kann?

Für Außenstehende mag das übertrieben wirken. Doch wer einmal in einer Situation war, in der Worte gegen einen selbst gewendet wurden, der weiß, wie tief dieses Misstrauen sitzt. Schreiben wird dann nicht nur Ausdruck, sondern auch Selbstschutz.

Und so sitze ich vor meinem Blog, das Herz klopft, die Worte drängen – und der Gedanke bleibt: „Was, wenn…?“


Warum ich schreibe

 

Ich schreibe, weil ich muss. Worte sind für mich kein Hobby und auch keine bloße Mitteilung – sie sind Verarbeitung. Jeder Satz, den ich forme, ist ein Schritt, mein Chaos im Kopf in eine Struktur zu bringen. Schreiben ist mein Weg, mir selbst zuzuhören. Und gleichzeitig ist es ein Statement: Ich schreibe, weil ich nicht verstummen will, auch wenn Systeme mich kleinhalten wollen.

Ich bin ein Verbal Processor. Das bedeutet: Ich erkenne Muster, indem ich sie ausspreche oder niederschreibe. In meinem Kopf ist alles wie ein schneller, flackernder Film – Bilder, Gefühle, Gedanken. Erst wenn ich beginne, sie in Worte zu gießen, sortieren sie sich. Ich schreibe, und plötzlich merke ich: Ah, das ist nicht nur ADHS – das ist PDA. Das gehört nicht einfach zu mir, sondern zur Hochbegabung. Das war nicht Überreaktion, das war Autismus. Schreiben wird damit zu meinem Analysewerkzeug.

Was in mir oft diffus und überwältigend ist, wird durch Sprache klarer. Und diese Klarheit hilft nicht nur mir, sondern auch meinem Umfeld. Denn so kann ich erklären, was in mir passiert – und zwar so, dass es nicht nur wie eine Entschuldigung klingt, sondern wie ein echtes Bild. Wenn ich schreibe, finde ich Formulierungen, die im Alltag unter Stress unmöglich wären. Im Gespräch reagiere ich manchmal impulsiv, zu schnell, zu heftig. Aber am Schreibtisch habe ich Zeit, die richtigen Worte zu suchen. Und diese Worte machen es für andere leichter, mich zu verstehen.

Schreiben ist mein Übersetzer. Es übersetzt mein Inneres in eine Sprache, die auch Außenstehende greifen können. Manchmal denke ich: Hätte ich diesen Blog nicht, wäre ich für viele Menschen schwerer zu erreichen. Durch meine Texte kann ich zeigen: Das bin ich. Nicht nur das Chaos, nicht nur die Ausbrüche – sondern auch das, was darunter liegt.

Und es ist noch mehr als das. Schreiben ist für mich Sichtbarkeit. Jede Zeile, die ich veröffentliche, bedeutet: Ich bin da. Ich lebe. Ich kämpfe. Es ist eine Form des Widerstands gegen das Gefühl, ständig falsch zu sein. Sichtbarkeit ist für Menschen wie mich ein paradoxes Geschenk: Sie schützt, weil sie andere erreicht, die sagen „Ich kenne das“. Aber sie ist auch ein Risiko, weil sie Menschen erreicht, die urteilen und verurteilen können.

Zwischen diesen Polen balanciere ich bei jedem Beitrag. Mit jedem Klick auf „Veröffentlichen“ frage ich mich: Bin ich mutig oder fahrlässig? Doch am Ende überwiegt fast immer der Gedanke: Wenn ich es nicht schreibe, verliere ich mehr, als wenn ich es schreibe.

Denn Schreiben ist mein Weg, mein Inneres nicht gegen mich arbeiten zu lassen, sondern mit mir. Es gibt mir die Möglichkeit, Abstand zu gewinnen und gleichzeitig Nähe zu schaffen. Nähe zu mir selbst – und Nähe zu den Menschen, die zwischen meinen Zeilen erkennen: Sie sind nicht allein.

Ich schreibe, weil ich nicht anders kann. Und weil jedes Wort, das ich finde, ein Stück mehr Freiheit bedeutet – selbst dann, wenn ich sie noch nicht ganz leben darf.

Doch diese Freiheit ist nicht grenzenlos. Mit jedem Text sitzt da auch ein Schatten neben mir: die Frage, was ich weglassen sollte. Denn manchmal schreibe ich nicht nur mit Herz und Verstand – sondern auch mit einer unsichtbaren Schere im Kopf

 


Die unsichtbare Schere im Kopf

 

Es gibt keine offizielle Zensur. Niemand stellt sich hin und sagt mir: „Das darfst du nicht schreiben.“ Und doch spüre ich, dass ich nie völlig frei bin. In meinem Kopf sitzt eine Schere, unsichtbar, aber scharf. Sie schneidet Sätze ab, noch bevor sie entstehen.

Der Gedanke an Konsequenzen sitzt neben mir wie ein stummer Mitleser. Ich frage mich: „Wie wird das verstanden? Könnte man mir Schwäche unterstellen? Könnte jemand daraus machen, dass ich ungeeignet bin – als Mutter, als Mensch?“ Ehrlichkeit fühlt sich in diesen Momenten nicht wie Stärke an, sondern wie ein Risiko.

Es ist ein leiser, aber ständiger Druck. Nicht, weil ich lüge – das tue ich nicht. Sondern weil mein Überlebensmodus entscheidet, welche Wahrheit ich wagen darf und welche besser in mir bleibt. Jede Formulierung ist ein Abwägen. Jede Offenheit trägt die Frage in sich: „Was, wenn diese Worte gegen mich verwendet werden?“

Manchmal wirkt es wie ein Echo aus meiner Vergangenheit. Schon früh habe ich gelernt, dass Worte eine Macht haben, die nicht immer zu meinem Schutz wirkt. Worte können verbinden, aber sie können auch Waffen werden. Heute, wo Menschen mitlesen, die über mein Leben urteilen, spüre ich das doppelt. Ein Blogbeitrag, der für andere nur eine persönliche Reflexion ist, kann in einem anderen Kontext zum „Beweisstück“ werden.

Die Schere im Kopf ist dabei nicht nur Angst – sie ist Strategie. Sie sorgt dafür, dass ich überlebe. Dass ich weiterschreiben kann, ohne mich selbst völlig preiszugeben. Sie lässt mich Wege finden, trotzdem authentisch zu bleiben, auch wenn ich nicht alles sage. Und doch kostet sie Kraft. Denn jedes Mal, wenn ich einen Satz zurückhalte, spüre ich, dass ein Stück von mir ungesagt bleibt.

Es ist ein paradoxes Gefühl: Ich schreibe, um frei zu sein – und schreibe gleichzeitig mit einem Filter, den ich nie haben wollte. Ich balanciere zwischen dem Drang, ehrlich zu sein, und der Notwendigkeit, mich selbst zu schützen.

Und das Verrückte ist: Außenstehende merken es oft gar nicht. Für sie ist mein Text rund, schlüssig, authentisch. Nur ich weiß, welche Absätze in meinem Kopf geschrieben, aber nie veröffentlicht wurden. Welche Wahrheiten zwischen den Zeilen liegen – nicht verschwiegen, sondern vorsichtig versteckt.

Vielleicht ist das der schwerste Teil: zu wissen, dass meine Worte nie ganz ungeschützt sein dürfen. Dass ich immer mitdenken muss, wer sie lesen könnte, in welchem Licht sie gesehen werden, welche Macht sie entfalten könnten – im Guten wie im Schlechten.

Die unsichtbare Schere im Kopf ist damit kein Zeichen von Feigheit. Sie ist das Symptom eines Systems, in dem Ehrlichkeit manchmal zum Bumerang wird. Und gleichzeitig ist sie mein Werkzeug, überhaupt weiterschreiben zu können. Denn ohne sie hätte ich längst verstummt.


Das Beispiel: Jugendamt, Diagnosen, Misstrauen

 

Am deutlichsten habe ich die unsichtbare Schere im Kopf gespürt, als ich mit dem Jugendamt über meine Situation sprach. Ich habe meine Diagnosen offen offengelegt – nicht aus Pflicht, sondern weil ich wollte, dass man mich wirklich versteht. Autismus, ADHS, PDA – keine Etiketten, sondern Teile meiner Realität. Ich dachte, diese Ehrlichkeit würde Türen öffnen. Stattdessen habe ich erlebt, wie einzelne Sätze herausgelöst, aus dem Zusammenhang gerissen und in ein Licht gestellt wurden, das mit meiner Wirklichkeit nichts mehr zu tun hatte.

Besonders deutlich wurde das, als ein Blogbeitrag von mir im Familiengericht auftauchte. Ein Text über PDA, in dem ich den Umgang mit Alkohol als Beispiel gewählt hatte. Für mich war das ein Bild, eine Metapher, ein Versuch, erlebbar zu machen, wie sich Trotzreaktionen und typisches Coping bei PDA anfühlen, wenn man noch keinen Weg kennt, um diese umzuleiten. Doch daraus wurde ein Vorwurf konstruiert: Der Text sollte angeblich zeigen, dass ich eine Alkoholikerin sei.

Plötzlich stand nicht mehr im Raum, was ich sagen wollte, sondern das, was andere darin lesen wollten. Für mich war es ein Schock. Worte, die ich gewählt hatte, um Verständnis zu schaffen und anderen zu helfen, wurden zu einem Baustein in einem ganz anderen Narrativ – einem, das mir schadete.

Genau hier zeigt sich die Verletzlichkeit, die entsteht, wenn man schreibt, während Menschen mitlesen, die Macht über einen haben. Was für meine Leser:innen ein Erfahrungsbericht war, wurde in einem anderen Kontext zur vermeintlichen „Beweislage“. Es hat mir schmerzhaft bewusst gemacht, wie sehr meine Offenheit ein Risiko ist.

Und doch schreibe ich weiter. Nicht, weil ich naiv wäre, sondern weil ich glaube, dass Schweigen mich noch mehr zerstören würde. Aber ich schreibe seitdem mit einem doppelten Bewusstsein: Meine Worte können Brücken bauen – oder sie können gegen mich verwendet werden. Diese Spannung begleitet mich bei jedem Beitrag.

Dabei mache ich mir keine Illusionen: Wenn jemand entschlossen ist, die Wahrheit zu verdrehen, dann findet er auch Wege. Gerade Menschen mit narzisstischen Mustern sind darin geübt, Worte gegen einen zu wenden. Doch eines weiß ich sicher – egal, wie oft meine Sätze verbogen werden, am Ende stehe ich immer noch. Ich werde niemandem den Gefallen tun, einfach aufzugeben.


Die Zwischenlösung: Wahrheiten in Zwischenräumen

 

Es klingt widersprüchlich, aber genau hier liegt mein Weg: Ich schreibe in Zwischenräumen. Ich sage nicht alles – aber ich verschweige auch nicht das Wesentliche. Ich baue Brücken zwischen dem, was ich wirklich denke, und dem, was ich öffentlich sagen kann, ohne dass es mir sofort im Nacken sitzt.

Das bedeutet nicht, dass ich unehrlich bin. Es bedeutet, dass ich weise wähle, welche Wahrheiten gerade Platz haben dürfen. Manche Worte schreibe ich direkt, andere in Bildern, Andeutungen, zwischen den Zeilen. Wer mich versteht, liest es heraus. Wer mich angreifen will, findet ohnehin etwas – egal, wie vorsichtig ich bin.

Und das ist vielleicht die größte Erkenntnis: Ich habe keine absolute Kontrolle darüber, wie meine Texte gelesen werden. Wenn jemand entschlossen ist, Schwäche zu sehen, wird er sie finden. Wenn jemand meine Sätze verdrehen will, wird er das tun. Aber das ändert nichts daran, dass meine Worte einen Wert haben – für mich, für andere, die sich wiederfinden.

Zwischenrufe, Zwischenräume, Zwischentöne – genau darin liegt meine Freiheit. Ich muss nicht alles preisgeben, um echt zu sein. Authentizität heißt nicht Schonungslosigkeit. Sie heißt, dass ich meine Stimme nicht aufgebe, auch wenn sie leiser, vorsichtiger oder verschlungener klingt, als ich es mir wünschen würde.

Manchmal fühlt es sich an, als würde ich durch einen schmalen Korridor gehen, die Wände eng, jeder Schritt ein Risiko. Doch trotzdem gehe ich. Weil Schweigen mich erdrücken würde, während Schreiben mir Raum verschafft – Raum zum Atmen, Raum zum Denken, Raum zum Sein.

Am Ende ist es dieser Zwischenraum, in dem ich überlebe. Ich schreibe nicht alles, was ich könnte – aber alles, was ich schreibe, ist wahr. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Form von Stärke: den Mut zu haben, selbst in halben Sätzen ganz man selbst zu sein.


Authentizität ≠ Schonungslosigkeit

 

Viele Menschen verwechseln Authentizität mit Schonungslosigkeit. Sie glauben, nur wer alles sagt, ist echt. Doch das stimmt nicht. Authentisch sein heißt nicht, jedes Detail preiszugeben – es heißt, dem Kern treu zu bleiben.

Ich habe gelernt: Selbstschutz ist kein Verrat an meiner Wahrheit. Er ist eine Strategie. Denn es macht einen Unterschied, ob ich mich in jeder Situation völlig entblöße – oder ob ich bewusst entscheide, wie viel ich von mir gebe. Meine Grenzen sind nicht Unehrlichkeit, sondern eine Form von Fürsorge für mich selbst.

Das war ein langer Lernprozess. Früher dachte ich oft: Wenn ich nicht alles sage, betrüge ich meine Leser:innen. Heute weiß ich: Genau das Gegenteil ist wahr. Ich kann sehr wohl offen, verletzlich und ehrlich schreiben – ohne mich komplett ungeschützt zu machen. Ich kann Bilder, Metaphern, Zwischentöne nutzen, um die Essenz meiner Erfahrung zu transportieren, ohne dass jemand daraus eine Waffe gegen mich schmieden kann.

In diesem Spagat liegt auch eine gewisse Kraft. Denn ich schreibe nicht, um mich zu rechtfertigen. Ich schreibe, um etwas sichtbar zu machen, das größer ist als ich selbst. Das bedeutet: Ich darf die Balance suchen zwischen meiner eigenen Sicherheit und meiner Offenheit. Und diese Balance ist nicht weniger authentisch – im Gegenteil. Sie zeigt, dass ich meine Wahrheit halte, auch wenn die Umstände nicht erlauben, sie immer ganz laut herauszuschreien.

Vielleicht ist das die eigentliche Form von Mut: nicht alles zu sagen, sondern trotzdem nicht zu schweigen.


Die Vision: Schreiben in Freiheit

 

Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, völlig frei zu schreiben. Ohne Zögern, ohne Korrekturschleifen im Kopf, ohne den Gedanken, dass jemand meine Worte gegen mich wenden könnte. Einfach rauslassen, was ist – roh, ehrlich, ungebremst.

Noch lebe ich nicht in dieser Freiheit. Aber ich schreibe auf sie hin. Jeder Text, den ich veröffentliche, ist ein kleiner Schritt dorthin. Ein Training. Ein Beweis, dass meine Stimme nicht zum Schweigen gebracht wird, auch wenn sie leiser oder vorsichtiger klingen muss, als ich es mir wünsche.

Meine Vision ist doppelt: Einerseits wünsche ich mir die persönliche Freiheit, zu schreiben, ohne Angst vor Konsequenzen. Andererseits hoffe ich, dass irgendwann auch die Letzten verstehen, welche Bedeutung Worte haben können. Dass Menschen vom Jugendamt oder aus meinem Umfeld in meinen Texten nicht nur Schwäche suchen – sondern die Stärke erkennen, die darin steckt. Dass sie sehen, was ich für ein Mensch bin: jemand, der trotz aller Rückschläge nicht aufhört, anderen helfen zu wollen.

Ich wünsche mir, dass diese Texte sichtbar machen, wie sehr Diagnosen wie Autismus, PDA oder ADHS nicht nur Probleme, sondern auch Perspektiven enthalten. Dass man nicht nur die Etiketten sieht, sondern den Menschen dahinter – mit einem verdammt harten Weg hinter sich und noch vor sich. Mit Gegnern, die jede Schwäche ausnutzen, mit Ämtern, die oft überfordert sind, mit Systemen, die zu wenig verstehen. Und trotzdem: mit einem Herzen, das weiterschreibt, um Welten zu verändern.

Meine Worte sollen nicht nur mir Luft verschaffen, sondern anderen Orientierung geben. Vielleicht eines Tages die Sicht auf neurodivergente Diagnosen verändern. Vielleicht sogar die Sicht auf mich. Dass klar wird: Ich bin nicht das Problem. Ich bin Teil der Lösung.

Bis dahin übe ich. Ich schreibe mit Filtern, aber ich schreibe. Ich schreibe durch die Angst hindurch, weil Schweigen für mich keine Option ist. Und genau das macht meine Texte zu dem, was sie sind: Zeugnisse eines Weges. Zeugnisse davon, dass man auch in Ketten sprechen kann – und dass jede Kette irgendwann rostet.

Meine Worte sind nicht schwächer, weil sie mit Vorsicht geschrieben sind. Sie sind stärker, weil sie trotzdem geschrieben sind. Und wenn dieser Tag kommt, an dem ich frei bin, werde ich lauter sein, klarer, kraftvoller – aber nicht anders. Denn ich übe schon heute, meiner Wahrheit treu zu bleiben.


Wenn Klarheit zur Bedrohung wird

 

Manchmal habe ich den Eindruck, dass es gar nicht meine Schwächen sind, die anderen Angst machen – sondern meine Klarheit. Nicht das Chaos schreckt ab, sondern die Fähigkeit, es in Worte zu fassen. Wer Muster benennt, wer Dinge durchschaut, wer unbequeme Wahrheiten ausspricht, der wird schnell als Störung empfunden.

Studien zur systemischen Gewalt zeigen, dass Institutionen wie Schulen oder Jugendämter nicht selten so reagieren: Kritik oder zu viel Deutlichkeit wird nicht als Ressource verstanden, sondern als Gefahr. (Helsper & Krüger, 2019) beschreiben, wie Systeme dazu neigen, Probleme eher zu pathologisieren, als sie ernst zu nehmen – weil es bequemer ist, den „Störenfried“ zum Problem zu erklären, statt die eigenen Strukturen infrage zu stellen.

Auch in zwischenmenschlichen Beziehungen erlebe ich das. Menschen mit narzisstischen Mustern fürchten weniger den Konflikt als die Entlarvung. (Campbell & Miller, 2011) haben gezeigt, dass Narzissten besonders dazu neigen, Narrative zu kontrollieren, um ihre Fassade zu schützen. Wer diese Narrative hinterfragt, wer nicht mitspielt – der wird schnell zum Feindbild.

Vielleicht ist es genau das, was manche so verunsichert: dass ich mit meiner Sprache eine Klarheit ausstrahle, die nicht so leicht weggewischt werden kann. Meine Worte machen sichtbar, was andere lieber im Dunkeln lassen würden. Und genau deshalb wird versucht, meine Glaubwürdigkeit zu untergraben oder meine Texte gegen mich zu verwenden.

Aber wenn ich eins gelernt habe: Die Angst anderer ist nicht mein Maßstab. Meine Klarheit macht mich nicht gefährlich – sie macht sichtbar, was lange schon da war. Und wenn das unbequem ist, dann nicht, weil ich falsch bin, sondern weil ich die Wahrheit nicht verschweige.


Fazit

 

Am Ende bleibt für mich: Schreiben ist mehr als Worte. Es ist mein Weg, mich selbst zu halten, wenn andere mich kleinreden wollen. Jeder Absatz ist ein Beweis dafür, dass ich nicht aufgebe – auch wenn Menschen versuchen, meine Ehrlichkeit gegen mich zu wenden.

Ich weiß: Egal wie vorsichtig oder stark ich schreibe, es gibt immer welche, die verdrehen, was sie sehen wollen. Aber das ändert nichts an meiner Entscheidung, stehenzubleiben. Ich werde mir nicht die Wahrheit nehmen lassen – auch wenn ich sie manchmal leiser formuliere, als ich es gern täte.

Meine Vision bleibt: Worte sollen Brücken bauen. Für meine Kinder, für mich, für andere, die sich wiedererkennen. Vielleicht wird irgendwann auch die letzte Stelle, die heute noch kritisch auf mich blickt, verstehen: Diese Texte sind kein Risiko, sondern ein Geschenk. Sie zeigen, wer ich bin – ein Mensch, der kämpft, reflektiert, liebt und weitermacht.

Und vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft: Mut bedeutet nicht, alles zu sagen. Mut bedeutet, trotzdem zu schreiben.

Herzlich,
FliWi


Es gibt Zeiten, da willst du schreien – aber du musst flüstern. Nicht, weil du lügst. Sondern weil du überleben musst.


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Falls du tiefer einsteigen willst: Hier ein paar Quellen, die mich geprägt haben. Sie zeigen, dass es nicht nur meine persönliche Wahrnehmung ist – sondern dass Forschung und Praxis genau diese Dynamiken bestätigen. Von systemischer Gewalt über narzisstische Machtspiele bis hin zum menschlichen Grundbedürfnis nach Anerkennung: Alles das, was mir im Alltag begegnet, ist längst beschrieben – auch wenn es im Moment oft noch übersehen oder verdrängt wird.

Quellen & weiterführende Literatur

  1. Helsper, W., & Krüger, H.-H. (2019). Systemische Gewalt in pädagogischen Institutionen: Strukturen, Dynamiken und Bewältigungsformen. Beltz Juventa.
    → Zeigt, wie Institutionen oft nicht das eigentliche Problem lösen, sondern „Störer“ markieren, um ihre Strukturen stabil zu halten.

  2. Campbell, W. K., & Miller, J. D. (2011). The Handbook of Narcissism and Narcissistic Personality Disorder: Theoretical Approaches, Empirical Findings, and Treatments. Wiley.
    → Beschreibt, wie narzisstische Muster Narrative kontrollieren und Wahrheitssprecher zu Gegnern machen.

  3. Honneth, A. (1994). Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte. Suhrkamp.
    → Klassiker über die Bedeutung von Anerkennung – und wie verletzend es ist, wenn diese systematisch verweigert wird.

 

 

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