© 2025 Lisa Widerek · Über Feingefühl, Eskalationen und das Ringen um Balance im Familienalltag.
Eine Szene aus unserem Alltag
Es war ein ganz normaler Nachmittag – und doch einer dieser Momente, die sich in Sekunden von „alles ist gut“ zu „gleich fliegt hier die Welt auseinander“ wandeln. Der kleine Teufel hatte sich in den Kopf gesetzt, seinen großen Bruder ununterbrochen zu ärgern. Erst ein Schubser, dann ein provozierendes Grinsen, dann wieder ein Kommentar, der ganz genau dort landete, wo es weh tat. Für Außenstehende hätte es so ausgesehen, als wolle der Kleine einfach Streit. Ein klarer Fall von „der Kleine nervt den Großen“.
Aber in mir schrillten sofort die Alarmglocken. Ich kenne dieses Muster. Es ist kein einfacher Streit, kein „normales Geschwisterding“. Es ist, als ob mein kleiner Sohn in eine Art inneren Wahn kippt, der ihn antreibt, immer weiterzumachen. Während der Große irgendwann nur noch verzweifelt schaut und nach Hilfe ruft, sehe ich beim Kleinen etwas ganz anderes: keine Bosheit, sondern einen fast verzweifelten Versuch, sich selbst zu regulieren.
Natürlich weiß ich, dass Geschwister vieles unter sich klären sollen. Aber hier ist der Punkt, an dem ich eingreifen muss. Denn ich bin nicht nur Mutter von zwei Kindern, die streiten – ich bin auch Beschützerin des Großen, wenn der Kleine in seinem Sturm festhängt. Und gleichzeitig bin ich die Einzige, die den Sturm überhaupt als solchen erkennt.
Also gehe ich zu ihnen. Erst versuche ich es auf die ruhige, klassische Mama-Art: den Überblick gewinnen, verstehen, was passiert. Doch schnell merke ich – das bringt uns hier nicht weiter. Der Kleine ist schon so tief in seinem Muster drin, dass er weder hört noch reagiert. Also wechsle ich die Rolle. Ich werde zur humorvollen „Monster-Mama“. Ich reiße die Augen auf, mache Quatschgeräusche, spiele übertrieben, versuche Leichtigkeit in die Situation zu bringen. Für einen Moment lacht er – aber der Bann löst sich nicht. Er kann den Bruder nicht in Ruhe lassen, es ist stärker als er.
Da weiß ich: Es geht gar nicht mehr um den Bruder. Es geht um ihn selbst. Er sucht verzweifelt nach Regulation. Ich mache Vorschläge. „Wie wäre es mit dem Whirlpool?“ – „Zu warm.“ „Dann vielleicht die Hängematte, zusammen mit deinem Lieblingskuscheltier?“ Und plötzlich bricht etwas in ihm auf. Er nickt, nimmt das Angebot an – und wenige Minuten später liegt er friedlich an mich gekuschelt, als hätte es den Sturm nie gegeben.
In solchen Momenten wird mir wieder klar: Mein Kind braucht keine Strafe. Er braucht Verständnis. Jemanden, der erkennt, dass seine Wut kein Angriff ist, sondern ein Hilferuf.
Die Dynamik erkennen
Von außen wirkt es oft so einfach: Ein Kind ärgert das andere. Einer ist Täter, einer ist Opfer. Der eine „fängt an“, der andere „wehrt sich“. Für viele Menschen wäre die Lösung klar: Der Kleine muss sich benehmen, der Große wird geschützt – fertig.
Doch genau hier liegt die Falle. Bei einem PDA-Kind stimmt diese einfache Logik nicht. Sein Verhalten folgt keiner bewussten Entscheidung, dem Bruder „böse“ zu sein. Es ist kein Plan, kein Vorsatz. Es ist ein inneres Muster, das anspringt, sobald Druck, Überforderung oder innere Spannung zu groß werden.
Für mich als Mutter ist das die eigentliche Herausforderung: Ich muss gleichzeitig zwei Kinder im Blick haben – den Großen, der wirklich Schutz braucht, und den Kleinen, der gerade alles andere als „absichtlich“ handelt. Ich darf den einen nicht im Stich lassen, und den anderen nicht beschämen.
Das ist ein schmaler Grat. Klassische Erziehungslogik – „Hör sofort auf, sonst…“ – verschärft die Lage nur. Denn PDA reagiert empfindlich auf Forderungen und Strafen. Ein Kind, das sowieso schon in Alarm ist, hört in diesem Moment nicht: „Mama will Ruhe.“ Es hört: „Ich habe keine Kontrolle mehr.“ Und genau das treibt die Spirale weiter an.
Ich erinnere mich noch, wie der Große mich mit großen Augen ansah, als wollte er sagen: „Warum lässt du das zu?“ – während ich gleichzeitig den Kleinen vor mir hatte, der innerlich kaum noch Halt fand. Für Außenstehende wäre es einfach gewesen, Partei zu ergreifen. Aber ich wusste: Würde ich den Kleinen bestrafen, würde ich nicht das Problem lösen, sondern ihn noch tiefer in die Eskalation stoßen.
Die Dynamik erkennen heißt also: Hinter das Verhalten schauen. Nicht nur sehen, was passiert – sondern verstehen, warum. Und das bedeutet oft, dass ich in einer Situation zwei Sprachen gleichzeitig sprechen muss: die Sprache der Klarheit und Sicherheit für den Großen, und die Sprache der Gelassenheit und Regulation für den Kleinen.
Es ist kein „durchgehen lassen“. Es ist ein Balanceakt. Einer, der jedes Mal neu beginnt – und jedes Mal verlangt, dass ich ruhig bleibe, während zwei Welten aufeinanderprallen.
Die Gratwanderung
In solchen Momenten stehe ich selbst mitten auf einem Seil – und jeder falsche Schritt kann alles ins Wanken bringen. Einerseits will ich den Großen beschützen. Sein Bedürfnis ist eindeutig: „Mach, dass er aufhört.“ Andererseits sehe ich den Kleinen, der in seiner eigenen Welt gefangen ist und den Weg zurück gerade nicht allein findet.
Mein erster Impuls ist oft der klassische Mama-Reflex: klar, bestimmt, sofort eingreifen. „Jetzt ist Schluss!“ Doch ich weiß inzwischen, dass genau dieser Satz für ein PDA-Kind wie ein Funke im Pulverfass wirken kann. Je mehr Druck ich mache, desto mehr stellt sich sein Nervensystem quer.
Also bleibe ich ruhig. Ich schaue genau hin, versuche den Kern zu erkennen: Ist es wirklich Ärgern, oder ist es ein verzweifeltes „Ich kann nicht anders“? Diese innere Analyse dauert nur Sekunden – aber sie entscheidet darüber, ob wir in einen Machtkampf schlittern oder einen Ausweg finden.
Manchmal versuche ich es über Humor. Ich verwandle mich in die „Monster-Mama“, mit schiefem Grinsen und übertriebenem Brummen. Für den Großen sieht es nach einer verrückten Einlage aus, für den Kleinen ist es oft der Rettungsanker: Das Spiel unterbricht die Spirale, das Lachen bringt Luft.
Aber nicht immer reicht das. Es gibt Situationen, da spüre ich: Das hier ist keine Show, das ist Regulation. Mein Kind ärgert nicht, weil er den Bruder verletzen will, sondern weil er gerade keinen anderen Ausweg kennt. Seine Hände, seine Worte, seine Energie suchen ein Ventil – und der Bruder ist greifbar.
Und genau da kommt die Gratwanderung ins Spiel: Den Großen nicht alleine lassen, ihm klar signalisieren „Ich sehe dich, ich halte dich sicher“, und gleichzeitig den Kleinen nicht in Schuld und Scham stoßen. Denn Scham beruhigt nicht – sie brennt nach.
Die Wahrheit ist: Es gibt in diesen Momenten keine perfekte Lösung. Nur den nächsten kleinen Schritt, der beide Kinder mitnimmt. Und der beginnt fast immer bei mir – bei meiner eigenen Fähigkeit, ruhig zu bleiben und nicht in denselben Strudel gezogen zu werden.
Regulation ermöglichen
Wenn klar ist, dass Strafe nichts bringt und Druck nur verschärft, bleibt eine Frage: Wie kann ich meinem Kind helfen, wieder runterzukommen? Genau das ist bei PDA der Knackpunkt – nicht Gehorsam, sondern Regulation.
In der Situation mit meinen Jungs habe ich erst ausprobiert, was naheliegt: „Geh doch kurz in den Whirlpool.“ Klingt nach Luxus, aber für ihn war es schlicht zu warm. Sein Körper sagte sofort Nein. Und das ist typisch – was für andere entspannend wirkt, kann für ein PDA-Kind eine neue Überforderung sein.
Also der nächste Vorschlag: „Wie wäre es mit der Hängematte – mit deinem Lieblingskuscheltier?“ Da kam ein Zögern, dann ein Einlenken. Wenige Minuten später lag er eingekuschelt, sein Atem ruhiger, sein Körper wieder geerdet. Kein Streit mehr, kein Ärgern – nur ein Kind, das spürte: Ich bin gesehen, ich darf anders runterfahren.
Hier ist wichtig zu verstehen: Diese Angebote sind keine Belohnungen für „schlechtes Verhalten“. Es geht nicht darum, dass er lernt, durch Ärgern eine Extrawurst zu bekommen. Es geht darum, ihm Alternativen aufzuzeigen, wenn sein Nervensystem gerade im roten Bereich ist.
Ein PDA-Kind braucht in solchen Momenten Räume, in denen es ausweichen darf – ohne Gesichtsverlust, ohne Zwang. Mal ist es Bewegung, mal Rückzug, mal Körperkontakt. Manchmal reicht schon ein Witz, manchmal braucht es eine ganz klare körperliche Entlastung.
Und ja – oft bedanken sie sich nicht mit Worten. Aber man spürt es. In der Art, wie sie wieder ruhiger atmen. In dem Blick, der plötzlich weicher wird. In dem Moment, wo der große Bruder wieder in seine Nähe darf, ohne dass es knallt. Das ist das eigentliche „Danke“.
Für mich ist das die größte Erkenntnis: PDA-Kinder brauchen keine harten Grenzen, sondern kreative Brücken. Sie brauchen Erwachsene, die nicht nur sagen „Hör auf“, sondern „Probier das hier, vielleicht hilft es dir gerade mehr.“
Was ist PDA?
Wenn ich anderen von PDA erzähle, nicken viele erst einmal – als wäre es nur ein anderes Wort für Trotz. Doch PDA (Pathological Demand Avoidance) ist so viel mehr. Für Außenstehende sieht es nach Sturheit aus, für mich als Mutter ist es das tägliche Erleben eines Nervensystems, das schneller in Alarm geht, als mein Kind es selbst versteht.
Es ist dieser Moment, in dem eine einfache Bitte – „zieh dir bitte die Jacke an“ – nicht als liebevolle Erinnerung ankommt, sondern wie ein Angriff. Nicht, weil mein Kind mich ärgern will, sondern weil sein Körper sofort meldet: Gefahr. Der Puls steigt, der Blick wird hart, und plötzlich geht es nicht mehr um Jacken oder Schuhe, sondern um das nackte Gefühl, ob man frei entscheiden darf.
PDA heißt für mich: zu lernen, dass hinter Wut oft keine Absicht steckt. Dass ein „Nein!“ manchmal so dringend herausplatzt, als ginge es ums Überleben – obwohl es in Wahrheit um einen winzigen Alltagsmoment geht. Und dass diese Heftigkeit nicht gespielt ist, sondern eine echte innere Not.
Viele Menschen denken, PDA sei einfach Ungehorsam. Aber wenn man danebensteht, spürt man den Unterschied. Ich sehe, wie mein Kind kämpft – nicht mit mir, sondern mit sich selbst. seine Wut ist keine Waffe, sondern ein Rettungsring, den er sich selbst zuwirft, wenn ihm alles zu viel wird.
PDA ist für mich als Mutter oft anstrengend, manchmal herzzerreißend – und gleichzeitig eine Einladung. Eine Einladung, genauer hinzusehen, tiefer zu fühlen, und mein Kind nicht nach dem zu bewerten, was es im Überschwang tut, sondern danach, wie sehr es ringt, sich selbst zu halten.
Zwischen Verantwortung und Liebe – meine beiden Jungs
Oft denke ich darüber nach, wie sehr mein Großer schon von klein auf ein Sicherheitsanker für seinen Bruder ist. Er ist ein unheimlich empathischer Mensch, der spürt, wenn der Kleine in seinem PDA-Wahn den Halt verliert. In der Schule, bei Geburtstagen oder in Gruppen – er übernimmt dann fast wie selbstverständlich meinen Job. Er reguliert, beruhigt, schafft Sicherheit. Und ich sehe, wie sehr der Kleine sich an ihm orientiert, als wäre er seine sichere Insel mitten im Sturm.
Doch gleichzeitig frage ich mich immer wieder: Ist das nicht zu viel Verantwortung für ein Kind? Es tut mir weh, wenn ich daran denke, dass der Große manchmal Lasten trägt, die eigentlich nicht auf seine Schultern gehören. Er nimmt das nie als Bürde wahr – er ist von Natur aus ausgeglichen, er brauchte immer weniger Aufmerksamkeit als sein Bruder. Aber ich möchte nicht, dass dieses „weniger fordern“ dazu führt, dass er zu kurz kommt.
Ich erinnere mich noch an den Moment, als ich mit dem Zweiten schwanger war. Mein erster Gedanke war nicht Freude, sondern Tränen – aus Angst, dass mein Herz nicht genug Platz haben könnte. Ich liebte meinen Großen so sehr, dass ich nicht wusste, wie ich diese Liebe noch einmal teilen sollte. Doch dann habe ich festgestellt: Das Herz wächst. Es wird nicht geteilt, sondern größer.
Meine beiden Jungs könnten unterschiedlicher nicht sein – wie Tag und Nacht. Und doch sind sie beide auf ihre Art vollkommen. Zwei Kinder, die mich herausfordern, mich wachsen lassen, und die – so unterschiedlich sie sind – für mich das größte Geschenk sind. Ich sage oft im Scherz, dass sie mir richtig gut gelungen sind. Aber in Wahrheit meine ich es ernst.
Warum dieser Beitrag anders ist
Vielleicht hast du beim Lesen gemerkt: Dieser Text klingt anders als viele meiner bisherigen Blogbeiträge. Und das ist kein Zufall. Ich wollte diesmal bewusst keinen Fachartikel schreiben, keinen Text voller Studien und Erklärmodelle. Mir war wichtig, mein Herz sprechen zu lassen – so, wie ich es als Mutter erlebe.
Natürlich findest du in meinen anderen Artikeln viele Informationen über PDA, ADHS, Autismus und die neurobiologischen Hintergründe. Dieses Wissen ist wichtig – aber heute wollte ich etwas anderes. Heute geht es nicht um Zahlen oder Fachbegriffe, sondern um die pure Erfahrung: Wie fühlt es sich an, wenn man als Mutter mit einem PDA-Kind mitten im Alltag steht? Wie schwer, wie kostbar und wie schön ist es, einen Weg zu finden, der nicht in Strafen endet, sondern in Verbindung?
Dieser Beitrag ist für all die Eltern, die sich manchmal fragen: „Mache ich alles falsch?“ – und für all die Kinder, die spüren sollen: „Du bist nicht falsch.“
Fazit
Am Ende bleibt für mich die wichtigste Erkenntnis: Wut ist bei meinem Kind mit PDA keine Absicht. Sie ist kein Angriff, sondern ein Ausdruck von Überforderung – und oft der einzige Weg, das innere Chaos für einen Moment erträglicher zu machen.
Ich glaube, dass ich so fein darauf reagieren kann, weil ich selbst mit PDA lebe. Ich kenne dieses Gefühl, falsch zu sein. Ich kenne die Scham nach einem Ausbruch, das hilflose „Es ging nicht anders“. Mein Leben lang habe ich versucht, meine eigenen Anfälle zu erklären, zu rechtfertigen oder zu verstecken. Erst als Erwachsene habe ich gelernt, sie zu erkennen und damit zu arbeiten, statt mich von ihnen steuern zu lassen.
Und genau deshalb habe ich mir geschworen: Mein Kind soll diesen Weg nicht allein gehen müssen. Ich möchte es dahin begleiten, dass es seine PDA-Anfälle nicht als Feind erlebt, sondern als Signal. Dass es versteht: Ich bin nicht falsch. Mein Nervensystem reagiert nur anders. Und dass es Werkzeuge findet, die Wucht abzufangen – mit Humor, mit Selbstkenntnis, mit kleinen Ritualen, die Halt geben.
Denn was ich mir damals so sehr gewünscht hätte, möchte ich heute weitergeben: eine Mutter, die nicht straft, sondern versteht. Eine Mutter, die nicht nur Grenzen setzt, sondern auch Brücken baut. Damit mein Kind irgendwann sagen kann: Ja, PDA gehört zu mir – aber es arbeitet nicht mehr gegen mich, sondern mit mir.
Am Ende bleibt für mich: Beide Kinder sind so verschieden, und doch lehren sie mich jeden Tag, was Liebe, Geduld und Vertrauen wirklich bedeuten. Ich darf Fehler machen, ich darf stolpern – und trotzdem gelingt es mir, mit ihnen gemeinsam zu wachsen. Sie zeigen mir, dass es nicht um Perfektion geht, sondern darum, präsent zu sein.
Herzlich,
FliWi
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