THERAPIE. ECHT JETZT. – Folge 8: Und was jetzt?

Veröffentlicht am 21. September 2025 um 10:00

© 2025 Lisa Widerek · Was bleibt, was heilt, was trägt.

Zwischen Gefühl und Gedanke

Manchmal fühlt es sich an wie das Ende eines Romans: Die letzte Therapiesitzung, der letzte Kliniktag, das letzte Gespräch, in dem ich Dinge ausgesprochen habe, die ich jahrelang verschwiegen habe. Ich wünschte mir ein Happy End. Oder wenigstens einen sinnvollen Abschluss. Stattdessen: Alltag. Wäscheberge, E-Mails, leere Kühlschränke.

Und eine Frage, die wie ein Echo durch alles zieht: Und was jetzt?

Was passiert, wenn der große emotionale Prozess abgeschlossen scheint – aber das Leben noch immer dieselben Fragen stellt? Wenn ich mich verändert habe, aber die Welt um mich herum dieselben Trigger bereithält? Wenn ich mich stärker fühle, aber trotzdem wieder falle?

Ich habe gelernt: Therapie endet nicht, wenn der Stempel fehlt – sondern wenn das Neue in mir Platz genommen hat.

Und: Manchmal braucht es nicht neue Erkenntnisse, sondern Erinnerungen an das, was schon da ist.


Erkenntnisse, die bleiben

Ich habe keine Checkliste aus meiner Therapie mitgenommen. Aber ich habe Sätze im Kopf, die zu inneren Mantren wurden:

  • "Ich bin nicht das Chaos in mir."

  • "Gefühle sind keine Befehle."

  • "Nur weil ich es bisher geschafft habe, heißt das nicht, dass ich es weiterhin muss."

  • "Ich darf traurig sein, auch wenn andere es schlimmer haben."

Diese Sätze sind keine perfekten Werkzeuge. Aber sie helfen mir, wenn mein inneres System kippt. Wenn alte Muster rufen. Wenn ich wieder zu funktionieren beginne, obwohl mein Körper um Hilfe schreit.

Sie erinnern mich daran: Ich bin nicht falsch. Ich bin in Entwicklung.

Einmal habe ich einer Freundin geholfen, ihr inneres Kind zu erkennen – dieses Gefühl, nicht gut genug zu sein, weil die eigenen Eltern nie Zufriedenheit signalisiert haben. Immer war die Frage: Warum nur eine Zwei? Warum nicht eine Eins? Und heute, wenn sie plötzlich ihre Musik hasst, obwohl sie gestern noch stolz war – dann weiß sie: Es ist nicht die Wahrheit. Es ist ihr altes Schutzprogramm. Sie kann ihrem inneren Kind sagen: "Ich sehe dich. Aber ich passe jetzt auf uns auf." Und dann macht sie weiter – mit zitternden Knien, aber auch mit wachsendem Vertrauen.

Das nennt man auch Reparenting: die bewusste Arbeit mit jenen verletzten inneren Anteilen, die als Kind keine Sicherheit erfahren haben. Studien wie die von Schore (2012) oder van der Kolk (2014) zeigen, dass emotionale Selbstregulation durch therapeutisch begleitete Bindungsarbeit gestärkt werden kann – und dass es oft genau dieser erwachsene Anteil in uns ist, der dem inneren Kind heute eine neue Antwort geben muss.

Ich habe gelernt: Manchmal kann ein Lob wie ein Schlag wirken – wenn mein Nervensystem nicht glaubt, dass ich gemeint bin. Und es braucht dann keine Überzeugung, sondern einen kleinen, wiederholbaren Impuls: Ich darf wachsen. Ich darf gut sein. Ich darf bleiben.


Das Impostor-Syndrom – der Feind im eigenen Kopf

Viele von uns kennen das: Ein Kompliment trifft uns, und unser erster Impuls ist, es wegzulächeln oder zu relativieren. „So gut war es doch gar nicht.“ Oder: „Ich hatte einfach Glück.“ Dieses Phänomen hat einen Namen: Impostor-Syndrom.

Es beschreibt das Gefühl, ein Hochstapler zu sein – trotz nachweislicher Kompetenz. Die ständige Angst, "enttarnt" zu werden, nagt an der Selbstsicherheit. Besonders neurodivergente Menschen sind häufig betroffen. Warum?

Weil sie oft nicht in klassische Leistungssysteme passen. Weil sie gelernt haben, zu maskieren, zu kompensieren, sich anzupassen. Und weil sie durch frühe Erfahrungen – wie emotionale Vernachlässigung, überhöhte Leistungsansprüche oder ständige Kritik – verinnerlicht haben: Es reicht nie. Ich bin nie genug.

Das Impostor-Syndrom betrifft nicht nur berufliche Leistungen. Es reicht bis in Beziehungen hinein – etwa wenn jemand Liebe erfährt, aber glaubt, sie nicht verdient zu haben. Oder wenn kreative Projekte sabotiert werden, weil man denkt: "Das interessiert doch sowieso niemanden."

Auch Elternschaft ist betroffen: Wenn ich mich frage, ob ich eine gute Mutter bin – nicht weil ich scheitere, sondern weil ich mir nie erlaube, gut zu sein. Oder wenn ich meine emotionale Sensibilität als Schwäche deute, obwohl sie eigentlich meine stärkste Verbindung zu meinen Kindern ist.

Die Heilung beginnt nicht mit Selbstüberlistung. Sie beginnt mit Anerkennung: Dieses Gefühl kommt nicht aus dem Jetzt. Es ist alt. Und es will mich schützen.

Ein Satz, der mir selbst hilft, ist: „Ich nehme das Gefühl ernst – aber nicht wörtlich.“ Es ist da. Es gehört zu mir. Aber es ist nicht die ganze Wahrheit.


Tools, die tragen

Nicht alles, was ich gelernt habe, ist therapeutisch zertifiziert. Manches ist einfach nur echt. Hier sind die Dinge, die mich tragen:

  • Sensorische Strategien: Ein warmes Kirschkernkissen. Lavendelduft. Mein Ekeltier an der Nase, wenn fremde Gerüche mich überfluten.

  • Bewegung statt Blockade: Spaziergänge, Motorradfahren, einfach raus aus dem Kopf.

  • Radikale Ehrlichkeit: Sätze wie "Ich kann das gerade nicht." Oder: "Ich habe keine Kapazität für diese Diskussion."

  • PDA-gerechte Planung: Dinge, die ich selbst starten darf. Ohne Druck. Ohne starre Uhrzeit.

  • Humor. Und zwar schwarzer. Er ist mein stiller Begleiter, wenn ich keine Worte mehr habe.

  • Erlaubnis zur Selbstkorrektur: Ich darf meine Meinung ändern. Ich darf zurückrudern. Ich darf denken: Heute nicht.

  • Emotionale Gegenspieler: Wenn ich mich nicht gut genug fühle, suche ich nicht Beweise für mein Können – sondern Menschen, die mich wirklich sehen.

  • Sicherheit durch Wiederholung: Ich schreibe mir manchmal selbst Nachrichten, die ich lesen kann, wenn ich falle.

  • Glaubwürdige Rückmeldung: Menschen, denen ich vertraue, dürfen mir sagen, ob mein Eindruck stimmig ist – weil sie mich kennen und nicht manipulieren.

Ich weiß heute: Nicht alles, was mich entlastet, muss für andere logisch sein.

Und ich weiß auch: Manche Werkzeuge sind keine Tools, sondern Haltungen. Wie der Respekt vor mir selbst. Oder der Mut, meine Geschichte nicht zu kürzen, um sie für andere erträglicher zu machen.


Verluste, die heilen

Ich habe Menschen verloren. Beziehungen. Rollenbilder. Ich habe auch Versionen von mir verloren, von denen ich dachte, sie wären unverzichtbar.

Aber manche Verluste sind wie eine Operation: schmerzhaft, aber lebensrettend.

Ich habe mich von der Idee verabschiedet, dass ich nur dann liebenswert bin, wenn ich helfe. Ich habe gelernt, dass Schweigen auch eine Antwort ist. Und dass Loyalität manchmal bedeutet, mich selbst nicht zu verraten.

Ein besonderer Abschied war der von der Vorstellung, dass ich irgendwann "ankomme". Dass es ein Ziel gibt, das alles erlöst. Heilung ist kein Ort. Sie ist ein Prozess, der manchmal still ist.

Ich habe auch verstanden: Manche Menschen gehen nicht, weil ich falsch bin. Sie gehen, weil mein Wachstum sie an ihr eigenes erinnert. Und nicht jeder ist bereit, mitzugehen. Das ist kein Drama. Es ist ein Teil von Entwicklung.


Wie bleibe ich ganz, wenn ich mich verliere?

Ich verliere mich noch immer. In Flashbacks. In Ängsten. In alten Mustern, die flüstern: Du bist nicht genug.

Aber ich verliere mich heute nicht mehr für immer. Ich finde zurück. Durch Routinen. Durch Erinnerungen an das, was ich gelernt habe. Durch Menschen, die mich halten, auch wenn ich mich selbst nicht mehr fühle.

Fortschritt ist nicht linear.

Manche Tage fühlen sich an wie Rückschritte. Aber manchmal ist ein Rückschritt einfach nur ein Umweg mit Aussicht. Oder eine Pause, die erlaubt, dass der Schmerz sich zeigt, ohne zu herrschen.

Ich erinnere mich an eine therapeutische Übung, bei der ich mir selbst erlauben durfte, für einen Moment in eine Utopie zu gehen: Ich höre einfach auf. Ich mache nicht weiter. Nicht in Wut. Nicht aus Trotz. Sondern aus Erschöpfung. Und niemand hält mich auf. Niemand klatscht. Niemand ruft nach mir. In dieser Welt darf ich einfach nur sein. Wertvoll, auch wenn ich nichts leiste. Vielleicht war das gar keine Dystopie – vielleicht war es der erste echte Entwurf von Heilung.

Diese innere Erlaubnis, nicht mehr kämpfen zu müssen, ist radikal. Und heilend. Denn manchmal ist das größte Geschenk, das ich mir machen kann, nicht das „Weitermachen“, sondern das ehrliche Innehalten.


Was noch bleibt

Wie finde ich eine:n gute:n Therapeut:in?

  • Ich darf fragen: Haben Sie Erfahrung mit Trauma? Mit ADHS? Mit Autismus? Fühlen Sie sich sicher, wenn jemand emotional wird?

  • Gute Therapeut:innen validieren, bevor sie analysieren.

  • Sie hören nicht nur zu, sie bleiben auch – wenn es ungemütlich wird.

Wenn Rückfälle kommen – bin ich dann gescheitert?

  • Rückfälle sind Erinnerungen des Nervensystems. Keine Beweise für Unfähigkeit.

  • Ich darf mit Rückfällen sprechen wie mit kleinen Kindern: ruhig, zugewandt, ohne Urteil.

Wie viel Selbsthilfe ist gesund?

  • Ich darf auch ohne ständige Reflexion existieren.

  • Heilung ist keine Leistungskurve.

Gemeinschaft heilt.

  • Eine Nachricht. Ein Kommentar. Ein Gespräch kann mehr bewirken als tausend Übungen.

  • Ich brauche nicht viele Menschen – ich brauche die Richtigen.

Integration heißt nicht, alles zu können. Es heißt, nicht mehr alles alleine zu müssen.


Ich bin noch da

Ich habe nicht alles geschafft, was ich wollte. Aber ich bin da. Und das ist genug.

Ich schreibe diese Zeilen an mein früheres Ich:

"Du musst nicht perfekt sein. Du musst nicht mal stabil sein. Du musst einfach nur ehrlich sein – mit dir. Und manchmal reicht es, einfach nur noch da zu sein."

Und an dich, der du das liest:

Wenn du denkst, du bist allein damit – bist du nicht. Vielleicht liest du gerade den Beweis.


Vielleicht ist es nicht das Happy End. Vielleicht ist es der Anfang von: Ich mache weiter. Aber dieses Mal mit mir selbst an meiner Seite.

Herzlich,

FliWi


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