© 2025 Lisa Widerek · Zwischen Aufbruch und Ankommen liegt oft ein innerer Sturm
Wie ich auf das Thema Übergänge gestoßen bin
Lange habe ich mich gefragt, warum Montage für mich – und auch für meine Liebsten – so schwer sind. Kaum war das Wochenende vorbei, kippte etwas in uns. Gespräche, die sonntags noch leicht und nah waren, wurden montags zäh, missverständlich, verletzlich. Der Kontakt fühlte sich plötzlich anstrengend, fremd, zerbrechlich an.
Es lag nicht am Tag selbst, sondern an dem, was er symbolisiert: Übergang. Vom Wochenende in die Woche. Von Nähe in Distanz. Vom freien Takt in den geforderten. Erst als ich das verstanden habe, ergab vieles Sinn – nicht nur montags. Ich begann zu sehen, wie oft ich über Kanten gehe: vom Aufstehen ins Funktionieren, vom Heimkommen ins „Ich bin wieder ich“, vom Gespräch in die Stille, die manchmal zu laut ist.
Seitdem frage ich mich bei fast allem: Ist das ein Übergang? Und wenn ja: Wie gestalte ich ihn, damit er mich nicht zerreißt? Ich baue kleine Anker ein – ein Glas Wasser am Türrahmen, ein tiefer Atemzug im Flur, die Hand kurz auf dem Herz. Ich sage meinen Kindern an, was gleich passiert, und mir selbst, dass es schwer sein darf.
So wurden Übergänge zu einem Schlüsselthema. Sie erklären, warum ich stolpere – und wie ich sicherer gehen kann. Genau deshalb schreibe ich diesen Text: weil wir Übergänge verstehen müssen, wenn wir uns gegenseitig wirklich verstehen wollen.
Was sind „Übergänge“ überhaupt?
Übergänge sind unsichtbare Stolperstellen. Von außen: ein Schritt, eine Entscheidung. Innen: oft ein Kraftakt. Sie lauern überall: Schuhe anziehen, Haus verlassen, Ferien → Schulalltag, Arbeiten → Ausruhen, Gespräch → Stille. Für viele fließt das. Für ein neurodivergentes Nervensystem fühlt es sich an wie ein tiefer Spalt – ein Sprung ohne Landegarantie.
Das hat nichts mit Willen zu tun. ADHS, Autismus, PDA, Hochsensibilität verändern, wie der Wechsel erlebt wird. Unser System braucht Zeit, um neu zu sortieren, zu regulieren, anzukommen – vor allem bei unvorhergesehenen Wechseln (plötzlicher Planstopp, spontaner Besuch). Planbare Übergänge sind leichter, wenn sie vorhersehbar sind: klare Abfolge, gleiches Ritual, ein kleiner Countdown.
Ich spüre das deutlich, wenn meine Kinder kommen oder gehen. Dann verändert sich nicht nur die Atmosphäre – ich verändere mich. Nach einem gemeinsamen Wochenende fühlt die Stille sich nicht nach „Pause“ an, sondern nach Vakuum. Kommen sie zurück, baut sich alles neu zusammen. Ich liebe beides – und doch kostet jeder Wechsel Kraft.
Darum habe ich Mikro-Rituale: Schuhe aus → Hände waschen → Fenster kurz auf → ein Atemzug. Manchmal bleibe ich im Hausflur stehen. Ein Moment. Dann: Jetzt geht’s.
Die innere Logik hinter Übergangsschwierigkeiten
Warum sind Übergänge so schwer? Für viele neurodivergente Menschen – ob mit ADHS, Autismus, PDA oder Hochsensibilität – liegt die Antwort im Nervensystem.
Unser Gehirn liebt Vorhersehbarkeit. Es arbeitet wie eine kleine „Wetter-App“ im Kopf: Was kommt gleich? Muss ich mich warm anziehen oder losrennen? Beginnt etwas Neues, muss das System Ressourcen umschalten – Aufmerksamkeit, Motorik, Emotion. Genau in diesem Umschaltmoment hakt es.
Eine Schlüsselrolle spielt das aufsteigende retikuläre Aktivierungssystem (ARAS). Es entscheidet, welche Reize durchgelassen werden. Bei Autismus oder ADHS ist dieser Filter oft löchriger: Übergänge fühlen sich an, als würden plötzlich sehr viele Reize gleichzeitig eintreffen. „Jacke anziehen“ ist dann nicht ein Handgriff, sondern ein Paket aus Temperatur, Stoffgefühl, Geruch, Zeitdruck, Erwartung – und das alles sofort.
Hilfreich ist zudem das Bild vom predictive coding: Das Gehirn macht ständig Vorhersagen und vergleicht sie mit der Realität. Wenn Übergänge nicht angekündigt sind (Planänderung, „Kannst du mal eben…?“), klaffen Vorhersage und Wirklichkeit auseinander – der „Fehler“ wird groß, Alarm geht an.
Auch Dopamin und Noradrenalin spielen hinein:
• Bei ADHS fehlt oft der innere „Anschub“, der Startknopf. Nicht Faulheit – der Impuls kommt schlicht nicht an.
• Bei PDA löst schon die Ankündigung („Du musst…“) einen Kontrollalarm aus. Der Körper sagt „Sicherheit zuerst“, nicht „sofort los“.
• Hochsensible spüren mehr Mikroreize – der Übergang wird dadurch dichter, nicht dramatischer.
Ein Mini-Beispiel aus meinem Alltag: Ich will von „Schreibtisch“ zu „Einkaufen“ wechseln. Außen sieht man nur: Sie steht nicht auf. Innen passiert: Liste checken, Wetter einschätzen, Kleidung wählen (Stoff! Temperatur!), Geräuschkulisse draußen mitdenken, Route planen, soziale Begegnungen antizipieren – zehn kleine Schalter nacheinander. Ohne Atemzug-Anker bleibt das System stecken.
Das Tückische: Von außen unsichtbar. Innen läuft Hochleistung – Herz schneller, Gedanken springen, Muskeln spannen. Außen wirkt es wie Stillstand. Genau hier entstehen Missverständnisse.
Kurz gesagt: Übergänge sind kein „Anstellproblem“. Sie sind das sichtbare Ergebnis einer neurobiologischen Realität, die mehr Zeit, Vorhersehbarkeit und sanfte Anläufe braucht, als die meisten denken.
Übergänge bei Kindern – der unterschätzte Alltagsstress
Übergänge sind für Kinder oft noch härter als für Erwachsene – besonders, wenn sie neurodivergent sind.
Meine Kinder – beide mit ADHS und Autismus diagnostiziert – zeigen Übergänge nicht in klaren Worten, sondern im Verhalten: Wut, Rückzug, endlose Diskussionen, scheinbares Trödeln.
Von außen wirkt das wie Widerstand – in Wahrheit ist ihr System überfordert.
Beispiele aus dem Alltag:
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Vom Spielen zum Essen: Loslassen heißt für sie nicht nur aufhören, sondern einen Bruch im Erleben.
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Vom Tablet zur Zahnbürste: Für Außenstehende Routine – für sie ein abruptes Stopp-Signal.
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Von der Schule nach Hause: Der Körper ist da, der Kopf aber noch im Klassenzimmer.
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Von einem Schulfach ins nächste: Wie soll man sich plötzlich auf Mathe konzentrieren, wenn der Kopf noch bei der Poesie hängt?
Morgens zeigt sich das besonders deutlich. Während andere Kinder einfach loslaufen, beginnt bei uns oft ein Tauziehen zwischen „Wir müssen los“ und „Ich kann noch nicht.“ Manchmal reicht schon die Aufforderung „Jacke anziehen“, um Tränen auszulösen – nicht, weil sie bockig sind, sondern weil der Wechsel zu groß wirkt.
All das braucht Vorbereitung, Struktur und ein „Sich-selbst-mitnehmen-dürfen.“
Für mich als Mutter heißt das: Mitatmen, mitlenken, aushalten – und manchmal loslassen.
Ich habe gelernt, dass ein kleiner Moment der Verbindung – eine Umarmung, ein Witz, ein Ritualsatz wie „Wir schaffen das“ – oft mehr bewirkt als Druck.
Die Wissenschaft bestätigt, was ich täglich sehe: Kinder mit Autismus oder ADHS haben Schwierigkeiten im Task Switching – dem Umschalten von einer Aufgabe zur nächsten. Ihr Gehirn braucht schlicht länger, um sich neu einzustellen.
Was wie „bockig“ wirkt, ist innen Hochleistung.
Viele Kinder spüren Übergänge auch körperlich: Bauchschmerzen vor der Schule, Kopfschmerzen beim Heimkommen, Müdigkeit beim Zubettgehen. Keine Ausreden – sondern Signale ihres Nervensystems. Ich sehe es an den Schultern, die plötzlich hängen, oder an der Art, wie sie auf einmal lauter oder stiller werden.
Für mich als Mutter bedeutet das: meine Kinder nicht an den Maßstäben der Außenwelt zu messen. Schnelligkeit, Reibungslosigkeit, „funktionieren“ – das sind Erwartungen, die neurodivergente Kinder oft nicht erfüllen können.
Was sie brauchen, ist Verständnis. Und Raum.
Am Ende sind nicht die Kinder „zu kompliziert“ – sondern die Welt, die keine Geduld für Übergänge hat.
Übergänge im Erwachsenenleben
Nicht nur Kinder stolpern – auch wir Erwachsenen.
Der Wechsel von Arbeit in Freizeit, von Ruhe in Aktivität, vom Wochenende in die Woche fordert uns heraus.
Im Beruf merke ich es deutlich: Ein Meeting ist vorbei – aber mein Kopf hängt noch im alten Thema.
Der Übergang zur nächsten Aufgabe braucht mehr Zeit, als viele verstehen. Multitasking bedeutet für mich weniger „gleichzeitig“ als vielmehr „immer wieder neu starten“ – und jedes Neuanfangen kostet Kraft.
Auch Beziehungen sind voller Übergänge: Nähe und Distanz, gemeinsames Wochenende und Alltag, vertrautes Gespräch und Schweigen.
Gerade Schweigen ist für viele Neurodivergente nicht neutral, sondern eine unsichtbare Bruchkante: Bin ich noch verbunden? Ist alles gut? – diese Fragen entstehen nicht aus Misstrauen, sondern weil Übergänge sich wie Brüche anfühlen.
Auch in der Selbstorganisation zeigt sich das: Vom Frühstück zum Losgehen. Vom Gedanken „ich müsste“ zum „ich mache es jetzt.“
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Bei ADHS wird dieser Sprung schnell zum Graben (Task Initiation).
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Bei PDA reicht schon „du musst“, um inneren Widerstand auszulösen – der Weg wird zur Barriere.
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Und Hochbegabte stolpern anders: Ihr Kopf ist oft schon drei Schritte weiter, während Körper und Realität hinterherhinken. Auch das macht Übergänge schwierig – nicht durch Reizüberflutung, sondern durchs Tempo.
All diese Facetten zeigen: Übergänge begleiten uns durch das ganze Leben.
Sie sind keine Kinderkrankheit, die sich verwächst.
Sie sind eine dauerhafte Begleiterscheinung neurodivergenter Existenz – und verdienen mehr Verständnis, mehr Sprache und mehr Anerkennung.
Übergänge und Emotionen
Übergänge sind nicht nur organisatorische Stolperstellen – sie sind emotionale Bruchkanten.
Es geht nicht nur darum, von A nach B zu kommen. Es geht darum, dass das Innere nachkommt.
Wenn meine Kinder gehen, bricht nicht einfach ein stiller Nachmittag an – es bricht eine Welt weg, die sich gerade erst gefügt hatte.
Kommen sie zurück, kippt Stille in Leben, Geräusch, Anspruch. Ich liebe beides – und doch fühlt sich jeder Wechsel an wie ein Sturm im System.
Das Schwierige ist: Gefühle kommen selten synchron.
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Bei Autismus und ADHS oft zeitverzögert: Tagsüber funktioniere ich, abends rauscht die Welle.
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PDA setzt die Alarmlage schon vor dem Wechsel.
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Hochsensible spüren jede Schattierung intensiver – Freude, Wut, Trauer, Erleichterung.
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Und Trauma macht Übergänge zusätzlich brüchiger, weil jeder Bruch unbewusst nach Gefahr abgescannt wird.
Das Ergebnis? Emotionen stauen sich, bis sie wie eine Flutwelle über mich rollen.
Manchmal zeigt sich das praktisch: in Übersprungshandlungen. Wenn die Kinder weg sind, setze ich mich ins Auto und fahre einfach los. Ohne Plan, ohne Ziel – nur weg.
Für Außenstehende wirkt das verrückt. Für mich ist es ein Notventil. Bewegung hilft, dass das Herz nachkommt, während der Körper fährt.
Übergänge sind klein – und reißen doch große Löcher.
Ein „Bis morgen“ an der Tür. Ein Montagmorgen. Ein Feierabend, der von außen wie Erholung aussieht und innen wie Überforderung.
Und das Wichtigste: Gefühle ernst nehmen.
Nicht kleinreden. Kein „Reiß dich zusammen.“
Diese Intensität ist kein Drama – sie ist der ehrliche Ausdruck eines Systems, das mehr spürt.
Übergänge und Körper
Übergänge passieren nicht nur im Kopf – sie graben sich in den Körper ein.
Oft merke ich zuerst die körperliche Reaktion: Mein Herz stolpert, mein Atem stockt, mein Bauch zieht sich zusammen. Manchmal bricht Schweiß aus, ohne dass es heiß wäre. Mein Körper weiß früher als mein Kopf, dass ein Wechsel ansteht.
Im Alltag zeigt sich das sofort:
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Morgens sind die Muskeln angespannt, wenn ein schwieriger Tag bevorsteht. Schon das Anziehen fühlt sich an wie Widerstand.
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Zuhause ankommen – noch bevor die Tasche abgestellt ist, zieht sich der Bauch zusammen. Der Übergang von „funktionieren“ zu „sein dürfen“ ist körperlich spürbar.
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Kinder zeigen es genauso: Bauchschmerzen vor der Schule, Kopfschmerzen beim Heimkommen, Nervosität beim Zubettgehen. Ärzte sagen „psychosomatisch“ – ich sage: Der Körper spricht.
Neurobiologisch erklärt sich das durch das autonome Nervensystem.
Es steuert Herz, Verdauung, Atmung – alles, was wir nicht bewusst regeln. Bei Übergängen kippt es schnell in Alarm. Die Amygdala meldet „Veränderung“, der Sympathikus fährt hoch: Herz schneller, Atem kürzer, Muskeln angespannt. Objektiv passiert nichts Gefährliches – subjektiv läuft Überlebensmodus.
Die Folgen? Unterschiedlich – aber immer echt:
Reizdarm, Zähneknirschen, Bewegungsdrang. Übersprungshandlungen wie plötzliches Aufräumen, Losfahren oder Zappeln sind nichts anderes als Entladung.
Auch Schlaf ist ein Übergang. Für viele neurodivergente Menschen härter als wach bleiben. Ich liege ruhig, Augen zu – und doch rennt mein Herz, als müsste ich gleich los.
Und egal ob Hochsensibilität, Autismus, ADHS oder PDA: Jeder bringt seine eigene Körperwahrheit mit. Kleine Reize, große Blockaden.
Es ist kein „Sich-anstellen“ – es ist die Realität eines Nervensystems, das anders reagiert.
Übergänge und soziale Erwartungen
Übergänge sind schon schwer genug, wenn man sie selbst erlebt – noch schwerer machen sie die Blicke von außen.
Während ich innerlich kämpfe, sieht es von außen oft nach Trödeln, Unwillen oder fehlendem Durchhaltevermögen aus. In der Schulzeit meiner Kinder hieß es schnell: „Die sind faul.“ Was niemand sah: Der Sprung vom warmen Bett ins kalte Bad war für sie ein Kraftakt. Ihr Körper sagte „Stopp“, ihr Kopf „Muss“ – und ich stand dazwischen.
Auch ich kenne das: Ich sitze im Auto vor einem Termin, unfähig, die Tür zu öffnen. Für mich ist es ein inneres Ringen, für andere nur ein „Reiß dich zusammen“. Diese Diskrepanz macht aus einer inneren Schwierigkeit ein soziales Urteil.
ADHS, Autismus, PDA, Hochsensibilität – alle haben ihre Übergangshürden. Gemeinsam ist: Sie passen nicht ins Bild von Effizienz. Schule erwartet Pünktlichkeit, Arbeit schnelles Umschalten, Familie Flexibilität. Wer länger braucht, fällt auf – und wird schnell zum Problem erklärt.
Doch das ist unfair. Neurobiologisch dauert es länger, von einem Zustand in den nächsten zu wechseln. ADHS braucht oft einen Dopamin-Schub zum Start. Autistische Menschen sind tief im Fokus, PDA reagiert auf „du musst“ mit Widerstand, Hochsensible müssen Mikroreize sortieren. Das kostet Zeit – die die Welt selten gibt.
Die Folge ist Scham. Wer ständig hört, er sei zu spät oder unzuverlässig, glaubt es irgendwann selbst. Dabei liegt das Problem nicht im Wollen, sondern im Können. Übergänge sind eine Schwachstelle des Nervensystems, keine Charakterschwäche.
Ich habe oft das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Wenn ich stocke, entschuldige ich mich – dabei müsste ich nichts. Mein System funktioniert anders, nicht schlechter.
Es macht einen Unterschied, ob jemand sagt: „Beeil dich!“ – oder: „Nimm dir die Zeit, die du brauchst.“
Es macht einen Unterschied, ob wir Übergangszeiten als Schwäche sehen – oder als Teil der Realität.
Übergänge sind kein Defizit, sondern zeigen, wie eng die Welt ihr Tempo setzt. Wer sie versteht, lernt: Langsamer sein heißt nicht weniger wert sein.
Was hilft?
Übergänge lassen sich nicht wegtherapieren – sie sind Teil unserer neurobiologischen Realität.
Aber wir können lernen, mit ihnen zu leben und das eigene Nervensystem zu entlasten.
Hilfreich ist:
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Übergänge benennen: Laut sagen, was passiert. „Wir steigen gleich aus. Erst Jacke, dann Tasche.“
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Rituale etablieren: Begrüßen, Heimkommen, Zubettgehen.
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Zeit geben: Fünf Minuten länger können alles ändern.
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Vorbereitung statt Druck: „Gleich geht’s los, magst du vorher noch XY machen?“
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Kleine Wahlmöglichkeiten: „Schuhe oder Jacke zuerst?“
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Akzeptanz fürs Stolpern: Nicht jeder Wechsel läuft rund – und das ist okay.
Manchmal helfen Mikro-Rituale: tief atmen, kurz stehenbleiben, ein inneres „Jetzt geht’s“. Sie wirken klein, sind aber wie Mini-Leitplanken für das Nervensystem.
Ich nutze auch sensorische Hilfen – z. B. meine Flare Calmer, wenn Geräusche mich schon im Vorfeld belasten. Oder einen bestimmten Duft, der Sicherheit bedeutet. So verknüpft mein Gehirn Übergänge mit etwas Vertrautem, statt nur mit Alarm.
Wichtig ist: nicht versuchen, alles perfekt zu machen. Stolpern gehört dazu. Wer akzeptiert, dass Übergänge Energie kosten dürfen, hat schon die halbe Last genommen.
Übergänge sind systemische Stolpersteine
Nicht wir sind das Problem – sondern die Erwartung, dass Menschen reibungslos von Zustand zu Zustand springen sollen.
Für viele neurodivergente Menschen sind Übergänge die sensibelsten Punkte im Alltag.
Die Gesellschaft liebt Tempo und Effizienz. Schule erwartet Pünktlichkeit. Arbeit erwartet schnelles Umschalten. Familie verlangt Flexibilität. Doch wer länger braucht, fällt aus dem Raster – und wird oft missverstanden. Dabei zeigt die Forschung klar: Task Switching kostet messbar mehr Energie. Bei ADHS, Autismus, PDA oder Hochsensibilität vervielfacht sich dieser Aufwand.
Übergänge sind also kein persönliches Versagen – sondern eine systemische Reibungsfläche. Unsere Strukturen sind selten für Vielfalt gebaut.
Wer das erkennt, kann anpassen: mehr Pausen einplanen, Übergangszeiten sichtbar machen, weniger Druck erzeugen.
Für mich bedeutet das: Ich gestalte Räume, die weichere Übergänge erlauben. Zum Beispiel keine Termine direkt hintereinander, sondern kleine Inseln dazwischen. Oder ich übe, Abschiede klarer zu markieren – nicht nur „Tschüss“, sondern mit einem Ritualsatz, damit der Übergang sanfter wird.
Wer Übergänge versteht, erkennt: Wir brauchen nicht Härte, sondern Mitgefühl.
Und genau darin liegt die Chance – nicht nur für uns Neurodivergente, sondern für alle.
Hat dich dieser Text berührt oder wiedererkannt fühlen lassen? Teile deine Gedanken in den Kommentaren, schicke den Beitrag an Menschen, die Übergänge besser verstehen sollten – und folge mir für mehr Einblicke in neurodivergentes Leben: roh, echt, ungekürzt.
Herzlich,
FliWi
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