© 2025 Lisa Widerek · Eine therapeutische Blogreihe über das, was in Beziehungen passiert, wenn Bindung plötzlich Bedrohung wird.
Zwischen Gefühl und Fluchtinstinkt
"Ich liebe dich – aber wehe, du sagst mir, was ich fühlen soll."
So oder so ähnlich klingt es in mir, wenn Nähe kippt. Wenn aus Zuneigung Erwartung wird. Wenn das, was mich wärmen soll, plötzlich Druck auslöst.
Ich habe PDA. Und ich glaube, er auch. Das klingt romantisch – ist aber manchmal ein Albtraum.
Letzte Nacht sagte er gefühlt achttausendmal, wie sehr er mich liebt. Er sagte die süßesten Dinge über mich. Und ich? Ich grinste dümmlich. Ich konnte nicht. Ich wollte ihm so gerne sagen, wie sehr ich ihn auch liebe. Was ich an ihm bewundere. Aber ohne Alkohol bekomme ich in solchen Momenten kaum ein Wort heraus. Ich renne nicht weg – nicht körperlich. Aber ich überbrücke mit Humor, Sarkasmus, Notlösungen. Innerlich schreit alles in mir: „Reagiere!“ Aber mein System friert ein. Meine liebevoll gemeinten Antworten kommen oft erst Stunden oder Tage später. Manchmal sogar Wochen. Und bis dahin muss ich gegen die Scham ankämpfen, es nicht gleich geschafft zu haben.
Später, lange nach der Situation, greife ich das Thema dann wieder auf. Ich erzähle, wie ich es empfunden habe. Ich entschuldige mich für mein Schweigen. Aber es kostet mich jedes Mal Überwindung. Nicht, weil ich mich für mein Empfinden schäme – sondern weil ich glaube, den Moment verspielt zu haben. Und doch ist dieser spätere Dialog oft ehrlicher, tiefer, klarer – weil ich dann ganz bei mir bin.
PDA – Drei Buchstaben, die Beziehungen verändern
PDA steht für Pathological Demand Avoidance, also eine extreme Vermeidung von Anforderungen. Was viele nicht wissen: Diese Anforderungen müssen nicht laut ausgesprochen werden. Es reicht oft schon das Gefühl, dass jemand etwas von mir will. Nähe. Aufmerksamkeit. Eine Antwort. Ein "Wie war dein Tag?"
PDA wurde erstmals von der britischen Psychologin Elizabeth Newson beschrieben und wird heute zunehmend im autistischen Spektrum verortet – als Profil, nicht als eigenständige Diagnose. Besonders häufig tritt es bei Menschen mit Autismus auf, deren Nervensystem zusätzlich durch Traumatisierung oder sensorische Überflutung geprägt wurde.
Die Reaktion? Kontrollverlust. Wut. Schweigen. Rückzug. All das passiert nicht aus Gleichgültigkeit – sondern aus einem tiefen inneren Schutzreflex.
Wenn zwei PDA-Menschen sich lieben
Klingt nach Chaos? Ist es oft auch. Wenn zwei Menschen mit PDA ähnliche Muster teilen, entsteht eine besondere Dynamik:
-
Nähe wird gesucht – aber nicht ertragen.
-
Gefühle werden gespürt – aber nicht benannt.
-
Rückzug fühlt sich an wie Verrat – und Präsenz wie Überforderung.
Ich erinnere mich an einen Moment mit ihm, mitten in der Nacht. Wir lagen im Bett. Ich wollte Nähe – aber nicht seine Fragen. Seine Hand auf meinem Rücken war zart, und trotzdem zu viel. Als er sagte: "Ich merke, dass du dich verschließt", fühlte ich mich ertappt. Und floh.
Nicht körperlich. Aber innerlich. Ich hörte auf zu sprechen. Ich wusste nicht mal mehr, ob ich ihn mochte. Und am nächsten Morgen wollte ich ihn trotzdem nicht gehen lassen.
Das ist PDA-Liebe: ein ständiger Drahtseilakt zwischen Sehnsucht und Selbstschutz.
Warum Nähe manchmal wie ein Übergriff wirkt
Die meisten Menschen verstehen Bindung als etwas Heilsames. Als Ort der Sicherheit. Doch für PDA-Betroffene kann Bindung bedrohlich wirken – besonders, wenn sie mit der impliziten Erwartung einhergeht, "zu funktionieren".
Die neuropsychologischen Hintergründe dafür sind gut dokumentiert. Studien zur Stressverarbeitung bei Autismus (z. B. Mazefsky et al., 2013) zeigen eine überaktive Amygdala, die bereits bei subtilen Reizen Alarm schlägt. Bei PDA spielt zusätzlich der Wunsch nach Kontrolle eine zentrale Rolle: Wer sich selbst ständig gegen innere und äußere Überforderung verteidigt, kann Nähe nur punktuell zulassen.
Ich erinnere mich an einen Moment, in dem er mir sagte: "Du musst dich doch nicht rechtfertigen."
Ich hätte weinen können – aus Erleichterung. Und gleichzeitig wurde ich wütend. Denn in mir fühlte es sich so an, als ob ich mich sehr wohl rechtfertigen muss – dafür, wie ich funktioniere, liebe, antworte, existiere.
Was in der Tiefe passiert: Neurodivergente Bindungsvermeidung
Bindungsvermeidung ist mehr als Beziehungsangst. In vielen Fällen ist sie die Konsequenz aus einer permanenten Überforderung durch zwischenmenschliche Anforderungen, unausgesprochene Erwartungen oder emotionale Reizüberflutung.
Besonders im Kontext von Autismus, ADHS oder PDA zeigt sich, dass Nähe häufig mit einem Gefühl von Kontrollverlust verknüpft ist. Studien wie die von McElwain & Booth-LaForce (2006) oder Bowlbys Bindungstheorie in Kombination mit modernen Konzepten zur Reizverarbeitung (z. B. der Polyvagal-Theorie von Stephen Porges) belegen, wie stark der physiologische Zustand unser Beziehungsverhalten beeinflusst.
Das autonome Nervensystem bewertet Nähe oft als Bedrohung, wenn keine echte Wahlfreiheit erlebt wird. Was dann wie Beziehungsflucht wirkt, ist in Wahrheit ein Versuch der Selbstregulation.
Bei Menschen mit PDA wird dieses Muster besonders deutlich: Bindung wird gewünscht, aber nur unter der Voraussetzung völliger Unverbindlichkeit. Ein scheinbares Paradox – das jedoch auf tiefer neurologischer Notwendigkeit basiert. Wer schon als Kind gelernt hat, dass Erwartungen gefährlich sind, reagiert auf Liebesversprechen mit innerem Rückzug.
Die Folge? Chronisches Misstrauen gegen Nähe – selbst wenn sie sicher gemeint ist.
Und wenn der andere auch PDA hat?
Dann wird's spannend – und oft auch schmerzhaft.
Denn was passiert, wenn beide Rückzug brauchen, aber keiner den ersten Schritt macht?
Was, wenn beide sich nach Nähe sehnen – aber keiner sie einfordern darf?
Ich erinnere mich an Tage, an denen wir uns stundenlang Nachrichten schrieben. Tief. Verbunden. Und dann kam eine simple Nachfrage wie: "Wann sehen wir uns?" – und plötzlich verstummte alles.
Nicht aus Desinteresse. Sondern weil der Druck da war. Weil eine Entscheidung eingefordert wurde, bevor das Nervensystem soweit war.
[Warum es für uns so schwer ist, Zeiten im Voraus festzulegen – und warum das nichts mit Unzuverlässigkeit zu tun hat]
Was hilft wirklich? (Spoiler: keine Paartherapie mit Hausaufgaben)
Viele PDA-Betroffene berichten, dass klassische Beziehungstipps bei ihnen eher zu Abwehr führen. Deshalb hier ein paar Ideen, was helfen kann:
-
Kommunikation ohne Erwartungen: Statt "Ich will dich sehen" eher "Ich mag die Idee, dich zu sehen – sag mir, wenn das bei dir gut landen kann."
-
Humor als Brücke: Ironie, Memes, geteilte Gedanken können mehr Verbindung schaffen als ein ernstes Beziehungsgespräch.
-
Pufferzeiten: Keine Treffen direkt nach der Arbeit. Kein "Jetzt gleich telefonieren". Das Nervensystem braucht Übergänge.
-
Neutralzonen etablieren: Orte oder Zeiten, an denen keine Nähepflicht gilt. Kein Gespräch über Gefühle, keine Fragen, keine Antworten.
-
Pathologisierung vermeiden: Nicht jeder Rückzug ist ein Beziehungsproblem. Manchmal ist es einfach Regulation.
Und was ist mit mir?
Ich wünsche mir eine Liebe, die nicht misst.
Eine Liebe, die bleibt – auch wenn ich gehe.
Die nicht fordert, dass ich funktioniere.
Und ich wünsche mir, dass ich selbst erkenne, dass meine Art zu lieben keine Schwäche ist – sondern ein Weg. Ein anderer.
Denn auch wenn ich fliehe: Ich bleibe verbunden.
Auch wenn ich schweige: Ich höre zu.
Auch wenn ich nicht weiß, wie man liebt – ich liebe.
[Zwischen Nähe und Selbstschutz – Freundschaft auf neurodivergent]
Vielleicht kennst du dieses Gefühl: geliebt zu werden – und trotzdem zu fliehen. Vielleicht hilft dir dieser Text, dich weniger falsch zu fühlen. Denn Bindung ist kein Schema. Sie ist ein Wagnis. Und bei uns oft ein Kunststück.
Herzlich,
FliWi
#therapieechtjetzt #bindungsangst #pdaalltag #neurodivergenteliebe #masking #autismus #adhs #polyvagaltheorie #fliwiblog #ehrlichstattangepasst #beziehungsdynamik
Kommentar hinzufügen
Kommentare