© 2025 Lisa Widerek · Eine therapeutische Blogreihe über das, was in mir passiert, wenn ich mich auflöse und trotzdem ganz bleiben will.
Zwischen Zusammenbruch und Weiterfunktionieren
"Ich wollte nie kämpfen. Ich konnte nur nicht aufgeben."
Das ist der Satz, der in mir wohnt. Der Satz, der mich über Jahre getragen hat, obwohl ich ihn nie laut ausgesprochen habe. Es ist kein Satz des Mutes. Kein Leitspruch für Durchhalteparolen. Es ist der Satz von Menschen, die auf dem Badezimmerboden sitzen, während draußen die Welt denkt, sie hätten alles im Griff.
Ich erinnere mich an Therapiesitzungen, in denen ich schweigend dasaß. Nicht aus Trotz. Sondern, weil mein System kollabiert war. Und dann sagte jemand: "Aber Sie sind so stark!" Ich wollte schreien. Nicht vor Wut – sondern, weil ich diese Worte nicht mehr hören konnte. Stärke war kein Geschenk, sie war ein Reflex.
Und ganz oft war sie ein Zwang: Wenn niemand sonst übernimmt, musst du eben weiter. Wenn Kinder dich brauchen, wenn Behörden dich rufen, wenn der Haushalt ruft – und du einfach nicht aufgeben darfst. Nicht heute. Nicht jetzt.
Und dann ist da noch dieser andere Moment: Wenn die Nacht still ist, das Handy ruhig bleibt – und du selbst zur Ruhe kommst. Und in dieser Stille auf einmal spürst, wie sehr du innerlich längst aufgeben wolltest. Nicht aus Trotz. Sondern, weil der Kampf dich hohl gemacht hat.
Ich stelle mir manchmal eine Dystopie vor. Eine, in der ich einfach sage: „Ich mache nicht mehr weiter.“ Nicht in Wut. Nicht im Streit. Sondern leise. Resigniert. Und niemand hält mich auf. Niemand klatscht. Niemand versteht es falsch. Sie hören nur zu. Und sagen: „Okay.“ In dieser Welt könnte ich mich einfach hinlegen. Und eine Weile nicht funktionieren. Und alles wäre trotzdem gut. Weil ich nicht wertlos bin, wenn ich nichts mehr schaffe.
Aber ist es dann wirklich eine Dystopie? Oder vielleicht doch eine heimliche Utopie? Eine, in der ich nicht für meine Funktion geliebt werde, sondern einfach für mein Sein. Eine, in der "Nicht mehr können" kein Makel ist, sondern ein Anfang.
Funktionieren ist keine Heilung
Viele neurodivergente Menschen entwickeln erstaunliche Fähigkeiten im Maskieren, Strukturieren, Durchhalten. Doch diese Fähigkeiten sind oft keine Zeichen von Resilienz – sondern von Not.
Funktionieren ist das Gegenteil von Fühlen.
In Folge 5 [Ich funktioniere. Aber ich lebe nicht] habe ich beschrieben, wie sehr das äußere Bild täuschen kann. Wie sehr wir in der Lage sind, zu lächeln, zu helfen, zu leisten – während innerlich alles brennt.
Studien zu chronischer Stressbelastung bei Autismus und ADHS (z. B. Hirvikoski et al., 2016; Cage et al., 2018) zeigen: Die Wahrscheinlichkeit für Burnout, Depression und Suizidalität ist deutlich erhöht, wenn die Anpassungsleistung dauerhaft über das individuell Tragbare hinausgeht.
Wer immer noch funktioniert, ist oft nur noch nicht zusammengebrochen.
Für mich bedeutete das auch: Ich habe mich selbst immer wieder überholt. Ich war mit Schienen am Arm und schmerzverzerrtem Gesicht bei Elternabenden, in Gesprächen mit dem Jugendamt, bei "Pflichtveranstaltungen". Habe Kinder durch den Alltag begleitet, obwohl mein eigenes Nervensystem längst nur noch geflüstert hat: Pause. Bitte. Pause.
Und die Krönung: Ich wurde für meine Disziplin gelobt. Für meine Stärke. Für meine Belastbarkeit. Dabei war ich nicht stark. Ich war allein.
Wenn Aufgeben keine Option ist
Ich habe oft davon geträumt, alles hinzuschmeißen. Einfach nicht mehr aufzustehen. Die Verantwortung abzugeben. Mich hinzulegen, ohne zu denken. Aber der Gedanke war Luxus.
Denn wer Kinder hat, muss weitermachen. Wer chronisch krank ist, hat keine Puffer. Wer neurodivergent lebt, weiß: Wenn du dich nicht selbst regulierst, reguliert dich keiner.
Nicht aufgeben zu können ist kein Zeichen von Stärke – sondern ein Zeichen dafür, dass niemand da ist, der dich auffängt.
Und manchmal wünschte ich mir, es gäbe einen Ort, an dem ich sagen darf: "Ich kann nicht mehr" – ohne dass jemand denkt, ich sei gefährlich für mich oder andere. Ohne dass sofort Krisenpläne geschrieben werden. Sondern einfach nur, weil ich es spüren darf.
Ein solcher Moment war, als ich kurz nach dem Klinikaufenthalt zum Jugendamt musste, um zu erklären, dass ich trotz kaputtem Arm und systemischer Traumatisierung zuverlässig bin. Ich war ruhig. Ich war sachlich. Und ich war innerlich längst zerfallen.
Oder als ich mit letzter Kraft um Hilfe bat – und zu hören bekam: „Sie schaffen das doch immer.“ Ja. Weil ich nicht anders konnte. Nicht, weil es mir gut ging.
Zwischen Wollen und Müssen
Ich wollte eine gute Mutter sein. Gute Patientin. Gute Freundin. Und ich wurde: erschöpft.
Pflichten und Abhängigkeiten lassen wenig Raum für Nervensysteme, die Reizfilter wie löchrige Siebe haben. Für viele Menschen mit PDA (Pathological Demand Avoidance) bedeutet jede neue Aufgabe ein inneres Ringen mit Kontrollverlust.
Mut ist oft nur ein anderes Wort für: Ich hatte keine Wahl.
Traumaforscher:innen wie Janina Fisher oder Peter Levine beschreiben diesen Zustand als „funktionales Überleben“ – der Körper funktioniert, der Geist dissoziiert. Besonders häufig zeigt sich dieser Mechanismus bei Menschen mit komplexer Traumatisierung oder frühkindlicher Überforderung.
Ich kann mich erinnern, dass ich mal gesagt habe: "Ich bin nicht diszipliniert – ich bin verzweifelt." Und ich meinte es so.
Und dieser Zustand – dieses unaufhörliche Weiterlaufen – war nicht nur ein Ausnahmezustand. Er war Alltag.
Was ich gebraucht hätte
Ich hätte gebraucht, dass jemand bleibt, wenn ich nicht funktioniere.
Ich hätte gebraucht, dass Therapie nicht nach Zielen fragt, sondern nach dem Zustand.
Ich hätte gebraucht, dass jemand sagt: "Du darfst heute nichts leisten. Du darfst nur da sein."
Ich erinnere mich an einen Moment, in dem ich in der Klinik auf dem Flur saß, zwischen zwei Visiten, mit nassen Haaren und einem verschwitzten T-Shirt. Niemand sah mich an. Alle gingen vorbei. Und ich fühlte mich: durchsichtig.
Ich habe es satt, dass „Ich kann nicht mehr“ gleichgesetzt wird mit „Ich will nicht mehr“. Ich wollte immer. Aber ich konnte nicht. Und ich wünschte, das wäre genug gewesen, um ernst genommen zu werden.
Ich hätte gebraucht, dass man nicht auf meine Leistungsfähigkeit schaut, sondern auf meinen Schmerz. Dass nicht zählt, wie viele Aufgaben ich noch erledigen kann – sondern, wie sehr ich leide.
Wenn Aufgeben ein Tabu ist, bleibt nur das Still-Weiterkämpfen.
Ich bin nicht stark. Ich bin übrig.
Ich bin übrig geblieben, weil ich nicht wusste, wohin mit meinem Aufgeben. Weil ich nicht gelernt habe, dass Kapitulation kein Versagen ist – sondern manchmal die erste Form von Selbstmitgefühl.
Ich bin nicht stark. Ich bin noch da.
Und vielleicht ist das genug. Vielleicht ist das sogar alles, was gerade zählt.
Vielleicht ist genau dieses Dableiben – in der Müdigkeit, in der Scham, in der Sprachlosigkeit – die eigentliche Form von Widerstand.
Vielleicht ist „Ich kann nicht mehr“ der ehrlichste Satz in einem Leben voller Erwartungen.
[Zwischen Haltung und Haltlosigkeit – wenn Funktionieren kein Leben ist]
Vielleicht brauchst du heute nicht die Kraft, alles zu lösen. Vielleicht brauchst du nur jemanden, der dich sieht – so, wie du gerade bist. Ohne Maske. Ohne Kampf. Ohne Ziel.
Herzlich,
FliWi
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