© 2025 Lisa Widerek · Wenn jedes Licht zu grell, jedes Geräusch zu viel und jeder Stoff ein Widerstand ist.
Was ist Reizüberflutung?
Reizüberflutung – auch als sensorischer Overload bezeichnet – beschreibt einen Zustand, in dem das Gehirn nicht mehr in der Lage ist, die Vielzahl an gleichzeitig eintreffenden Sinneseindrücken effizient zu filtern, zu gewichten oder zu verarbeiten. Geräusche, Licht, Gerüche, Berührungen, visuelle Eindrücke und Bewegungen treffen dabei nicht gestaffelt oder geordnet ein, sondern wie ein unaufhörlicher Strom – alles ist gleich laut, gleich intensiv, gleich bedeutend. Für das betroffene Nervensystem entsteht daraus ein Gefühl des Überrolltwerdens.
Im neurotypischen Gehirn sorgt unter anderem das aufsteigende retikuläre Aktivierungssystem (ARAS) dafür, dass unwichtige Reize „heruntergeregelt“ werden. Es entscheidet mit darüber, was überhaupt bis ins Bewusstsein vordringt. Bei vielen neurodivergenten Menschen – etwa mit Autismus, ADHS oder sensorischer Verarbeitungsstörung – funktioniert diese Filterleistung jedoch anders oder nur eingeschränkt. Reize, die andere gar nicht wahrnehmen oder mühelos ausblenden, bleiben im System „hängen“ und verursachen eine chronische Anspannung.
Auch neurochemisch lassen sich Ursachen benennen: Störungen im Neurotransmitterhaushalt, etwa ein Ungleichgewicht von Dopamin, Noradrenalin oder Serotonin, beeinträchtigen die Regulation der Reizverarbeitung. Diese Botenstoffe spielen eine zentrale Rolle dabei, ob ein Reiz als relevant oder irrelevant eingestuft wird. Bei Dopaminmangel (wie oft bei ADHS) wird z. B. jeder Reiz gleich intensiv bewertet – das System kann nicht mehr priorisieren. Bei Autismus wiederum arbeitet die bottom-up-Verarbeitung oft stärker als die top-down-Kontrolle, was bedeutet: Rohdaten aus der Umwelt erreichen das Bewusstsein ungefiltert.
Bottom-up vs. Top-down: Was bedeutet das?
Die sogenannte bottom-up-Verarbeitung beschreibt die Art, wie Sinnesreize ungefiltert vom Körper ins Gehirn gelangen – also „von unten nach oben“. Jeder Reiz, egal ob wichtig oder nicht, wird aufgenommen und weitergeleitet. Die top-down-Kontrolle ist dagegen die Fähigkeit des Gehirns, diese Reize zu bewerten, zu sortieren und notfalls auszublenden – also „von oben nach unten“. Bei vielen neurodivergenten Menschen ist dieses Gleichgewicht gestört: Die bottom-up-Reize dringen stärker durch, während die top-down-Bewertung (z. B. durch den präfrontalen Kortex) weniger wirksam eingreift. Das führt dazu, dass scheinbar belanglose Reize nicht ignoriert werden können – sie bleiben im System und summieren sich.
Das Ergebnis ist eine Überforderung des gesamten Systems – nicht weil der Mensch schwach ist, sondern weil seine Wahrnehmung feiner, offener und weniger reguliert arbeitet. Overload ist keine psychische Schwäche. Es ist ein neurophysiologisches Signal, das sagt: „Es ist zu viel.“
Ursachen im Nervensystem
Warum nehmen manche Menschen die Welt so viel intensiver wahr – und warum kann das manchmal zur Qual werden?
Besonders bei neurodivergenten Menschen, also z. B. mit Autismus, ADHS, PDA oder Hochsensibilität, arbeitet das Nervensystem anders. Es verarbeitet Reize nicht „falsch“, aber abweichend von der Mehrheit. Und das kann dramatische Folgen haben – vor allem in Umgebungen, die für neurotypische Wahrnehmung designt sind.
Eine zentrale Rolle spielt dabei das ARAS-System (Formatio reticularis), ein Teil des Hirnstamms, das normalerweise wie ein interner „Türsteher“ fungiert: Es entscheidet, welche Informationen weiter ins Bewusstsein gelangen – und welche ausgeblendet werden können. Bei vielen Neurodivergenten funktioniert dieser Filter jedoch nicht effizient.
Reize, die andere automatisch ausblenden – etwa das Surren einer Lampe, ein sich wiederholendes Geräusch im Hintergrund oder das Kratzen eines Pullovers – bleiben voll bewusst und dauerhaft präsent.
Zugleich reagiert das Gehirn sensibler auf sensorische Informationen. Das bedeutet: Geräusche sind nicht nur laut – sie sind grell, körperlich spürbar, durchdringend. Licht ist nicht einfach hell – sondern flutend, blendend, invasiv. Berührungen können sich anfühlen wie Schmerz. Diese Überempfindlichkeit ist keine Einbildung, sondern neurologisch messbar.
Ein weiteres Problem ist die begrenzte Verarbeitungskapazität. Neurodivergente Gehirne verarbeiten Informationen oft tiefer, aber dafür auch langsamer oder weniger parallel. Wenn zu viele Reize gleichzeitig eintreffen, bricht das System irgendwann zusammen – vergleichbar mit einem Computer, der zu viele Tabs offen hat.
Reizüberflutung ist also kein Zeichen von Schwäche – sondern das Ergebnis eines anders funktionierenden, oft überforderten Wahrnehmungssystems, das eigentlich Hochleistung bringt – nur eben unter Bedingungen, die nicht für es gemacht wurden.
Welche Reize sind betroffen?
Reizüberflutung betrifft nicht nur „viel Lärm“ oder „flackerndes Licht“ – sondern oft ganz banale Dinge, die andere gar nicht registrieren. Es geht nicht um Lautstärke oder Intensität an sich, sondern darum, wie Reize verarbeitet werden. Was für viele nur Hintergrund ist, wird für ein neurodivergentes Gehirn zum Hauptprogramm. Und zwar nicht aus Überempfindlichkeit – sondern, weil der Filter fehlt, der Wichtiges von Unwichtigem trennt.
Jeder Sinneskanal kann betroffen sein. Manche Menschen reagieren besonders auf Geräusche, andere auf Licht, Gerüche oder bestimmte Stoffe. Und oft ist es nicht nur einer – sondern das Zusammenspiel mehrerer Reize, das das System kippen lässt. Im Folgenden zeige ich dir, wie sich das konkret anfühlen kann – aus meiner Sicht. Und vielleicht findest du dich in dem einen oder anderen Beispiel wieder. Oder verstehst jemanden besser, der es genau so erlebt.
Geräusche: leise, aber übermächtig
Es ist schwer zu erklären, wie sehr ein einzelnes Geräusch alles überdecken kann. Nicht, weil es objektiv laut ist – sondern weil es sich ins System schleicht und festsetzt. Für viele neurodivergente Menschen ist das Ticken einer Uhr kein harmloses Hintergrundgeräusch, sondern ein metronomartiger Störsender. Es reißt Aufmerksamkeit an sich, saugt Fokus ab, lässt Gedanken zerspringen. Und das Schlimmste: Man kann es nicht abschalten. Man hört es weiter, auch wenn man es nicht mehr hören will.
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Psychologin während meiner ADHS-Diagnostik. Sie sprach sehr langsam, das Thema war für mich aufgeladen – und im Raum tickte eine Uhr. Nicht besonders laut, nicht besonders schnell. Aber dieses gleichmäßige Geräusch wurde zur Zerreißprobe. Ich versuchte, mich zu konzentrieren. Zu antworten. Irgendwann brach es aus mir heraus: Ich bat sie, die Batterie aus der Uhr zu nehmen – weil ich das Ticken sonst nicht mehr ausgehalten hätte. Es war kein Wutanfall. Es war purer Reizschutz. Mein Nervensystem war längst im Alarmmodus – und das Ticken war der letzte Tropfen.
Oder das Atmen anderer Menschen – eigentlich unscheinbar. Aber wenn jemand neben mir durch den Mund atmet, leicht pfeifend, öffnet sich innerlich eine Art Reizsirene. Ich reagiere körperlich: Verspannung, Gänsehaut, Abwehr. Nicht, weil die Person etwas falsch macht – sondern, weil mein System es nicht filtern kann.
Auch elektronische Geräte – Ladegeräte, alte Fernseher, Netzteile – senden Geräusche aus, die andere nicht mal wahrnehmen. Für mich sind sie wie ein greller Lichtstrahl in akustischer Form. Ein Summen, das sich festkrallt, das im Ohr bleibt wie ein akustischer Juckreiz.
Es geht dabei nicht um Lärm. Es geht um das, was man nicht wegkriegt. Um Geräusche, die im System bleiben, sich summieren, nicht mehr rausgehen. Und genau das ist die Crux bei Reizüberflutung: Nicht, wie laut etwas ist – sondern wie unflüchtig.
Licht: grell, flutend, durchdringend
Licht ist nicht gleich Licht. Für viele neurodivergente Menschen ist es ein Reiz, der sich nicht einfach „sehen“, sondern spüren lässt. Und zwar tief. Es durchdringt. Es brennt. Es macht Druck. Besonders künstliches Licht – kalte LEDs, flackernde Neonröhren oder das blaue Leuchten von Bildschirmen – kann sich anfühlen wie ein grelles Sirren auf der Haut. Nicht selten körperlich unangenehm, manchmal sogar schmerzhaft.
Ich erinnere mich an Klassenzimmer, in denen das Neonlicht auf weißen Tafeln reflektierte – als würde jemand mit einem Spiegel in meine Augen zielen. Ich konnte mich kaum konzentrieren. Es fühlte sich an, als ob mein Gehirn permanent nach einem Schatten sucht, in dem es sich verstecken kann. Selbst heute, in Supermärkten oder Umkleidekabinen, überkommt mich manchmal eine Art innerer Fluchtreflex, weil das Licht alles zu „viel“ macht – zu laut, zu leer, zu grell.
Auch natürliches Licht ist nicht automatisch besser. Wenn die Sonne auf Metallflächen trifft oder durch schmutzige Scheiben gebrochen wird, entsteht ein Flimmern, das mich sofort rausreißt. Es macht unruhig. Nervös. Mein Körper verkrampft, mein Blick flüchtet – weil ich gar nicht anders kann. Das ist nicht dramatisch. Aber auch nicht egal.
Das Problem ist selten das Licht selbst – sondern dass ich es nicht ausblenden kann. Es bleibt im Vordergrund. Es will Aufmerksamkeit. Und ich muss mich permanent dagegen „entscheiden“, obwohl mein System dafür keine Kapazität hat. Das strengt an. Und manchmal ist allein das Licht der Grund, warum ich einen Raum wieder verlasse. Nicht, weil ich empfindlich bin – sondern, weil mein Nervensystem ehrlich ist.
Berührung: Wenn Stoffe sich wie Widerstand anfühlen
Berührung kann wunderschön sein – oder unerträglich. Viele neurodivergente Menschen erleben Kleidung nicht als neutrale Hülle, sondern als ständigen Reizgeber. Ein Etikett im Nacken kann sich anfühlen wie Schmirgelpapier, das bei jeder Bewegung reibt. Nasse Socken sind nicht einfach unangenehm – sie sind kaum auszuhalten, weil das feuchte, kalte Gefühl den ganzen Fokus einnimmt. Es ist, als würde der ganze Körper rufen: Mach das weg!
Zu enge Ärmel, falsche Nähte, grober Stoff – alles kann zu einem permanenten Reiz führen, den man nicht ausblenden kann. Mein Körper hört nicht auf meinen Verstand. Ich kann mir hundertmal sagen: "Das ist doch nur ein Pulli." Aber das hilft nicht. Denn die Reize kommen bottom-up – von der Haut direkt ins Nervensystem. Und mein System schreit: Fehlermeldung!
Berührung ist nicht gleich Berührung. Manche Stoffe fühlen sich klebrig, widerständig oder sogar schmerzhaft an. Ein T-Shirt, das sich für andere wie Baumwolle anfühlt, kann für mich wie ein Neoprenanzug wirken. Nicht, weil ich empfindlich bin – sondern weil mein System anders reagiert.
Und das betrifft nicht nur Kleidung: Haare im Gesicht, ein zu fester Händedruck, eine zufällige Berührung im Supermarkt – all das kann dazu führen, dass ich aus der Haut fahren möchte. Manchmal hilft nur Rückzug, manchmal eine Reizneutralisierung – z. B. ein bestimmter Stoff, den ich immer dabeihabe, um mich zu regulieren.
Berührung ist kein Randphänomen. Sie ist Teil der Weltwahrnehmung. Und sie kann entscheiden, ob ich mich in meiner Haut wohlfühle – oder permanent auf der Flucht bin.
Gerüche: unsichtbar, aber überwältigend
Gerüche sind heimtückisch. Sie kommen nicht mit Ankündigung. Sie schleichen sich an – unsichtbar, ungreifbar, unausweichlich.
Und wenn sie einmal da sind, bleiben sie. Nicht irgendwo im Raum, sondern direkt im Nervensystem.
Für viele neurodivergente Menschen sind Gerüche kein Beiwerk, sondern der Hauptfilm.
Ein Parfüm im Bus, die Mischung aus Putzmitteln im Treppenhaus, der Bratfettgeruch in der Imbissbude – all das kann sich anfühlen wie ein Schlag ins Gesicht. Nicht symbolisch, sondern körperlich: Kopfdröhnen, Übelkeit, fluchtartige Anspannung.
Ich selbst kann zum Beispiel keine Parfümerien betreten. Dieses Durcheinander aus Düften überfordert mein System so sehr, dass ich sofort raus will. Einmal hat mich eine Freundin im Urlaub regelrecht dazu gezwungen, tagelang mit ihr in solche Läden zu gehen, weil sie sich nicht entscheiden konnte, welches Parfüm sie wollte. Für sie war das Spaß. Für mich war es Reizfolter. Fast hätte es mir die ganze Reise verdorben.
Meine Strategie ist heute simpel: Wenn mir jemand ein Parfüm schenkt und ich mag es, benutze ich es – und kaufe genau dieses nach, wenn es leer ist. Ich suche nicht, vergleiche nicht, teste nicht. Ich weiß, was mein Nervensystem verträgt, und halte mich daran. Dasselbe bei Deos: immer der gleiche Geruch, alles andere bringt Unruhe.
Das Verrückte ist: Gerüche können sogar beeinflussen, ob ich Menschen mag oder nicht. Ein Duft kann Sympathie auslösen – oder Ablehnung, manchmal sofort. Nur bei einem Menschen ist es anders. Mein Lieblingsmensch könnte nach Kneipe oder Schweiß riechen – und trotzdem bleibt mein Nervensystem ruhig. Ich rieche ihn einfach nicht. Für mich ist das der größte Beweis dafür, dass Gerüche nicht nur Moleküle sind – sondern Resonanz.
Geschmack: mehr als nur „mag ich“ oder „mag ich nicht“
Geschmack ist nicht einfach Essen. Er ist Reiz, Erinnerung, manchmal auch Überforderung.
Für viele neurodivergente Menschen ist Essen kein neutrales Bedürfnis, sondern eine tägliche Auseinandersetzung mit Intensität, Konsistenz und Vorhersehbarkeit.
Ein unerwarteter Bissen – vielleicht ein Stück Zwiebel in der Soße oder eine unerwartet glitschige Textur – kann für mein Nervensystem wie ein Schock wirken. Mein Körper zieht sofort auf Alarm, noch bevor mein Kopf überhaupt eine Meinung hat. Das passt nicht. Das darf nicht rein.
Deshalb sind Safe Foods für viele so wichtig. Diese vertrauten Speisen, die man immer wieder essen kann, weil sie berechenbar sind. Sie beruhigen das System, weil man weiß, wie sie schmecken, wie sie sich anfühlen, wie sie im Mund liegen. Bei mir sind es bestimmte Gerichte, die fast schon ritualhaft dazugehören – nicht, weil ich unkreativ bin, sondern weil mein Körper darin Sicherheit findet.
Auch Getränke können eine Reizquelle sein: zu viel Kohlensäure, zu wenig Sprudel, ein bitterer Nachgeschmack – für andere kaum spürbar, für mich manchmal ein Grund, etwas stehen zu lassen. Und es hat nichts mit wählerisch sein zu tun. Es hat damit zu tun, dass mein System sofort rebelliert, wenn die Balance nicht stimmt.
Geschmack kann aber auch das Gegenteil sein: ein Rettungsanker. Manchmal reicht der erste Schluck von etwas Vertrautem – und mein Nervensystem fährt runter. Dann ist nicht nur der Hunger gestillt, sondern die innere Alarmanlage beruhigt.
Essen ist für mich kein Luxus, kein Genuss nebenbei. Es ist Sensorik in Reinform.
Und genau deshalb entscheidet Geschmack oft nicht nur, was ich esse – sondern auch, wie sicher ich mich in der Welt fühle.
Wie sich Reizüberflutung anfühlt
Reizüberflutung klingt abstrakt. In echt ist sie brutal konkret.
Sie fühlt sich nicht an wie ein „bisschen viel“. Sie fühlt sich an wie ein Systemabsturz.
Stell dir vor, du stehst in einem kleinen Raum, und auf einmal läuft auf allen Lautsprechern gleichzeitig Musik – verschiedene Lieder, verschiedene Lautstärken, keine Pause. Dein Gehirn versucht, Ordnung hineinzubringen, aber nichts lässt sich trennen. Alles dröhnt gleichzeitig. Genau so fühlt es sich an, wenn Reize nicht mehr gefiltert werden.
Oder wie ein Radio, das auf allen Frequenzen gleichzeitig sendet. Kein Sender lässt sich festhalten, kein Knopf schaltet es ab. Das Rauschen wird zum Dauerzustand – und mein Nervensystem brennt durch.
Manchmal ist es subtiler. Ich sitze im Gespräch, alles läuft normal – und dann kippt es. Die Stimmen verschwimmen, das Licht blendet stärker, jedes kleine Geräusch wird riesig. Es ist, als würde eine Schale überlaufen. Und ich weiß: Jeder weitere Tropfen bringt sie zum Überquellen.
Die Folgen? Reizbarkeit, Tränen, Flucht. Manchmal auch ein Blackout, in dem ich funktioniere, ohne noch präsent zu sein. Ein anderes Mal pure Erschöpfung – als hätte jemand den Stecker gezogen.
Das Schwierige: Von außen sieht man es oft nicht. Ich lache vielleicht noch, nicke, mache Smalltalk. Innen aber schreit mein System: Zu viel. Halt. Sofort.
Reizüberflutung ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist ein ehrlicher Alarm. Einer, der sagt: Dein Nervensystem kann nicht mehr. Und manchmal ist das einzige Richtige, diesen Alarm ernst zu nehmen – statt ihn zu übertönen.
Was hilft?
Reizüberflutung kann man nicht „wegtherapieren“. Sie ist kein Charakterfehler, den man mit mehr Disziplin in den Griff bekommt.
Aber man kann lernen, mit ihr zu leben.
Manchmal heißt das: Reize vermeiden, bevor sie eskalieren. Für mich sind Kopfhörer kein Lifestyle-Accessoire, sondern Rettungsring. Sonnenbrillen sind nicht Eitelkeit, sondern Schutz. Kleidung ohne Etiketten ist nicht Luxus, sondern Überlebensstrategie.
Es hilft auch, Orte zu haben, die nichts von mir wollen. Meine Safe Spaces. Das kann ein bestimmtes Zimmer sein, ein Platz im Auto, ein Stofftier, das nach mir riecht. Ein Ort, an dem keine Forderung im Raum steht.
Routinen sind ein weiteres Hilfsmittel. Nicht, weil ich so gerne nach Uhrzeit funktioniere – sondern weil Vorhersehbarkeit Sicherheit schafft. Wenn ich weiß, was kommt, bleibt meinem Nervensystem Kapazität.
Und wenn etwas Neues ansteht? Dann brauche ich Wege, es selbst zu starten – nicht auf Kommando.
Das Wichtigste aber ist vielleicht: Frühwarnzeichen erkennen.
Wenn ich merke, dass Geräusche klebriger werden, dass ich ungeduldig oder fahrig werde, weiß ich: Mein System läuft voll. Und wenn ich dann rechtzeitig eine Pause einbaue, muss es nicht zum Absturz kommen.
Reizschutz ist kein Komfortwunsch. Es ist Selbstfürsorge. Es bedeutet nicht: „Ich will mich anstellen.“
Es bedeutet: Ich will funktionieren, ohne daran kaputtzugehen.
Und im Alltag?
Reizschutz ist kein Luxus. Es ist kein „sich anstellen“. Es ist Überleben im Dauerbetrieb.
Trotzdem begegnen mir immer wieder Missverständnisse. „Wenn du ständig mit Kopfhörern rumläufst, gewöhnst du dich doch nie an die Geräusche.“
Meine Freundin Jana (so nenne ich sie hier) hat diesen Satz immer wieder gehört. Man wollte ihr einreden, dass sie ihre Empfindlichkeit nur schlimmer mache, wenn sie sich schützt. Aber das ist schlicht falsch. Reize vermeiden bedeutet nicht, dass man schwächer wird. Es bedeutet, dass das Nervensystem endlich Pausen bekommt – und dadurch wieder stabiler arbeitet. Wer dauernd überlastet ist, wird nicht abgehärtet. Er wird krank.
Ich selbst merke das besonders mit meinen Flare Calmer. Das sind kleine Filter, die keine Geräusche „wegmachen“, sondern die Spitzen rausnehmen – die schrillen, stechenden Frequenzen, die sich sonst wie Nadeln in mein Nervensystem bohren. Ich höre damit ganz normal weiter, kann Gespräche führen, Musik hören, mich orientieren. Aber die störenden Töne sind abgedämpft.
Nach einer gewissen Zeit passiert dann etwas Bemerkenswertes: Mein ganzer Körper fährt runter.
Ich spreche leiser, langsamer, ruhiger. Anfangs fällt mir das gar nicht auf. Erst später merke ich: Da ist plötzlich mehr Raum in mir.
Neurobiologisch ist das erklärbar: Das Nervensystem muss weniger Stressreize verarbeiten, die Amygdala schlägt weniger Alarm, der Vagusnerv kann wieder regulieren. Kurz: Das System verlässt den Dauer-Alarmmodus – und ich komme bei mir an.
Reizschutz ist also kein Rückzug ins Schneckenhaus. Er ist ein Reset-Knopf.
Und niemand sollte dir einreden, dass du kein Recht darauf hast.
Sensorische Besonderheiten sind kein Makel
Es ist leicht, nur über die Schattenseiten zu sprechen – über Überforderung, Fluchtreflexe, Zusammenbrüche. Aber Sensorik ist nicht nur Schwäche. Sie ist auch Stärke.
Viele neurodivergente Menschen haben ein unglaublich feines Gehör. Wir hören Nuancen, die andere überhören. Ich zum Beispiel erkenne am Klang, ob ein Gerät im Nebenraum noch am Strom hängt. Für andere ist das unbemerkt – für mich ist es Information.
Oder Gerüche: Während manche Menschen Düfte nur grob unterscheiden („blumig“ oder „herb“), kann ich winzige Unterschiede wahrnehmen. Ein Tropfen zu viel Vanille, und der ganze Duft kippt. Das ist kein Fluch – es ist eine Fähigkeit. Auch wenn sie manchmal anstrengend ist.
Manche von uns haben ein taktisches Gespür für Texturen. Wir merken sofort, wenn ein Stoff nicht „passt“ – aber wir können genauso in angenehmen Materialien versinken. Eine bestimmte Decke, ein sensorisches Spielzeug, ein Stück Stoff: Sie werden zu Ankern. Für mich sind das kleine Rettungsinseln, die mehr Stabilität geben, als jede To-do-Liste es könnte.
Und dann ist da das sensorische Gedächtnis. Ich erinnere mich nicht nur an Ereignisse – sondern an die Geräusche, Gerüche, Texturen, die damit verbunden waren. Ein Lied kann mich Jahre zurückwerfen. Ein Duft kann eine Erinnerung lebendig machen, die längst verblasst schien.
Sensorik ist keine Randnotiz unseres Lebens. Sie ist oft das Zentrum.
Sie macht die Welt lauter, intensiver, manchmal quälender – aber auch bunter, tiefer, detailreicher. Und genau das ist ein Teil unserer Identität: Wir spüren nicht weniger. Wir spüren mehr.
Fazit: Sensorik ist Sprache
Das, was andere nicht mal bemerken, kann für uns die ganze Welt verändern.
Ein leises Summen. Ein Duft im Vorbeigehen. Ein Stoff, der auf der Haut nicht stimmt.
Für viele wirkt das nebensächlich. Für uns ist es Sprache.
Eine Sprache, die erzählt, ob wir sicher sind oder im Alarm. Ob wir bleiben können oder fliehen müssen. Ob wir bei uns sind – oder schon längst überreizt.
Sensorik ist kein Defekt. Sie ist ein Warnsystem, ein Erinnerungsarchiv, manchmal auch ein Geschenk.
Sie zeigt uns Nuancen, die anderen entgehen. Sie macht uns empfindsam für das, was zwischen den Zeilen liegt. Sie verbindet uns mit der Welt – auch wenn sie uns manchmal von ihr trennt.
Ich glaube: Sensorik ist Ehrlichkeit.
Sie täuscht nicht. Sie spielt nichts vor. Sie ist der direkteste Ausdruck dessen, wie es uns wirklich geht.
Und vielleicht ist genau das die größte Wahrheit: Dass unsere Körper sprechen, auch wenn wir selbst keine Worte finden.
Sensorische Besonderheiten sind kein Makel. Sie sind Teil dessen, wer wir sind.
Nicht Schwäche. Nicht Übertreibung. Sondern unsere Art, die Welt zu erleben – roh, echt, ungekürzt.
Und am Ende bleibt genau das:
Sensorik ist keine Fußnote neurodivergenter Leben. Sie ist oft das Zentrum.
Und wer uns verstehen will, muss auch sie verstehen.
Herzlich,
FliWi
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