THERAPIE. ECHT JETZT. – Folge 5: Ich funktioniere. Aber ich lebe nicht

Veröffentlicht am 31. August 2025 um 10:00

© 2025 Lisa Widerek · Eine therapeutische Blogreihe über das, was in uns passiert, wenn wir für die Welt stabil wirken – aber innerlich längst kollabiert sind.

Zwischen Haltung und Haltlosigkeit

Ich bin pünktlich. Ich lache an der richtigen Stelle. Ich erledige meine Aufgaben. Ich schreibe strukturierte Nachrichten. Ich helfe anderen.

Und manchmal, wenn niemand hinsieht, sitze ich auf dem Boden meines Badezimmers, um einfach nur Luft zu holen.

Ich funktioniere – aber ich lebe nicht.


Maskieren – damit es niemand merkt

Masking bedeutet, das eigene Erleben so zu verbergen, dass es für andere unauffällig wirkt. Für viele neurodivergente Menschen ist es Überlebensstrategie – nicht Wahl.

Ich habe gelernt, was man von mir erwartet. Und ich liefere – bis ich innerlich zerfalle.

Das beginnt im Kindesalter. Autistische Kinder etwa werden für "angepasstes Verhalten" gelobt, während ihre realen Bedürfnisse übersehen werden. [Ich bin nicht zu viel – ich bin ganz]

Studien zeigen, dass Masking mit erhöhter Suizidalität, Angststörungen und Depressionen korreliert (Cage et al., 2018). Besonders betroffen sind Mädchen und Frauen sowie Menschen mit PDA-Profil.

Nach einer Diagnose beginnt oft der Moment der Dekompensation: Das jahrelange Maskieren wird bewusst – und das System bricht ein.

[Ich bin kein Bruchstück – ich bin ein Kunstwerk in Schichten]

Viele berichten, dass sich ihre Symptome nach der Diagnose zunächst verschlechtern. Warum? Weil die Maske fällt – und darunter die Erschöpfung sichtbar wird, die jahrelang kaschiert wurde. Was wie "Instabilität" aussieht, ist oft der erste echte Moment von Wahrheit.


Worte wie Watte – Sprache als Tarnung

Masking beginnt nicht erst beim Verhalten. Auch Sprache wird oft angepasst. Wir nutzen Phrasen, die gelernt sind. Wir sagen, was man hören will. Und verlieren dabei das, was wir eigentlich sagen wollten.

Sprache wird zur Maske. Und manchmal hören wir uns selbst nicht mehr.

[Ich bin nicht schwierig – ich bin ehrlich]


Die Erschöpfung danach

Masking ist kein Kostüm – es ist ein Muskelkrampf. Neurobiologisch betrachtet führt dauerhaftes Maskieren zu chronischer Aktivierung der Stressachsen: Hypothalamus, Hypophyse, Nebennierenrinde. Die Folge: Cortisolüberschuss, Erschöpfung, Immunprobleme.

Ich kann mich noch erinnern: Nach jeder "normalen" Woche mit Lächeln und Struktur brauchte ich Tage der Isolation. Kein Smalltalk. Kein Licht. Kein Reiz. Nur Überleben.

Ich brauche kein Wochenende – ich brauche einen Reset.

Und selbst wenn man diesen Rückzug bekommt – die Schuldgefühle bleiben. Weil man gelernt hat, dass Rückzug Schwäche bedeutet. Dabei ist er oft das einzige, was das Nervensystem schützt.

Das Nervensystem, sagt Stephen Porges, reguliert sich nicht durch Ruhe allein, sondern durch gefühlte Sicherheit (Polyvagal-Theorie). Und Sicherheit fühlt sich selten nach Alltag an, wenn der Alltag dich zwingt, jemand zu sein, der du nicht bist.

[Gefühle auf Standby – Was passiert, wenn Emotionen Zeit brauchen]


Stabil ist nicht gesund

Viele neurodivergente Menschen werden als "stabil" eingestuft. Sie wirken organisiert, eloquent, reflektiert.

Aber Stabilität ist oft ein Missverständnis:
Stabil bedeutet nicht, dass alles in Ordnung ist – sondern dass nichts entgleist. Noch nicht.

Das System funktioniert – aber es lebt nicht.

In der medizinischen und therapeutischen Praxis führt das zu fatalen Fehleinschätzungen: Menschen ohne sichtbare Krisen werden aus Programmen entlassen, obwohl sie längst im inneren Notstand sind. [Kein Zettel, kein Zugang – Wenn Hilfe nur mit Stempel funktioniert]

Der wahre Grad der Belastung ist oft nicht sichtbar – bis er eskaliert.


Der soziale Rebound – und warum Rückzug kein Luxus ist

Nach sozialen Interaktionen fühlen sich viele neurodivergente Menschen leer, reizüberflutet, emotional ausgebrannt. Dieser "soziale Kater" ist ein neurologisch erklärbarer Zustand, in dem das System auf Reizüberflutung reagiert – mit Abschaltung.

Ich war präsent – aber der Preis war mein Nervensystem.

Und oft wird das Rückzugsbedürfnis missverstanden. Als Desinteresse. Als Übertreibung. Dabei ist es Selbstschutz.

[Zwischen Glitzer, Grau und Geräusch – Wenn die Welt zu laut ist]


Was wirklich hilft

Echte Therapiebeziehungen brauchen Raum für das Unperfekte. Nicht "Wie geht's Ihnen?" sondern "Was halten Sie gerade zusammen?"

Hilfreich sind:

  • traumasensible, beziehungsorientierte Settings

  • Räume ohne soziale Leistungserwartung

  • Angebote, die Maskierung thematisieren und entlasten

Besonders wichtig: Der Mensch wird nicht überfordert, weil er sich öffnet – sondern entlastet, weil er sich nicht mehr verstellen muss.

[Ich glaube dir – Warum dieser Satz für neurodivergente Menschen mehr bedeutet als jede Therapie]


Was ich mir wünsche

Ich wünsche mir eine Welt, in der "gut funktionieren" kein Maßstab mehr ist.
Ich wünsche mir Räume, in denen wir nicht immer "okay" sein müssen, um gesehen zu werden.
Ich wünsche mir ein Gegenüber, das merkt, wenn mein Lächeln nicht echt ist – und bleibt.

Ich wünsche mir, dass Erschöpfung endlich als das gesehen wird, was sie ist: Ein System, das lange zu viel gehalten hat.

Reflexionsimpuls: Welche drei Anteile in dir brauchst du heute, um dich sicher zu fühlen – und welche davon hast du versteckt?


Kennst du das Gefühl, zu funktionieren, obwohl du innerlich längst kollabierst? Vielleicht hilft dir dieser Text, den Druck etwas abfließen zu lassen – und dir zu erlauben, auch mal nicht okay zu sein.

Herzlich,

FliWi


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