"Aber das hab ich doch nicht… oder?" – Wie Autismus bei Erwachsenen oft getarnt bleibt

Veröffentlicht am 20. August 2025 um 18:00

© 2025 Lisa Widerek · Ein Blick hinter die Masken neurodivergenter Identitäten.

Zwischen Selbstzweifel und Aha-Moment

"Ich dachte, ich hätte keine starren Routinen – bis mir auffiel, dass ich seit dem Auszug aus dem Elternhaus darauf bestehe, genau das Waschmittel zu kaufen, das meine Mutter schon in meiner Kindheit benutzt hat."

Was als vermeintliche Allergie begann, entpuppte sich als Schutzmechanismus: gegen Änderung, gegen Kontrollverlust, gegen das Gefühl innerer Unsicherheit. Und genau da beginnt das Missverständnis, das viele Erwachsene mit Autismus erleben: Die Diagnosekriterien scheinen nicht zu passen, weil wir gelernt haben, uns anzupassen.


Die Fragen, die uns stolpern lassen

"Halten Sie an festen Routinen fest?"
"Sprechen Sie Dinge nach?"
"Haben Sie Schwierigkeiten in sozialen Situationen?"

Klassische Diagnostik-Checklisten fragen oft nach Symptomen, nicht nach Zusammenhängen. Die Folge: Viele Erwachsene, vor allem Frauen und Menschen mit hoher kognitiver Anpassungsleistung, haken diese Fragen innerlich mit einem "Nein" ab – obwohl die Antwort ein "Jein" wäre.

Und manchmal liegt das Problem nicht in der Antwort – sondern in der Frage selbst.
Denn: Was bedeutet „oft“? „Sehr häufig“? „Selten“? Für viele neurodivergente Menschen beginnt hier die erste Überforderung: Wir nehmen Fragen wörtlich. Wir wollen exakt antworten. Und denken dann stundenlang darüber nach. Was zählt noch als „selten“? Wie viele Male pro Woche rechtfertigen ein „oft“?

Diese semantische Unsicherheit führt dazu, dass viele Menschen sich selbst nicht „typisch autistisch“ einordnen, obwohl ihre Alltagsrealität im Kern sehr wohl davon geprägt ist.


Was eigentlich gemeint ist – und wie es sich versteckt

 

Diagnostisches Merkmal Klassisches Bild Realitätsnahe Variante bei Erwachsenen
Starre Routinen Täglicher Ablauf nach Uhr Immer dieselbe Marke, Anzahl, Textur, Reihenfolge (z. B. 3 Deos, 1 Sorte Waschmittel)
Echolalie Lautes Nachplappern Ohrwurm mit einem einzigen Satz, inneres Nachsprechen von Dialogen oder Fragen
Soziale Interaktion Isolation, kein Blickkontakt Extreme Anpassung, übermäßige Reflektion, Smalltalk-Erschöpfung
Spezialinteressen Züge, Zahlen Psychologie, Serienanalyse, Sprache, Technik, Gesundheit – aber mit Hyperfokus
Sensorische Besonderheiten Ohren zuhalten bei Lärm Fixierung auf bestimmte Texturen, Ablehnung von Etiketten, Stoffen, Gerüchen
Probleme mit Übergängen Ausrasten bei Wechsel Emotionale Leere oder Übererregung bei Wochenanfang, Rückkehr aus Urlaub etc.
Kommunikationsprobleme Nicht sprechen Unfähigkeit, eigene Gefühle in Echtzeit zu benennen oder Mimik anderer richtig zu deuten
Empathieverarbeitung Mangel an Empathie Extrem hohe kognitive Empathie, aber Abgrenzung durch Überforderung oder Logikfilter
Bindungsprobleme Einsamkeit oder Abwehr Wunsch nach Nähe mit gleichzeitiger Überforderung, Rückzug nach emotionaler Nähe

                        


Innere Anzeichen, die selten gefragt werden

Viele autistische Merkmale äußern sich nicht über Verhalten, sondern über innere Prozesse:

  • Rollenspiel mit totaler Identifikation: Kinder, die stundenlang wie Sonic rennen, auch wenn sie stürzen. Erwachsene, die sich in Seriencharaktere hineinträumen.

  • Extreme Korrektheitsbedürfnisse: Sätze müssen "stimmen". Ungenaue Angaben fühlen sich wie Lügen an.

  • Wahrnehmung von Disharmonie: Asymmetrien, laute Muster, unausgewogene Farben können innere Unruhe auslösen.

  • Emotionale Bindung an Objektästhetik: Wenn ein neues Modell eines Autos "falsch" aussieht und der Verlust des alten echte Trauer auslöst.

    Als mein altes Auto – ein Kia Proceed GT – durch ein neues Modell ersetzt werden sollte, war ich erschüttert. Für andere kaum sichtbar, waren die Unterschiede für mich gravierend. Die rote Akzentlinie wirkte willkürlich, das harmonische Gesamtbild gestört, das neue Logo fand ich doof. Ich hatte bei der Aussicht echte Trennungsschmerzen. Nicht wegen des materiellen Werts – sondern weil mein Auto sich "richtig" anfühlt. Wie ein Teil von mir. Ich bin bereit enorme Kämpfe für dieses Auto in Kauf zu nehmen, denn es ist mein Safe Place!

  • Stimming, das nicht so aussieht: Ein spezifischer Ton beim Aufstehen, Grimassen als Selbstregulation, Reibebewegungen unter der Decke, Lippenkauen, Fingertippen, Singen.

  • Inneres Wiederholen: Gespräche mehrfach durchdenken, bevor und nachdem sie stattfinden.

  • Entscheidungen ohne Gefühl: Nur Logik. Kein "Bauchgefühl". Alles ist mühsam.

  • Paradoxe Flexibilität: Plötzliche Änderungen okay – aber nur, wenn man sie selbst bestimmt.

  • Hyperkontrolle bei Terminen: Termine blockieren das Denken – selbst kleine Verabredungen nehmen mentalen Raum ein.

  • Scham nach Reizüberflutung: Plötzliches Abbrechen eines Gesprächs oder Verlassen eines Raums – mit späterem Rückzug aus Scham.

  • Emotionale Erschöpfung nach sozialen Kontakten: Selbst nach schönen Treffen völlige Leere und Rückzugsbedürfnis.

  • Verlustangst durch Logik kompensieren: Wenn jemand nicht schreibt, wird die Situation logisch analysiert – um Gefühle zu vermeiden.

  • Kritikempfindlichkeit trotz kühlem Auftreten: Kleiner Tadel bleibt tagelang präsent, wird durchgearbeitet und oft fehlinterpretiert.

  • Vertrauen durch Verhaltenskonsistenz: Nicht das Gesagte, sondern das über längere Zeit gezeigte Verhalten zählt.

  • Der Weg von scheinbar gesund zu bekennend autistisch: Viele Betroffene funktionieren jahrelang scheinbar „gut“, haben aber diffuse Symptome wie Depression, Burnout, Reizbarkeit, psychosomatische Beschwerden. Erst durch eigene Recherche, Austausch in Foren oder ein Schlüsselereignis (wie das eigene Kind mit Diagnose) entsteht der Verdacht – und später die Erkenntnis: Ich habe mich selbst über Jahre nicht verstanden.


Warum die gängige Diagnostik oft versagt

Die meisten Diagnoseinstrumente für Autismus wurden an Kindern und männlichen Probanden entwickelt. Erwachsene Frauen, nicht-binäre Personen oder Menschen mit hoher Maskierungsleistung fallen durchs Raster.

Studien zeigen, dass Frauen mit Autismus durchschnittlich später diagnostiziert werden und häufiger fälschlich andere Diagnosen erhalten (Hull et al., 2020).

Die sogenannte "Camouflaging Hypothesis" beschreibt, wie Menschen über Jahre hinweg Strategien entwickeln, um sich neurotypisch zu verhalten – oft auf Kosten der psychischen Gesundheit (Lai et al., 2017).

Auch die Forscherin Devon Price spricht davon, dass "passing as neurotypical" zwar Sicherheit bieten kann, aber zu chronischer Erschöpfung und Identitätsverlust führt.

Zudem sind viele Fragebögen nicht geeignet für Menschen, die semantisch exakt denken. Wer sich bei Begriffen wie „oft“ oder „selten“ nicht auf sein Bauchgefühl verlässt, sondern lange überlegt, wie die Definition gemeint sein könnte, beantwortet Items anders – nicht aus Unehrlichkeit, sondern aus Genauigkeit.

Ein weiteres Problem: Die Fragen sind häufig auf sichtbares Verhalten bezogen – nicht auf kognitive oder emotionale Prozesse. Wer gelernt hat zu maskieren, zeigt diese Symptome oft nicht mehr nach außen. Das Innenleben bleibt unerkannt.

Und schließlich fehlen in vielen diagnostischen Settings individualisierte Nachfragen oder Raum für Erklärungen. Diagnosen brauchen Kontext – keine starren Kästchen.


Fazit: Wenn du denkst "Aber ich doch nicht..."

... dann liegt es vielleicht daran, dass du zu gut darin geworden bist, zu funktionieren.

Autismus ist kein festes Set an Symptomen. Es ist eine andere Art, zu verarbeiten. Und wenn du oft denkst: "Irgendwie bin ich anders" – aber keiner sieht es? Dann bist du nicht zu kompliziert. Dann war die Brille vielleicht nur zu unscharf.

Vielleicht bedeutet Autismus in deinem Fall nicht Rückzug, sondern Anpassungserschöpfung.
Vielleicht bedeutet es nicht auffallen, sondern sich selbst verlieren.
Vielleicht bedeutet es nicht, dass du Hilfe brauchst – sondern dass du begreifen darfst, warum du all die Jahre so viel Kraft gebraucht hast.

Wenn du dich hier wiederfindest, ist das kein Beweis – aber vielleicht ein Anfang. Vielleicht ist es der erste Schritt zurück zu dir.

Herzlich,
FliWi


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Kommentare

Laura Fries
Vor 3 Monate

Danke ❤️