THERAPIE. ECHT JETZT. – Folge 4: Gefühle, die keiner sehen will

Veröffentlicht am 24. August 2025 um 10:00

© 2025 Lisa Widerek · Eine therapeutische Blogreihe über das, was in uns passiert, wenn Emotionen nicht mehr unterdrückt werden können – und warum genau das manchmal heilsam ist.

 

Zwischen Ausbruch und Erlaubnis

Ich sitze in der Ecke des Therapieraums. Mein Körper angespannt wie ein Bogen, der kurz vorm Reißen ist. Die Stimme der Therapeutin klingt sanft, aber ich höre nichts. Nur das innere Dröhnen.

Und dann passiert es.

Nicht geplant. Nicht gewollt. Nur ehrlich:
Ich schreie. Ich weine. Ich verliere kurz die Kontrolle.

Und für einen Moment fühlt sich das an wie scheitern. Aber es ist das Gegenteil: ein Durchbruch.
Es ist der Moment, in dem sich etwas verschiebt – nicht in der Methode, sondern im Raum selbst. Ich war nicht mehr angepasst. Ich war anwesend.


Therapie ist kein Ort für gutes Benehmen

Wir alle kennen das Bild der „guten Patientin“: verständnisvoll, kooperativ, reflektiert.
Aber dieses Bild ist eine Illusion. Und es kann heilsame Prozesse verhindern.

Emotionen sind nicht immer leise. Heilung ist nicht immer höflich.

Wenn wir glauben, dass wir in Therapie nett und vernünftig bleiben müssen, maskieren wir – auch hier. Und genau das ist für viele neurodivergente Menschen Alltag.
Doch echte Veränderung passiert nicht durch gute Manieren. Sie passiert durch Wahrhaftigkeit.

[Ich bin nicht schwierig – ich bin ehrlich.]

Viele Therapiesettings sind unbewusst auf Anpassung ausgelegt – durch Sprache, durch Zeitfenster, durch implizite Erwartungen. In Wahrheit entsteht Vertrauen aber selten in einem normierten 50-Minuten-Zeitfenster – sondern oft dann, wenn wir ausbrechen dürfen. Wenn der Mensch hinter der Maske sichtbar wird.


Wenn Wut spricht, spricht die Ohnmacht

Viele von uns wurden früh darauf konditioniert, gewisse Gefühle zu unterdrücken. Wut war gefährlich. Panik war peinlich. Kontrollverlust war schwach.
Dabei sind genau diese Zustände oft Signale tieferer Prozesse.

Panik ist nicht das Problem. Sie ist der Ausdruck eines Nervensystems, das zu lange durchgehalten hat.

Neuropsychologisch betrachtet, durchlaufen wir in akuter Überforderung oft die Phasen von fight, flight, freeze oder fawn – gesteuert durch unser autonomes Nervensystem. Besonders bei Menschen mit Entwicklungstrauma, Autismus oder PDA reagiert dieses System häufig übermäßig sensibel.

Wut ist häufig ein Versuch, wieder Handlungsmacht zu gewinnen. Panik ist ein letzter Versuch des Systems, Sicherheit herzustellen.

Studien zeigen, dass unausgedrückte Emotionen somatisch gespeichert werden können (vgl. van der Kolk, „The Body Keeps the Score“, 2014). Gerade bei Menschen mit komplexer Traumatisierung oder neurodivergentem Erleben ist das emotionale Ausdrucksverhalten oft dysreguliert – nicht weil sie irrational sind, sondern weil ihr System chronisch überlastet ist.

[Zwischen Chaos und Klarheit: Wie mein Gehirn denkt – und warum das okay ist]


Wenn Räume Emotionen nicht aushalten

In vielen Therapieformen – besonders im Gruppensetting oder bei sehr kognitiv orientierten Ansätzen – fehlt der Platz für intensive Emotionen.
Stattdessen begegnet man Fragebögen, Zeitdruck und Bewertungen.

Und für Menschen mit Autismus, PDA oder ADHS ist genau das oft ein Reinszenieren alter Überforderungsstrukturen:

„Sei emotional – aber nicht zu sehr. Zeig dich – aber funktioniere dabei.“

Ein Forschungsteam um Linehan (DBT) betont, dass dysregulierte Affekte nicht durch Kontrolle, sondern durch Co-Regulation abgefangen werden müssen. Doch in normierten Therapieräumen fehlt oft die Beziehungstiefe dafür.

In solchen Momenten fühlt sich Therapie an wie Schule – nicht wie Begegnung.
Und Heilung wird unmöglich, wenn du dein Nervensystem auch noch in der Therapie kontrollieren musst.

[Kein Zettel, kein Zugang – Wenn Hilfe nur mit Stempel funktioniert]


Was ich gebraucht hätte

Ich erinnere mich an zwei Räume. In einem durfte ich zittern. Im anderen nicht mal atmen.
Beide waren Therapieräume. Aber nur einer davon war heilend.

Was ich gebraucht hätte?
Ein Gegenüber, das nicht erschrickt, wenn mein Schmerz laut wird.

Keine Bewertung. Keine Erziehung. Nur das stille Aushalten eines Moments, der in Worte nicht passt.
Die Therapeutin, die damals nichts sagte – aber da blieb – hat mehr bewirkt als jede Methode zuvor.

[Ich glaube dir – Warum dieser Satz für neurodivergente Menschen mehr bedeutet als jede Therapie]


Gefühle sind kein Defekt – sie sind Durchgang

Therapeutisch gibt es viele Wege, mit intensiven Emotionen umzugehen:
Emotionsfokussierte Verfahren, körperorientierte Methoden, Polyvagal-Theorie-basierte Ansätze.

Die Polyvagal-Theorie von Stephen Porges z. B. zeigt, wie wichtig Sicherheit für emotionale Regulation ist – nicht kognitive Einsicht. Der Vagusnerv spielt dabei eine zentrale Rolle bei der Vermittlung von Ruhe, Verbindung und Abwehrreaktionen.

Aber entscheidend ist nicht die Methode. Es ist die Haltung:
Bin ich willkommen, auch wenn ich gerade nicht nett bin?

Gefühle sind kein Zeichen dafür, dass etwas falsch läuft.
Sie sind das, was sich zeigt, wenn wir aufhören zu funktionieren.

[Ich bin nicht kalt – ich bin komplex]
[Gefühle auf Standby – Was passiert, wenn Emotionen Zeit brauchen]


Fazit: Ich bin nicht eskaliert – ich bin aufgebrochen

Vielleicht warst du nie hysterisch. Vielleicht warst du verletzt. Vielleicht warst du nie zu emotional – sondern zu lange allein mit dem, was keiner sehen wollte.

Heilung beginnt da, wo wir nicht mehr so tun müssen, als ginge es uns gut.

Wenn du dich jemals für deine Gefühle geschämt hast, dann darfst du wissen:
Du warst nie falsch. Vielleicht war nur niemand da, der dich halten konnte.


Hast du dich schon mal für deine Gefühle geschämt? Vielleicht hilft dir dieser Text, zu erkennen, dass genau diese Gefühle dein Wegweiser sind – nicht dein Fehler.

Herzlich,

FliWi


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