Solange es ein Drüben gibt

Veröffentlicht am 29. September 2026 um 12:37

Die erste Warnung kam über irgendein System, dessen Namen ich nicht kannte.

Eine dieser Durchsagen, bei denen alle anderen sofort wissen, was gemeint ist, während man selbst erst einmal aus den Gesichtern der Menschen abliest, ob man jetzt wirklich Angst haben muss.

Tornadowarnung.

Ich war auf einem Bundeswehrgelände. Warum genau, wusste ich nicht. Es war einfach selbstverständlich, dass ich dort war, genauso selbstverständlich, wie es in Träumen völlig normal ist, an einem Ort zu sein, an den man eigentlich nicht gehört.

Niemand diskutierte lange.

Wir gingen in eine große Halle, schlossen die Türen, verriegelten die Fenster und machten diese riesigen Scheunentore zu, die so massiv aussahen, dass man sich normalerweise wahrscheinlich keine Gedanken darüber machte, ob sie halten würden.

Dann kam der erste Tornado.

Ich sah ihn nicht einmal richtig kommen.

Draußen veränderte sich einfach die Welt.

Erst bewegten sich Dinge, die sich bewegen durften. Äste. Müll. Irgendwelches loses Zeug.

Dann bewegten sich Dinge, die sich definitiv nicht bewegen sollten.

Material.

Fahrzeuge.

Irgendwann sogar Panzer.

Panzer.

Ich weiß noch, dass ich dachte, dass eine Naturgewalt schon eine gewisse Dreistigkeit besitzen muss, wenn sie Dinge durch die Gegend wirft, die Menschen eigens dafür gebaut haben, möglichst unbeeindruckt von der Außenwelt zu sein.

Unsere Tore begannen zu schwanken.

Erst ein bisschen.

Dann so stark, dass ich sie ansah und dachte:

Die halten nicht.

Sie hielten.

Keine Ahnung, warum.

Vielleicht waren sie stabiler, als sie aussahen. Vielleicht hatten wir Glück. Vielleicht war das einfach die Regel dieses Tages: Alles durfte kaputtgehen, aber diese verdammten Tore blieben stehen.

Irgendwann war es vorbei.

Nicht vorbei vorbei.

Nur dieser eine Tornado.

Denn an diesem Tag kamen ständig neue.

Dazwischen entstanden kleine Zeitfenster, in denen die Welt für ein paar Minuten wieder so tat, als wäre sie normal.

Dann gingen wir raus.

Jemand holte irgendetwas.

Essen.

Getränke.

Was man eben holt, wenn draußen regelmäßig Panzer durch die Gegend fliegen und man trotzdem irgendwann Hunger bekommt.

Das fand ich erstaunlicherweise gar nicht besonders merkwürdig.

Menschen sind wahrscheinlich so.

Selbst der Weltuntergang muss sich irgendwie zwischen Frühstück und Abendessen einordnen.

Wir entwickelten sogar Humor.

Irgendwann versuchte jemand, mit einer Limousine auf das Gelände zu fahren.

Nicht mit einem normalen Auto.

Natürlich nicht.

Mit einer Limousine.

Das Gelände hatte eine ziemlich starke Steigung, das Auto war viel zu lang und setzte entsprechend auf.

Wir standen da und machten uns darüber lustig.

Um uns herum wurde die Landschaft regelmäßig von Tornados auseinandergenommen, aber irgendein Idiot hatte ein geometrisches Problem mit einer Limousine.

Prioritäten.

Zwischendurch wollten Menschen das Gelände verlassen.

Wochenende.

Sie wollten nach Hause.

Ich weiß nicht mehr, ob wir sie festhalten mussten oder nur versucht haben, sie davon zu überzeugen, dass es möglicherweise eine eher mittelmäßige Idee war, während einer Serie von Tornados den Heimweg anzutreten.

Aber ich verstand sie.

Das war das Absurde.

Natürlich war es gefährlich.

Natürlich war es vernünftiger, in der Halle zu bleiben.

Aber irgendwann wird aus Sicherheit Gefangenschaft.

Und ich kenne dieses Gefühl.

Solange man sich bewegen kann, gibt es Möglichkeiten.

Man kann eine falsche Entscheidung treffen und anschließend eine neue.

Man kann links gehen und feststellen, dass links scheiße war, und dann rechts gehen.

Man kann fallen und von dort aus überlegen, wie man wieder hochkommt.

Selbst eine schlechte Entscheidung verändert wenigstens den Punkt, von dem aus die nächste Entscheidung getroffen wird.

Stillstand dagegen hat etwas Endgültiges.

Eine Wand ist für mich schlimmer als ein falscher Weg.

Mit falschen Wegen kann ich umgehen.

Ich kann zurückgehen.

Neu rechnen.

Korrigieren.

Fluchen.

Weitermachen.

Nur gib mir verdammt noch mal irgendeinen nächsten Zug.

Dann fiel mir mein Kind ein.

Umgang.

Heute war Umgang.

Ich musste los.

Ich weiß nicht mehr genau, wie spät es war. Im Traum existierte Zeit ohnehin nur noch in den Lücken zwischen den Tornados.

Aber ich wusste plötzlich mit absoluter Sicherheit:

Du musst zu deinem Kind.

Ich griff nach meinem Handy.

Nichts.

Kein Netz.

Oder kaputt.

Oder leer.

Es spielte keine Rolle.

Ich konnte niemanden erreichen.

Und damit änderte sich die Situation vollständig.

Bis zu diesem Moment waren die Tornados ein Problem gewesen.

Ein ziemlich großes Problem, zugegeben.

Aber ein Problem, für das es eine vernünftige Lösung gab:

Drinnenbleiben.

Jetzt gab es plötzlich zwei Probleme.

Draußen waren Tornados.

Und irgendwo wartete mein Kind auf mich.

Das allein wäre schlimm genug gewesen.

Aber dann kam der Gedanke, der alles veränderte:

Es weiß nicht, dass hier Tornados sind.

Bei ihm waren sie gestern gewesen.

Heute nicht mehr.

Heute waren sie bei mir.

Es konnte also nicht sehen, was ich sah.

Es konnte nicht wissen, dass Panzer durch die Gegend flogen.

Es konnte nicht sehen, wie die Tore unserer Halle unter dem Wind ächzten.

Es konnte nicht wissen, dass Menschen davon abgehalten wurden, das Gelände zu verlassen.

Aus seiner Perspektive gab es keinen Tornado.

Aus seiner Perspektive gab es nur eine Mutter, die nicht kam.

Und plötzlich war mir die Halle unerträglich.

Ich wusste, dass es nicht meine Schuld war.

Natürlich wusste ich das.

Ich hatte den Tornado schließlich nicht bestellt.

Ich konnte vollkommen logisch erklären, warum kein vernünftiger Mensch jetzt dieses Gelände verlassen sollte.

Ich hätte jedem anderen gesagt:

Bleib verdammt noch mal da.

Aber Logik löst nicht jedes Problem.

Denn ein leerer Platz bleibt ein leerer Platz.

Ob jemand nicht kommt, weil er nicht will, oder weil draußen die Welt auseinandergerissen wird, macht für den leeren Platz zunächst keinen Unterschied.

Der Unterschied steckt in der Bedeutung.

Und mein Kind kannte die Bedeutung nicht.

Es konnte glauben, ich hätte mich entschieden, nicht zu kommen.

Dieser Gedanke war schlimmer als der Sturm.

Also ging ich.

Zu Fuß.

Im Nachhinein ist das wahrscheinlich der Punkt der Geschichte, an dem jeder vernünftige Mensch sagen würde:

Wie bescheuert kann man eigentlich sein?

Ziemlich bescheuert, offenbar.

Aber ich empfand es nicht als Mut.

Ich hatte auch nicht das Gefühl, besonders selbstlos zu sein.

Ich wollte einfach zu meinem Kind.

Das war mein Ziel.

Und sobald ein Ziel für mich wirklich Bedeutung bekommt, verändert sich meine Berechnung.

Ich frage dann nicht:

Wird das unangenehm?

Natürlich wird es unangenehm.

Ich frage:

Ist es mir das wert?

Das ist etwas anderes.

Ich habe in meinem Leben oft Dinge ausgehalten, von denen Menschen später gesagt haben, dass sie nicht verstehen, warum ich geblieben bin, weitergemacht habe oder noch einmal aufgestanden bin.

Vielleicht wirkt das von außen wie Selbstaufopferung.

So fühlt es sich für mich aber meistens nicht an.

Ich opfere mich nicht gerne.

Ich hasse es sogar, wenn Menschen über meine Zeit, meinen Körper, meine Energie oder meine Entscheidungen verfügen wollen.

Aber wenn ich etwas will, sieht die Sache anders aus.

Dann kann ich erstaunlich viel aushalten.

Nicht weil Schmerz mir nichts ausmacht.

Nicht weil Belastung plötzlich schön wird.

Sondern weil sie einen Ort im Koordinatensystem bekommt.

Da ist das Ziel.

Hier bin ich.

Dazwischen liegt der beschissene Weg.

Na schön.

Dann gehe ich eben.

Nagelbett.

Feuer.

Tornado.

Scheiß drauf.

Solange es ein Drüben gibt.

Ich lief.

Ich weiß nicht mehr, wie weit.

Straßen sahen nicht mehr aus wie Straßen. Überall lagen Dinge herum. Ich musste Umwege nehmen, klettern, ausweichen.

Und während ich lief, dachte ich immer wieder:

Es darf nicht glauben, dass ich nicht kommen wollte.

Nicht:

Ich muss beweisen, dass ich eine gute Mutter bin.

Nicht einmal:

Ich muss den Umgang unbedingt schaffen.

Sondern:

Es darf nicht glauben, dass es mir nicht wichtig genug war.

Das war der Satz.

Ich hätte damit leben können, den Umgang wegen eines Tornados zu verpassen.

Was ich kaum ertragen konnte, war die Vorstellung, dass mein Kind denselben Sachverhalt als Entscheidung gegen sich verstehen könnte.

Ich wollte ihm die fehlende Information bringen.

Wenn mein Handy sie nicht transportieren konnte, dann eben ich.

Mein Körper als verdammte Push-Nachricht.

Mama wollte kommen.

Das musste ankommen.

Irgendwann veränderte sich der Himmel wieder.

Ich kann dieses Gefühl bis heute beschreiben.

Dieses Wissen, dass etwas kommt, bevor man genau versteht, was.

Der Wind wurde stärker.

Irgendwo bewegte sich etwas.

Dann sah ich ihn.

Noch einen Tornado.

Und diesmal gab es keine Halle.

Keine schwankenden Tore.

Keine anderen Menschen.

Nur mich.

Ich rannte.

Natürlich rannte ich.

Was hätte ich sonst machen sollen?

Zurück konnte ich nicht.

Vor mir lag mein Ziel.

Hinter mir gab es keine Sicherheit mehr.

Und irgendwo in meinem Kopf existierte immer noch diese vollkommen wahnsinnige Überzeugung:

Du kommst da durch.

Nicht:

Dir passiert nichts.

Das glaube ich nämlich gar nicht.

Vielleicht ist das der Unterschied.

Ich bin nicht überzeugt davon, dass mir nichts passieren kann.

Ich bin überzeugt davon, dass ich mit dem, was mir passiert, irgendwie weiterkomme.

Dass es danach einen neuen Punkt gibt.

Eine neue Entscheidung.

Einen nächsten Zug.

Ich muss nicht unverletzt auf der anderen Seite ankommen.

Ich muss nur ankommen.

Der Tornado kam näher.

Ich rannte weiter.

Dann wachte ich auf.

Für ein paar Sekunden wusste ich nicht, wo ich war.

Kein Bundeswehrgelände.

Keine Halle.

Keine Panzer.

Kein Sturm.

Mein Schlafzimmer.

Morgenlicht.

Mein Körper schwer vom Schlaf und vom Medikament des Vorabends, mein Kopf voller Bilder, als hätte ich tatsächlich die ganze Nacht versucht, einem Tornado davonzulaufen.

Ich brauchte einen Moment, bis der entscheidende Satz in meinem Kopf ankam:

Es war nur ein Traum.

Später erzählte ich einem Psychologen davon.

Ich erzählte von der Bundeswehr, den Tornados und den Panzern. Von den Toren, die schwankten und trotzdem hielten. Von den Menschen, die trotz Sturm ins Wochenende wollten. Von der vollkommen bescheuerten Limousine, die an der Steigung hängen blieb.

Und schließlich davon, dass ich eine sichere Halle verlassen hatte, weil mein Kind möglicherweise glauben könnte, ich wolle nicht zu ihm.

Er hörte eine ganze Weile zu.

Dann sagte er nicht, Tornados stünden für dieses und Panzer für jenes. Zum Glück. Ich hätte vermutlich angefangen zu diskutieren.

Stattdessen fragte er:

„Was wäre denn das Schlimmste daran gewesen, den Umgang zu verpassen?“

„Dass mein Kind glaubt, ich hätte nicht kommen wollen.“

„Nicht, dass Sie ihn verpassen?“

Ich dachte darüber nach.

„Auch. Natürlich. Aber ich hätte ja gewusst, warum. Mein Kind nicht.“

Er nickte.

„Dann war der Tornado vielleicht gar nicht das eigentliche Problem.“

Und plötzlich verstand ich, warum dieser Traum sich so sehr nach mir angefühlt hatte.

 

Traumdeutung

Wenn ich den Traum heute deuten müsste, würde ich ihn nicht als Warnung vor einem Sturm verstehen. Ich würde ihn als ziemlich präzise Simulation meines eigenen Entscheidungssystems lesen. Die Tornados stehen dabei nicht für ein bestimmtes Ereignis; sie bilden eine Welt ab, in der äußere Kräfte größer sind als meine unmittelbare Kontrolle. Solange ich in der Halle noch eine sinnvolle Handlungsmöglichkeit habe – Türen schließen, warten, Essen holen, sogar lachen –, kann ich enorme Bedrohung aushalten.

Der Wendepunkt entsteht erst, als ein für mich tief verankertes Ziel betroffen ist und gleichzeitig Kommunikation und Handlungsmacht verloren gehen. Mein Kind könnte mein Fernbleiben als fehlenden Willen interpretieren. Damit wird aus äußerer Gefahr ein Konflikt mit meinem eigenen Selbstbild: Ich weiß, dass ich kommen will, kann diese Wahrheit aber nicht mehr vermitteln. Also verlasse ich sogar die Sicherheit.

Der Traum zeigt damit sowohl eine meiner größten Stärken als auch einen möglichen blinden Fleck: Ich bin nicht deshalb außergewöhnlich ausdauernd, weil Schmerz oder Gefahr mir wenig bedeuten. Meine Belastbarkeit steigt massiv, sobald ein Ziel intrinsisch, relational oder moralisch Teil meiner Identität geworden ist. Dann kann ich enorme Kosten als Preis eines selbstgewählten Weges akzeptieren. Besonders schwer ertrage ich dagegen Zustände, in denen ich keine Handlungsmöglichkeit mehr sehe.

Vielleicht lautet mein innerer Grundsatz deshalb nicht wirklich „Ich muss gewinnen“. Er lautet: „Ich brauche einen nächsten Zug.“ Solange es ein Drüben gibt, gehe ich weiter. Die entscheidende Frage ist nur, die ich mir immer wieder stellen muss: Liegt mein Ziel tatsächlich noch dort drüben – oder renne ich inzwischen nur noch durch den Sturm, weil Stehenbleiben sich für mich unerträglicher anfühlt als Weiterlaufen?


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