Safe Food – Warum ich monatelang das Gleiche esse… bis es plötzlich nicht mehr geht

Veröffentlicht am 19. April 2026 um 10:00

© Lisa Widerek 2026 · Charme & Chaos · Essen ist für viele etwas Alltägliches.
Für mich ist es ein Zusammenspiel aus Nervensystem, Überforderung, Kontrolle – und manchmal auch schlicht Überleben.


 


Wenn dein Lieblingsessen plötzlich falsch ist

 

Und wenn du AuDHS hast, kennst du das vielleicht: Du findest ein Essen – und dann ist es nicht einfach nur „lecker“. Es ist richtig. Es passt. Es überfordert dich nicht, es verlangt nichts von dir. Also isst du es wieder. Und wieder. Tage werden zu Wochen, Wochen zu Monaten. Es ist dein Go-to, dein Ruhepol, dein sicherer Punkt in einem Alltag, der oft schon genug ist. Und dann passiert etwas, das sich kaum greifen lässt: Es kippt. Nicht langsam, nicht mit Vorwarnung. Sondern plötzlich. Manchmal mitten im Essen. Ein Bissen – und auf einmal stimmt nichts mehr. Der Geschmack wirkt fremd, die Konsistenz unangenehm, der Gedanke daran reicht schon, um innerlich auf Abstand zu gehen. Was eben noch dein Lieblingsessen war, ist jetzt einfach nur… falsch. Und das Verrückteste daran ist: Du kannst es nicht erklären. Es gibt keinen klaren Grund, keinen „Auslöser“, den man benennen könnte. Von außen wirkt es irrational, vielleicht sogar übertrieben. Aber von innen ist es eindeutig. Dein System hat entschieden, dass es nicht mehr geht. Und egal, wie sehr du es logisch hinterfragst oder dir einredest, dass es doch „eigentlich noch schmecken müsste“ – der Zugriff ist weg. Genau das macht diesen Moment so schwer greifbar. Es ist kein „Ich will nicht mehr“. Es ist ein „Ich kann nicht mehr darauf zugreifen“.

 


Safe Food ist kein „Lieblingsessen“

 

Safe Food bedeutet nicht: „Das esse ich gern.“ Es bedeutet: Das funktioniert. Das ist ein Unterschied, den viele von außen nicht sehen – aber für mich ist er entscheidend. Es geht nicht darum, worauf ich Lust habe oder was mir besonders gut schmeckt. Es geht darum, was mein System gerade tragen kann. Safe Food ist vorhersehbar. Es überrascht mich nicht. Die Konsistenz ist gleich, der Geschmack ist gleich, der Ablauf ist klar. Keine Unsicherheit, keine zusätzlichen Reize. Und genau das macht es so wertvoll. Denn in einem ohnehin überlasteten Zustand wird Essen schnell zu einer weiteren Anforderung. Was koche ich? Wie lange dauert das? Habe ich alles da? Schaffe ich das gerade überhaupt? Fragen, die für andere banal sind, können sich für mein Nervensystem wie ein Berg anfühlen. Und genau hier greift Safe Food. Es reduziert. Es vereinfacht. Es nimmt Druck raus. Es sorgt dafür, dass ich überhaupt essen kann. Denn darum geht es im Kern: nicht um Genuss, nicht um Abwechslung, sondern um Regulation. Wenn mein Nervensystem schon am Limit ist, brauche ich keine zusätzliche Herausforderung auf dem Teller. Ich brauche etwas, das mich nicht noch weiter fordert. Und deshalb greife ich immer wieder zu dem, was sich sicher anfühlt. Nicht, weil ich mich nicht bemühe. Sondern weil mein System genau weiß, was gerade möglich ist – und was nicht.

 


Der volle Kühlschrank – und nichts geht

 

Eines der absurdesten Bilder von außen ist wahrscheinlich genau das: Ich stehe vor einem vollen Kühlschrank. Alles ist da. Wirklich alles. Ich habe Hunger, mein Körper braucht etwas – und trotzdem stehe ich da und kann nichts essen. Nicht, weil ich nichts will. Nicht, weil mir nichts schmeckt. Sondern weil sich nichts richtig anfühlt. Jede Option, die ich sehe, ist nicht einfach nur ein Lebensmittel. Es ist eine Entscheidung. Und jede Entscheidung bedeutet in diesem Moment Druck. Was nehme ich? Ist das jetzt das Richtige? Schaffe ich das überhaupt? Und genau dieser Druck ist das Problem. Besonders mit PDA reagiert mein System extrem empfindlich auf alles, was sich nach Erwartung oder Festlegung anfühlt. Selbst dann, wenn diese Erwartung von mir selbst kommt. Je hungriger ich werde, desto schlimmer wird es. Was eigentlich helfen sollte, verstärkt plötzlich den Zustand. Mein Körper schreit nach Energie – und mein Nervensystem macht dicht. Und irgendwann kippt es komplett. Ich verweigere. Nicht bewusst. Nicht trotzig. Nicht, weil ich mich entscheide, nichts zu essen. Sondern weil mein System sagt: Zu viel. In diesem Moment gibt es keinen Zugang mehr zu „einfach machen“. Kein „reiß dich zusammen“. Es ist, als würde jemand innerlich den Stecker ziehen, bevor ich überhaupt zugreifen kann. Und genau das macht es so schwer verständlich für andere – weil es von außen aussieht wie ein Verhalten, aber in Wirklichkeit ein Zustand ist.

 


Wenn Essen zur Eskalation wird

 

Ich erinnere mich an einen Tag, der das für mich perfekt beschreibt. Soester Allerheiligenkirmes. Viele Menschen, laut, eng, überall Reize. Zu viel von allem. Und ich hatte einen Plan: Backkartoffel. Ein klares Bild im Kopf, etwas Verlässliches mitten im Chaos. Ein kleiner Anker, der mir Sicherheit gegeben hätte. Aber es gab keinen Stand. Also habe ich umgeschaltet, ganz rational: Flammlachs. Das hätte funktioniert. Aber der Stand war voll, es war teuer, mein damaliger Mann wurde ungeduldig. Und dann kam dieser Satz: „Such dir einfach was anderes.“ Für viele harmlos. Für mein System der Kipppunkt. Plötzlich war da kein Spielraum mehr, nur noch Druck. Die Kinder wollten Pommes, also sind wir dort hin. Ich habe mich – schon innerlich angespannt – für Chili-Cheese-Pommes entschieden. 15 Minuten anstehen, während mein System längst am Limit war. Und dann: „Chili Cheese ist aus.“ In diesem Moment ist alles zusammengebrochen. Ich konnte nicht mehr umschalten. Kein neues Entscheiden, kein „dann nehme ich halt…“. Ich habe nicht diskutiert, nicht improvisiert – ich habe einfach angefangen zu weinen. Komplette Verweigerung. Meine Kinder haben mir immer wieder etwas angeboten, Pommes, später Churros. Ich konnte nichts annehmen. Erst im Auto, als mein System langsam wieder runtergefahren ist, als mir vor Hunger schon schlecht war, konnte ich die kalten Churros essen. Nicht, weil sie plötzlich perfekt waren. Sondern weil mein System endlich wieder Zugriff hatte.

 


„Du bist unmöglich“ – und was das mit mir macht

 

Was solche Situationen so schwer macht, ist nicht nur das, was in dem Moment passiert. Es ist das Danach. Diese Stille, in der plötzlich alles nachhallt. Und diese eine Stimme, die sofort da ist: Was stimmt eigentlich nicht mit dir? Ich habe mich dafür lange verurteilt. Für das „nicht können“, obwohl ich doch wollte. Für dieses Gefühl, zu kompliziert zu sein, zu empfindlich, zu viel. Es war nie nur die Situation selbst – es war immer auch das Bild, das danach von mir übrig blieb. Und ich habe erlebt, wie andere genau dieses Bild bestätigt haben. Wörter wie „unflexibel“, „anstrengend“, „übertrieben“ hängen schneller im Raum, als man sie selbst einordnen kann. Und irgendwann fängt man an, sie zu glauben. Nicht laut, sondern leise – aber konstant. Man hinterfragt sich, versucht, sich zusammenzureißen, sich anzupassen, irgendwie doch „normal“ zu funktionieren. Und scheitert immer wieder an genau den gleichen Punkten. Heute sehe ich das anders. Nicht plötzlich, nicht perfekt – aber klarer. Ich war nie „unmöglich“. Ich war nicht schwierig, nicht absichtlich kompliziert. Ich war überfordert. Mein System war am Limit, lange bevor es jemand gesehen hat. Und das, was nach außen wie Verhalten wirkt, war in Wirklichkeit ein Zustand, den ich selbst kaum kontrollieren konnte.

 


Was hilft – und was wirklich einen Unterschied macht

 

Heute ist mein Umfeld anders. Und das ist kein kleiner Unterschied, sondern ein entscheidender. Menschen wie mein bester Freund und MKAH haben gelernt, wie mein System funktioniert – nicht theoretisch, sondern in den Momenten, in denen es darauf ankommt. Sie diskutieren nicht, wenn ich kippe. Sie versuchen nicht, mir logisch zu erklären, warum etwas „doch gehen müsste“. Sie drängen mich nicht, treffen keine schnellen Lösungen über meinen Kopf hinweg. Sie regulieren. Und genau das ist der Punkt, an dem sich alles verändert. Denn bevor irgendetwas funktionieren kann, muss mein Nervensystem wieder runterfahren. Erst dann entsteht überhaupt wieder Zugriff. Und dann passiert etwas, das von außen unscheinbar wirkt, für mich aber alles ist: Sie stellen mir etwas hin. Keine zehn Optionen, keine Auswahl, keine Frage wie „Was willst du denn?“. Einfach eine Möglichkeit. Etwas, das da ist, ohne Druck. Und ich habe gelernt, dass ich nicht sofort reagieren muss. Ich muss nicht in diesem Moment entscheiden, nicht „funktionieren“, nicht liefern. Ich darf warten. Denn diese PDA-Verweigerung ist kein Dauerzustand. Sie fühlt sich absolut an – ist es aber nicht. Sie löst sich wieder auf. Und oft passiert dann etwas, das früher für mich unverständlich war: Ich kann genau das essen, was vorher unmöglich war. Nicht, weil ich mich überwunden habe, sondern weil mein System wieder Zugriff hat. Und genau das ist der Unterschied zwischen Druck und Verständnis.

 


Meine Geschichte mit Essen war nie „einfach“

 

Safe Food ist nicht das erste Thema, das ich mit Essen habe. Eigentlich war Essen bei mir nie einfach. Ich hatte so ziemlich alles, was man sich darunter vorstellen kann: Bulimie. Binge Eating bis zur körperlichen Grenze. Sport-Anorexie. Klassische Magersucht – ohne je ins Untergewicht zu kommen. Dazu ein verzerrtes Selbstbild und jahrelanges Masking. Ich war „die lustige Dicke“. Die, die alles mit Humor nimmt, die sich selbst nicht so ernst nimmt, die funktioniert. Nach außen stark, witzig, unkompliziert – und innerlich komplett im Kampf mit sich selbst. Essen war nie nur Essen. Es war Kontrolle, Kompensation, Bewältigung. Irgendwann habe ich über 70 Kilo abgenommen. Gesund, strukturiert, diszipliniert. Ich habe mich mit Ernährung beschäftigt, habe aufwendig gekocht, frisch, abwechslungsreich. Ich konnte planen, vorbereiten, kombinieren. Ich habe nahezu alles gegessen, war flexibel, offen, scheinbar „normal“ im Umgang mit Essen. Und lange dachte ich, ich hätte es damit hinter mir. Als hätte ich dieses Kapitel abgeschlossen. Aber das stimmt so nicht. Denn was sich verändert hatte, war mein Verhalten – nicht mein System. Und als die Belastung wieder gestiegen ist, als Überforderung dazu kam, hat sich genau das gezeigt. Nicht in der gleichen Form wie früher. Aber deutlich genug, um zu merken: Das Thema war nie weg. Es hat nur anders ausgesehen.

 


Warum ich plötzlich nur noch Burger gegessen habe

 

Mit steigender Belastung wurde alles wieder enger. Dinge, die vorher selbstverständlich waren, haben plötzlich angefangen zu kippen. Kochen wurde zu viel. Nicht, weil ich es verlernt hätte oder keine Lust mehr hatte, sondern weil es zu viele Schritte waren. Zu viele kleine Entscheidungen, die sich in meinem Kopf aufgestaut haben. Was koche ich? Habe ich alles da? Wie lange dauert das? Schaffe ich das gerade überhaupt? Für viele sind das normale Abläufe – für mein System wurde daraus ein Druck, der sich irgendwann nicht mehr tragen ließ. Und genau in diesen Momenten, in meinen Meltdowns, gab es plötzlich nur noch eine Option: Burger. Immer wieder das Gleiche, immer wieder das, was funktioniert hat. Alles andere war falsch. Nicht geschmacklich, nicht rational – sondern auf einer Ebene, die sich nicht erklären lässt. Mein System konnte es nicht verarbeiten. Es ging nicht darum, was ich mochte oder was „besser“ gewesen wäre. Es ging darum, was überhaupt noch möglich war. Und das war in diesen Momenten genau dieses eine Essen. Nichts anderes. Kein Ausweichen, kein Improvisieren, kein „dann nehme ich halt…“. Und das ist der Punkt, der oft missverstanden wird. Von außen wirkt es wie ein Rückfall, wie ein Rückschritt in alte Muster, vielleicht sogar wie fehlende Disziplin. Aber das war es nicht. Es war kein Zurückfallen – es war ein Anpassen. Eine Form von Regulation. Mein System hat nicht versagt. Es hat sich geschützt.

 


Shutdown und „Beige Food“

 

Im Shutdown wurde es noch klarer. Nicht nur dass ich kaum noch gekocht habe – sondern warum mein System genau das gebraucht hat. Kochen ist kein einzelner Schritt, sondern ein ganzer Prozess. Planen, vorbereiten, timen, abschmecken, reagieren. Zu viele Ebenen gleichzeitig. Und genau diese Fähigkeit bricht im Shutdown weg. Es geht nicht mehr darum, ob ich etwas will – sondern ob mein System überhaupt noch Zugriff darauf hat.

Und hier wird verständlich, warum ich bei Beige Food lande. Studien zeigen, dass ein großer Teil autistischer Menschen – etwa 60–80 % – deutliche sensorische Präferenzen beim Essen haben. Das Gehirn versucht unter Belastung, Reize zu reduzieren. Und Beige Food macht genau das: es ist vorhersehbar.

Typische Beispiele sind Dinge wie Toast, Brötchen, Nudeln mit wenig Soße, Pommes, Kartoffeln, Reis, Cracker, trockene Snacks oder auch einfache Fertiggerichte. Lebensmittel, die gleich aussehen, gleich schmecken und sich gleich anfühlen. Keine Überraschungen, keine wechselnden Konsistenzen, keine intensiven Geschmäcker.

Und genau deshalb fallen Dinge wie Obst und Gemüse raus – obwohl ich sie liebe. Eine Erdbeere schmeckt nie wie die nächste. Eine Paprika kann knackig sein oder weich, süß oder bitter. Für ein überlastetes System ist das nicht „Abwechslung“, sondern Unsicherheit.

Im Shutdown geht es nicht mehr um ausgewogene Ernährung.
Es geht um Zugänglichkeit und Reizreduktion.

Was bleibt, sind wenige, sichere Optionen. Nicht, weil sie „besser“ sind – sondern weil sie funktionieren.
Und das ist kein Rückschritt. Das ist Anpassung.

 


Warum ich im Shutdown so viel Süßes wollte

 

Ein Punkt, der oft missverstanden wird, ist dieses starke Verlangen nach Süßem. Von außen wirkt es schnell wie fehlende Disziplin oder „einfach schlechte Gewohnheiten“. Aber das ist es nicht. Das ist Biologie. Wenn dein Nervensystem dauerhaft im Stress ist, verändert sich dein gesamter Energiehaushalt. Dein Körper braucht in solchen Phasen vor allem eines: schnell verfügbare Energie. Und genau das liefert Zucker. Ohne Vorbereitung, ohne großen Aufwand, ohne zusätzliche Hürden. Aber es geht nicht nur um Energie. Süßes wirkt auch direkt auf dein Nervensystem. Es aktiviert Belohnungssysteme im Gehirn, setzt Dopamin frei und kann Stressreaktionen kurzfristig dämpfen. Es reguliert. Nicht langfristig, nicht nachhaltig im klassischen Sinne – aber in genau dem Moment, in dem dein System überlastet ist, kann es einen Unterschied machen. Und genau deshalb hatte ich im Shutdown so starkes Verlangen danach. Nicht, weil ich „schwach“ war oder mich nicht im Griff hatte, sondern weil mein Körper genau das eingefordert hat, was ihm kurzfristig hilft. Schnell. Einfach. Verlässlich. Dinge, die in diesem Zustand entscheidend sind. Heute, wo mein System wieder stabiler ist, hat sich das deutlich verändert. Dieses permanente Bedürfnis nach Süßem ist weniger geworden, fast leise im Hintergrund verschwunden. Und genau das zeigt für mich den Unterschied: Es war nie ein Charakterproblem. Es war ein Zustand.

 


Und jetzt?

 

Jetzt, wo ich aus dem Shutdown raus bin, verändert sich wieder etwas. Nicht schlagartig, nicht perfekt – aber spürbar. Dinge, die vorher nicht zugänglich waren, kommen langsam zurück. Ich esse wieder ausgewogener. Ich mache mir Salate, schneide Gemüse, kombiniere wieder mehr als zwei Komponenten auf einem Teller. Ich koche wieder. Nicht jeden Tag aufwendig, nicht immer mit Leichtigkeit – aber mit Zugriff. Und genau das ist der Unterschied. Es geht nicht darum, ob ich kann im klassischen Sinne. Sondern darum, ob mein System es gerade zulässt. Und jetzt lässt es wieder mehr zu. Ich kann Neues ausprobieren, ohne dass es sich sofort wie ein Risiko anfühlt. Ich kann Entscheidungen treffen, ohne dass sie mich blockieren. Dinge, die im Shutdown unmöglich waren, sind wieder erreichbar. Nicht, weil ich mich mehr anstrenge – sondern weil mein Nervensystem wieder Kapazität hat. Und trotzdem ist etwas geblieben. Etwas, das ich vorher so klar nicht hatte: Verständnis für mein eigenes System. Ich erkenne schneller, wann es kippt. Ich merke früher, wenn etwas zu viel wird. Und ich weiß inzwischen, dass es nicht darum geht, dagegen anzukämpfen, sondern mitzugehen. Nicht immer, nicht perfekt – aber bewusster. Und genau das verändert mehr als jede „Disziplin“ es je könnte.

 


Und noch etwas, das für mich wichtig ist

 

Süßes ist für mich keine Mahlzeit. Das klingt erstmal banal, fast wie eine persönliche Vorliebe. Aber dahinter steckt mehr. Milchreis, Crêpes, Dampfnudeln – für viele sind das ganz normale Hauptgerichte. Für mich nicht. Für mich ist das Nachtisch. Punkt. Und mein System lässt da keine Verhandlung zu. Das hat nichts mit Geschmack zu tun oder damit, dass ich es nicht mögen würde. Es ist eine klare innere Zuordnung, die sich nicht flexibel verschieben lässt. Und genau hier zeigt sich etwas sehr Typisches im Autismus: Regelrigidität. Mein Gehirn arbeitet stark in festen Kategorien. Dinge haben ihren Platz, ihre Funktion, ihre Bedeutung. Und wenn etwas einmal einsortiert ist, bleibt es dort. Süß ist Nachtisch. Herzhaft ist Essen. Diese Struktur gibt Sicherheit, Orientierung, Vorhersehbarkeit. Aber sie ist eben auch nicht beliebig veränderbar. Selbst wenn ich rational weiß, dass Milchreis „eine Mahlzeit sein kann“, fühlt es sich für mich nicht so an. Und dieses Gefühl ist stärker als jede Logik. Ich kann mich nicht einfach umentscheiden und sagen: „Heute ist das anders.“ Mein System akzeptiert das nicht. Und genau das ist ein Punkt, der oft missverstanden wird. Von außen wirkt es wie Starrheit oder unnötige Einschränkung. Von innen ist es Struktur. Etwas, das Halt gibt – gerade in Phasen, in denen ohnehin vieles unsicher ist. Und auch das gehört dazu, wenn man sein eigenes System versteht: nicht alles muss flexibel sein, um richtig zu sein.

 


Vielleicht ist das Wichtigste daran…

 

Und vielleicht ist genau das der Punkt, der am Ende zählt: nicht alles „richtig“ zu machen, sondern sich selbst besser zu verstehen. Nicht gegen das eigene System zu arbeiten, sondern zu lernen, wie es funktioniert. Essen ist für mich kein simples Bedürfnis. Es ist ein Zusammenspiel aus Reizen, Regulation, Erfahrung und manchmal auch Überforderung. Und je mehr ich verstehe, warum ich in bestimmten Momenten so reagiere, desto weniger muss ich mich dafür verurteilen. Es wird nicht immer leicht sein. Aber es wird verständlicher. Und das verändert alles.

Wenn du dich in Teilen davon wiedererkennst, dann nimm das nicht als Problem, das du lösen musst – sondern als Hinweis darauf, dass dein System gerade etwas braucht. Vielleicht nicht Perfektion. Vielleicht nicht Disziplin. Sondern Verständnis.

Herzlich,
FliWi


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