© 2026 Lisa Widerek · Charme & Chaos · Luzides Träumen klingt oft nach Superkraft, Internet-Mythos oder spirituellem Spezialeffekt. Für viele neurodivergente Menschen hat es mit all dem erstaunlich wenig zu tun – und viel mehr mit Wahrnehmung, Schlaf, innerer Wachheit und dem Versuch, im eigenen System Orientierung zu finden. Dieser Artikel ist keine magische Erfolgsanleitung, sondern ein ehrlicher Blick darauf, was luzides Träumen wirklich ist, warum klassische Tipps oft ins Leere laufen und wie ein ND-gerechter Zugang aussehen kann: sanft, machbar und ohne Zwang.
Der Moment, in dem ein Traum zurückguckt
Ich erinnere mich an diesen einen Traum nicht mehr komplett. Nur an den Moment, in dem etwas gekippt ist.
Vorher war ich einfach drin.
Mitten in einer Szene, die sich im Traum völlig logisch angefühlt hatte. Ich lief, reagierte, fühlte. So wie man das in Träumen eben tut: ohne zu hinterfragen, warum plötzlich ein Raum anders aussieht, warum eine Person gleichzeitig vertraut und falsch wirkt oder warum etwas Bedrohliches sich anfühlt, als käme es direkt aus dem eigenen Nervensystem.
Und dann war da dieser Bruch.
Nicht groß. Nicht filmreif.
Eher wie ein leiser Riss in der Oberfläche.
Ein Gedanke, der nicht ganz in den Traum passte:
Moment mal. Irgendetwas stimmt hier nicht.
Genau das ist für mich der Punkt, an dem luzides Träumen anfängt. Nicht bei Kontrolle. Nicht bei fliegenden Kunststücken oder dem perfekten Steuern ganzer Welten. Sondern bei diesem winzigen inneren Aufwachen. Bei dem ersten Moment von Erkennen.
Und nein – das ist kein magisches Talent. Aber auch nichts, was man einfach mal eben mit drei TikTok-Hacks erzwingt.
Luzides Träumen bedeutet im Kern, dass dir im Traum bewusst wird, dass du träumst. Mehr erst einmal nicht. Alles andere – Einfluss, Steuerung, Klarheit, Stabilität – kann dazukommen, muss aber nicht.
Gerade für neurodivergente Menschen ist dieser Zustand oft gleichzeitig näher und schwieriger erreichbar. Näher, weil viele unserer Gehirne ohnehin ständig mitprüfen, mitbeobachten, Muster suchen und Unstimmigkeiten registrieren. Schwieriger, weil genau dieses System auch schneller kippen kann: in Überreizung, Aufwachen, Kontrollverlust oder Angst.
Vielleicht ist das der wichtigste Einstieg überhaupt:
Luzides Träumen ist nicht in erster Linie eine Technik. Es ist ein Moment von Bewusstheit in einem Zustand, der normalerweise einfach über dich hinwegrollt.
Und für manche von uns fühlt sich genau das nicht nach Spielerei an – sondern nach etwas, das das eigene Nervensystem sofort ernst nimmt.
Was luzides Träumen wirklich ist (und was nicht)
Wenn man „luzides Träumen“ googelt, bekommt man ziemlich schnell ein sehr klares Bild vermittelt:
Menschen, die durch Städte fliegen, ihre Traumwelt formen wie ein Videospiel und scheinbar völlige Kontrolle über alles haben.
Das klingt beeindruckend.
Ist aber… nur ein Teil der Realität. Und oft nicht mal der typische.
Luzides Träumen bedeutet erst einmal nur:
Du weißt im Traum, dass du träumst.
Nicht mehr. Nicht weniger.
Das heißt nicht automatisch, dass du alles steuern kannst.
Nicht, dass du ruhig bleibst.
Nicht, dass der Traum stabil bleibt.
Viele luzide Träume sind kurz. Fragil.
Ein paar Sekunden Klarheit – und dann wachst du auf. Oder der Traum kippt wieder zurück in dieses automatische „Mitlaufen“.
Studien gehen davon aus, dass etwa 70–80 % der Menschen mindestens einmal im Leben einen luziden Moment erleben.
Regelmäßig gelingt das aber nur etwa 10–20 %.
Das ist wichtig, weil es direkt etwas entzaubert:
Es ist nichts Exklusives. Aber auch nichts, was einfach dauerhaft verfügbar ist.
Gerade für neurodivergente Menschen kommt noch etwas dazu:
Unser Gehirn arbeitet oft ohnehin mit mehreren Ebenen gleichzeitig.
Wir denken, beobachten uns selbst beim Denken und analysieren Situationen parallel. Dieses „Mitlaufen“ einer zweiten Ebene verschwindet im Schlaf nicht komplett.
Deshalb passiert dieser Moment von
„Warte mal… das ergibt keinen Sinn“
bei manchen von uns tatsächlich öfter.
Aber genau hier liegt auch die Schwierigkeit:
Dieses Erkennen bringt sofort Aktivierung ins Nervensystem.
Herzschlag hoch. Aufmerksamkeit hoch.
Und genau das kann den Traum instabil machen.
Deshalb ist die Realität oft weniger spektakulär, aber ehrlicher:
Luzides Träumen ist kein Zustand voller Kontrolle.
Es ist ein kurzer Moment von Klarheit
in einem System, das eigentlich nicht dafür gemacht ist, stabil bewusst zu bleiben.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum so viele Anleitungen daran vorbeigehen.
Warum neurodivergente Gehirne hier besondere Voraussetzungen haben
Es gibt dieses Bild, das ich immer wieder benutze, weil es sich einfach richtig anfühlt:
Ein Raum voller Fernseher.
Alle laufen gleichzeitig.
Unterschiedliche Programme. Unterschiedliche Lautstärken.
Und du sitzt nicht davor und wählst bewusst aus – du bist mittendrin.
So fühlt sich mein Kopf oft an.
Und genau dieses Prinzip hört im Schlaf nicht einfach auf.
Neurodivergente Gehirne verarbeiten anders.
Nicht schlechter. Nicht falsch.
Aber intensiver, vernetzter und oft weniger gefiltert.
Das bedeutet:
Wir nehmen mehr wahr.
Wir speichern mehr Details.
Und wir haben oft mehr „offene Schleifen“, die tagsüber nicht komplett zu Ende gedacht oder gefühlt werden konnten.
Und genau diese Schleifen tauchen nachts wieder auf.
Für luzides Träumen hat das zwei Seiten.
Auf der einen Seite entsteht ein Vorteil:
Unser System ist gut darin, Muster zu erkennen.
Unstimmigkeiten fallen schneller auf.
Logikfehler im Traum wirken „lauter“.
Dieses Gefühl von
„hier stimmt etwas nicht“
kommt oft früher.
Das ist genau der Moment, der luzides Träumen möglich macht.
Aber – und das ist der Teil, den viele nicht mitdenken:
Unser Nervensystem ist auch schneller überfordert.
Wenn dieser Klarheitsmoment kommt, passiert nicht nur Erkenntnis.
Es passiert Aktivierung.
Der Traum wird intensiver.
Gefühle werden stärker.
Und das System reagiert, als wäre etwas „Wichtiges“ passiert.
Das kann dazu führen, dass:
– du sofort aufwachst
– der Traum instabil wird
– oder das Ganze in Angst kippt, statt in Kontrolle
Gerade bei ADHS, Autismus oder PDA kommt noch etwas dazu:
Kontrolle ist ein sensibles Thema.
Sobald sich etwas nach
„Ich muss jetzt etwas tun“
anfühlt, kann das System blockieren oder überreagieren – selbst im Traum.
Das heißt:
Was für andere wie ein spannendes Experiment wirkt,
kann sich für dich plötzlich sehr real, sehr intensiv oder sogar zu viel anfühlen.
Und genau deshalb funktioniert der klassische Ansatz hier oft nicht.
Weil er davon ausgeht,
dass mehr Bewusstsein automatisch mehr Kontrolle bedeutet.
Für viele von uns bedeutet mehr Bewusstsein erst einmal:
mehr Reiz.
mehr Intensität.
mehr Systemreaktion.
Und genau da liegt der Schlüssel
für alles, was danach kommt.
Warum 90 % aller Anleitungen für dich nicht funktionieren
Wenn man anfängt, sich mit luzidem Träumen zu beschäftigen, landet man ziemlich schnell bei den gleichen Tipps:
„Mach regelmäßig Reality Checks.“
„Führe ein Traumtagebuch.“
„Sag dir vor dem Einschlafen, dass du luzid träumen wirst.“
Klingt erstmal logisch. Strukturiert. Machbar.
Und genau deshalb funktioniert es für viele neurodivergente Menschen… nicht.
Nicht, weil wir „zu undiszipliniert“ sind.
Nicht, weil wir es nicht richtig machen.
Sondern weil diese Ansätze oft an unserem Nervensystem vorbeigehen.
Viele dieser Methoden basieren auf Wiederholung, Kontrolle und bewusster Steuerung.
Also genau den Dingen, die bei ADHS, Autismus oder PDA schnell Druck erzeugen.
Plötzlich wird aus etwas Neugierigem ein inneres:
„Ich sollte das jetzt können.“
Und genau da kippt es.
Das Gehirn macht dicht.
Oder wird überaktiv.
Oder verliert komplett das Interesse.
Ich kenne das selbst sehr gut.
Je mehr ich versucht habe, luzid zu träumen,
desto weniger hat es funktioniert.
Weil ich angefangen habe, es zu „wollen“.
Zu „trainieren“.
Zu „optimieren“.
Und damit genau das kaputt gemacht habe,
was eigentlich nötig wäre: ein Zustand, der nicht erzwungen ist.
Gerade bei PDA wird das besonders deutlich.
Sobald etwas sich wie eine Anforderung anfühlt – selbst wenn sie von dir selbst kommt – entsteht Widerstand.
Nicht bewusst. Nicht absichtlich.
Sondern als Schutzreaktion deines Systems.
Und selbst bei ADHS ohne PDA-Anteile entsteht schnell ein anderes Problem:
Die Aufmerksamkeit wird zu eng.
Zu fokussiert.
Zu kontrolliert.
Und paradoxerweise entfernt dich genau das von dem Zustand,
in dem luzides Träumen überhaupt passieren kann.
Denn dieser Zustand ist nicht aktiv.
Er ist nicht angespannt.
Er ist eher…
offen.
durchlässig.
leicht unscharf.
Und genau das lässt sich schlecht erzwingen.
Das bedeutet nicht, dass all diese Methoden komplett sinnlos sind.
Aber sie sind oft nicht angepasst an ein Gehirn, das anders funktioniert.
Vielleicht liegt der Fehler also nicht bei dir.
Sondern bei der Idee,
dass man luzides Träumen wie eine Fähigkeit trainieren muss.
Vielleicht ist es eher etwas,
das passiert, wenn du aufhörst, es zu erzwingen.
Der entscheidende Unterschied: Kontrolle vs. Erkennen
Wenn man sich die meisten Anleitungen anschaut, läuft alles auf ein Ziel hinaus:
Kontrolle.
Den Traum steuern.
Situationen verändern.
Bewusst eingreifen.
Und genau das klingt erstmal logisch.
Wenn ich weiß, dass ich träume, dann will ich doch auch etwas damit machen, oder?
Aber genau hier entsteht oft das größte Missverständnis.
Denn Kontrolle ist nicht der Anfang von luzidem Träumen.
Sondern – wenn überhaupt – ein möglicher Nebeneffekt.
Der eigentliche Kern liegt woanders:
Im Erkennen.
Dieser eine Moment, in dem du merkst:
Das hier ist nicht echt.
Ohne dass du sofort reagierst.
Ohne dass du versuchst, etwas zu verändern.
Nur dieses kurze, klare Wahrnehmen.
Und gerade für neurodivergente Systeme ist genau das der entscheidende Punkt.
Weil Kontrolle sofort Aktivität erzeugt.
Sobald du denkst:
„Ich muss jetzt ruhig bleiben.“
„Ich darf nicht aufwachen.“
„Ich will das steuern.“
passiert genau das, was du eigentlich vermeiden wolltest:
Dein Nervensystem fährt hoch.
Der Traum wird instabil.
Oder du bist plötzlich wach.
Erkennen hingegen funktioniert anders.
Es ist passiv.
Beobachtend.
Fast wie ein kurzes Innehalten mitten im Geschehen.
Ein inneres:
„Ah. Okay.“
Mehr nicht.
Und genau dieser Zustand ist viel näher an dem,
was dein System sowieso schon kann.
Du musst nichts erzwingen.
Nichts festhalten.
Nichts kontrollieren.
Du bemerkst nur.
Vielleicht ist das der größte Perspektivwechsel in diesem ganzen Thema:
Luzides Träumen ist kein „Machen“.
Es ist ein Moment,
in dem du aufhörst, automatisch mitzulaufen –
und anfängst, wahrzunehmen.
Und wenn überhaupt etwas danach kommt,
dann entsteht es aus diesem Zustand heraus.
Nicht aus Druck.
Nicht aus Kontrolle.
Sondern aus Klarheit.
Eine ND-angepasste Annäherung – ohne Druck, ohne Zwang
Wenn man akzeptiert, dass luzides Träumen nicht über Kontrolle funktioniert,
verändert sich automatisch auch der Weg dorthin.
Nicht mehr „Wie bringe ich mich dazu?“
sondern eher:
„Wie erkenne ich es, wenn es sowieso passiert?“
Und genau da beginnt ein Ansatz, der für neurodivergente Systeme deutlich besser funktioniert.
Druck rausnehmen
Das klingt simpel – ist aber der wichtigste Punkt.
Solange im Hintergrund ein
„Ich will das jetzt lernen“
oder
„Ich sollte das können“
läuft, arbeitet dein Nervensystem gegen dich.
Ein hilfreicherer Gedanke ist:
„Wenn es passiert, erkenne ich es.“
Mehr nicht.
Kein Ziel.
Kein Muss.
Nur eine leise Bereitschaft.
Nicht den Traum merken – sondern das Gefühl
Viele versuchen, Träume inhaltlich festzuhalten.
Was ist passiert?
Wer war da?
Welche Szene?
Für ND-Gehirne ist oft etwas anderes hilfreicher:
Wie hat es sich angefühlt?
War etwas „komisch echt“?
Zu klar?
Zu intensiv?
Irgendwie leicht verschoben?
Dein System ist gut darin, Muster zu erkennen.
Nicht unbedingt Geschichten – aber Stimmungen.
Und genau diese Stimmungen sind oft der Schlüssel zum Erkennen.
Die Übergänge nutzen
Die meisten luziden Momente entstehen nicht mitten im stabilen Tiefschlaf,
sondern an den Übergängen.
Kurz vorm Einschlafen.
Kurz vorm Aufwachen.
Oder wenn du nachts kurz wach wirst.
Diese Zustände sind weder ganz wach noch ganz weg.
Und genau da ist dein System am durchlässigsten.
Nicht aktiv suchen.
Nur wahrnehmen, wenn du zufällig in diesen Momenten bist.
Mini-Checks statt Kontrolle
Die klassischen „Reality Checks“ fühlen sich oft wie Aufgaben an.
Für viele ND-Systeme funktioniert eher etwas Kleines, Unaufdringliches:
Ab und zu – ganz nebenbei – der Gedanke:
„Bin ich gerade wirklich hier?“
Ohne Zwang.
Ohne Routine.
Ohne Liste.
Eher wie ein kurzer Blick nach innen.
Wenn es passiert: nicht reagieren wie ein Feuerwerk
Der schwierigste – und gleichzeitig wichtigste Moment ist der,
in dem du es merkst.
Die erste Reaktion entscheidet oft darüber, ob du drinbleibst oder aufwachst.
Und die natürliche Reaktion ist:
Aufregung.
Überraschung.
„Oh mein Gott, es funktioniert!“
Und genau das kippt den Traum.
Hilfreicher ist etwas anderes:
Ruhig bleiben.
Beobachten.
Nicht sofort eingreifen.
Oder in einem Satz, der ziemlich gut beschreibt, worum es geht:
Der Moment, in dem du merkst, dass du träumst, ist der Moment, in dem du ihn verlierst – wenn du ihn festhalten willst.
Das alles ist keine Technik im klassischen Sinne.
Eher ein Verschieben von Haltung.
Weg von Kontrolle.
Hin zu Wahrnehmung.
Und genau deshalb funktioniert es für viele neurodivergente Menschen überhaupt erst.
Typische Probleme – und warum sie bei dir stärker sind
Wenn man über luzides Träumen spricht, klingt es oft leicht.
Fast spielerisch.
Aber die Realität sieht für viele anders aus.
Gerade, wenn dein Nervensystem ohnehin schneller reagiert als das der meisten.
Denn dieser Moment von Klarheit bringt nicht nur Bewusstsein.
Er bringt Intensität.
Und genau da beginnen die typischen Probleme.
Viele berichten, dass sie sofort aufwachen,
sobald sie merken, dass sie träumen.
Nicht, weil sie „es falsch machen“.
Sondern weil das System plötzlich hochfährt.
Herzschlag steigt.
Aufmerksamkeit wird scharf.
Und der Körper reagiert, als wäre etwas Wichtiges passiert.
Der Traum hält das oft nicht.
Andere erleben das Gegenteil:
Der Traum bleibt –
aber wird instabil.
Bilder verschwimmen.
Szenen brechen ab.
Oder alles fühlt sich plötzlich „zu dünn“ an,
als würde es gleich auseinanderfallen.
Auch das ist kein Fehler.
Es ist ein System, das versucht, zwei Zustände gleichzeitig zu halten:
Schlaf und Bewusstsein.
Und das ist anstrengend.
Gerade bei neurodivergenten Menschen kommt noch etwas dazu:
Überstimulation.
Der Moment von
„Ich bin gerade im Traum“
kann sich extrem intensiv anfühlen.
Zu intensiv.
Gefühle verstärken sich.
Reize wirken lauter.
Und was vorher noch „nur ein Traum“ war,
kippt plötzlich in etwas, das sich sehr real anfühlt.
Manche erleben dabei sogar Angst.
Nicht unbedingt vor dem Traum selbst –
sondern vor dem Kontrollverlust.
Oder davor, dass es zu echt wird.
Und dann passiert etwas ganz Typisches:
Das System zieht die Notbremse.
Du wachst auf.
Oder du „fällst raus“ aus dem klaren Moment
und bist wieder komplett im normalen Traum.
Das kann frustrierend sein.
Weil es sich anfühlt wie:
„Ich war so nah dran.“
Aber vielleicht ist das die falsche Perspektive.
Vielleicht warst du nicht „fast erfolgreich“.
Sondern genau da, wo dein System gerade sein konnte.
Luzides Träumen ist kein stabiler Zustand,
den man einmal erreicht und dann hält.
Es ist eher ein kurzer Kontaktpunkt.
Und gerade bei einem sensiblen, schnellen, vernetzten Nervensystem
ist dieser Punkt oft intensiver –
aber auch fragiler.
Und genau das macht ihn nicht weniger wertvoll.
Was dir niemand sagt (aber wichtig ist)
Es gibt viele Dinge, die über luzides Träumen gesagt werden.
Und mindestens genauso viele, die weggelassen werden.
Zum Beispiel das hier:
Du wirst nicht jeden Traum steuern können.
Auch nicht, wenn du weißt, dass du träumst.
Auch nicht, wenn du „alles richtig gemacht“ hast.
Manche Träume bleiben chaotisch.
Unlogisch.
Unberechenbar.
Und genau das ist kein Fehler.
Dein Gehirn bleibt dein Gehirn – auch im Traum.
Das bedeutet:
Wenn dein System zu Intensität neigt,
wird auch dein Traum intensiv sein.
Wenn dein Nervensystem schnell reagiert,
wird auch der Traum schnell kippen können.
Wenn Kontrolle ein sensibles Thema ist,
wird auch im luziden Zustand nicht plötzlich alles ruhig und steuerbar sein.
Ein weiterer Punkt, über den kaum jemand spricht:
Nicht jeder luzide Traum ist angenehm.
Manche sind verwirrend.
Manche sind emotional aufgeladen.
Manche fühlen sich sogar unangenehm echt an.
Weil sie aus genau dem Material bestehen,
das dein Gehirn sowieso verarbeitet.
Und das ist nicht immer leicht.
Luzides Träumen ist kein Escape-Tool.
Es ist kein Ort, an dem alles besser wird.
Keine sichere Parallelwelt, in der du dich beliebig bewegen kannst.
Es ist eher ein Moment,
in dem du deinem eigenen System bewusster begegnest.
Und das kann schön sein.
Klar.
Fast ruhig.
Aber eben auch roh.
Ungefiltert.
Ehrlich.
Vielleicht ist genau das der wichtigste Realitätscheck in diesem ganzen Thema:
Luzides Träumen macht dein Innenleben nicht einfacher.
Es macht es sichtbarer.
Und wenn man das einmal verstanden hat,
verändert sich auch die Erwartung.
Weg von
„Ich will das kontrollieren“
hin zu
„Ich will verstehen, was hier passiert.“
Und genau da wird es plötzlich nicht mehr überfordernd –
sondern sinnvoll.
Warum es sich trotzdem lohnt
Nach allem, was man darüber sagen kann –
die Instabilität, die Intensität, die fehlende Kontrolle –
stellt sich irgendwann die Frage:
Warum überhaupt?
Warum sich mit etwas beschäftigen,
das nicht zuverlässig funktioniert,
nicht immer angenehm ist
und sich nicht wirklich „lernen“ lässt wie eine Fähigkeit?
Die Antwort ist… leiser als erwartet.
Weil es etwas verschiebt.
Nicht im Außen.
Nicht sichtbar.
Aber innen.
Luzide Momente sind oft kurz.
Aber sie hinterlassen etwas.
Ein Gefühl von
„Ich war da – und ich habe es bemerkt.“
Nicht ausgeliefert.
Nicht komplett im Autopilot.
Sondern kurz… präsent.
Und gerade für neurodivergente Menschen ist genau das nicht selbstverständlich.
Ein System, das sonst oft überläuft,
reagiert, bevor es einordnen kann,
oder sich zwischen Reiz und Reaktion verliert,
erlebt plötzlich einen Zwischenraum.
Einen Moment, in dem Wahrnehmung vor Reaktion kommt.
Und das hat Wirkung.
Nicht im Sinne von Selbstoptimierung.
Nicht als „Tool“, das dich besser macht.
Sondern als Erfahrung.
Luzides Träumen kann ein Zugang sein
zu deinen inneren Bildern.
Zu den Mustern, die dein Gehirn ohnehin verarbeitet.
Zu Gefühlen, die im Alltag keinen klaren Platz hatten.
Und manchmal auch zu etwas, das schwer zu beschreiben ist:
Selbstwirksamkeit.
Nicht, weil du alles kontrollierst.
Sondern weil du merkst,
dass du dich selbst erkennst –
selbst in einem Zustand, in dem alles eigentlich automatisch läuft.
Vielleicht ist das der eigentliche Wert daran.
Nicht die Kontrolle über den Traum.
Sondern der Kontakt zu dir selbst
in einem Raum, in dem du sonst einfach nur funktionierst.
Und vielleicht reicht genau das schon aus.
Vielleicht geht es gar nicht um Kontrolle
Je länger ich mich mit dem Thema beschäftige,
desto mehr verschiebt sich der Blick darauf.
Am Anfang steht oft diese Idee:
Ich will das können.
Ich will bewusst träumen.
Ich will Einfluss haben.
Und irgendwann merkt man:
Vielleicht ist das gar nicht der Punkt.
Vielleicht geht es nicht darum,
deine Träume zu kontrollieren.
Vielleicht geht es darum,
dich selbst darin zu treffen.
In einem Zustand,
in dem du nicht performst.
Nicht erklärst.
Nicht maskierst.
Einfach bist.
Gerade für neurodivergente Menschen ist das selten.
Unser Alltag besteht oft aus Anpassung.
Aus Mitdenken.
Aus innerem Sortieren, bevor überhaupt etwas nach außen geht.
Selbst unsere Ruhe ist oft nicht wirklich ruhig.
Und dann gibt es diesen Raum – den Traum.
Ungefiltert.
Unkontrolliert.
Ehrlich.
Und mitten darin kann ein Moment entstehen,
in dem du dich selbst bemerkst.
Nicht perfekt.
Nicht vollständig.
Aber klar genug, um zu spüren:
Ich bin hier.
Vielleicht ist genau das der ruhigste Gedanke,
den man dazu haben kann:
Du musst nichts erreichen.
Nichts festhalten.
Nichts beweisen.
Dein System macht das sowieso.
Die ganze Zeit.
Und vielleicht ist luzides Träumen nichts anderes als
ein kurzer Moment, in dem du aufhörst, dagegen zu arbeiten –
und anfängst, es wahrzunehmen.
Nicht als Fähigkeit.
Nicht als Ziel.
Sondern als Begegnung.
Mit dir.
Vielleicht hast du das alles schon erlebt – ohne zu wissen, dass es einen Namen hat.
Diese kurzen Momente,
in denen etwas „anders“ war.
Klarer.
Wacher.
Als würdest du dich selbst mitten im Traum kurz ansehen.
Oder vielleicht kennst du eher die andere Seite:
Träume, die dich mitreißen.
Die zu intensiv sind.
Zu echt.
Beides gehört dazu.
Und beides sagt nichts darüber aus,
ob du „gut“ darin bist.
Wenn du magst, erzähl mir davon.
Hier. Oder auf Instagram.
Nicht, um etwas zu beweisen.
Sondern um sichtbar zu machen,
wie unterschiedlich unsere inneren Welten funktionieren –
und wie viel sie trotzdem gemeinsam haben.
Ich lese alles.
Herzlich,
FliWi
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